• vom 01.12.2016, 20:00 Uhr

Stadtleben

Update: 02.12.2016, 11:57 Uhr

Science Speed Dating

Ein Rendezvous unter Nerds




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Von Saskia Blatakes

  • Beim ersten Science Speed Dating sollen sich Experten und Laien geistig näherkommen. Ob das gutgehen kann?

Vertieft in intellektuelle Gespräche sind die Teilnehmer des Speed-Dating-Events wie auch Initiatorin Shalini Randeria, Chefin des IWM, am Anthropology-Tisch.

Vertieft in intellektuelle Gespräche sind die Teilnehmer des Speed-Dating-Events wie auch Initiatorin Shalini Randeria, Chefin des IWM, am Anthropology-Tisch.© Liane Tschentscher Vertieft in intellektuelle Gespräche sind die Teilnehmer des Speed-Dating-Events wie auch Initiatorin Shalini Randeria, Chefin des IWM, am Anthropology-Tisch.© Liane Tschentscher

Wien. Schauplatz ist die "10er Marie" in Ottakring, Wiens ältester Heuriger in der Ottakringer Straße 222. Draußen ist es schon dunkel und sehr kalt, drinnen riecht es nach Schnitzel, die Holzdecke und das warme Licht sorgen für eine heimelige Stimmung. Hier soll heute ein Rendezvous der anderen Art stattfinden. Das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) hat zum "Science Speed Dating" geladen. Die Idee: Wissenschaft unter die Leute, Experten und Laien ins Gespräch bringen.

Es hat noch nicht begonnen und schon sind alle in Gespräche vertieft. Auf den Tischen stehen Weinkaraffen, Knabbereien und Schilder: Anthropologie, Demokratie, Philosophie, Osteuropa. Hier warten die IWM-Experten auf ihre Dates. Aber ob sich hier gleich Wissenschafter und Laien gegenübersitzen werden oder die akademische Welt vielleicht doch unter sich bleibt, wird sich noch herausstellen.

Jetzt spielen erst mal "Martin Spengler und die foischen Wiener". Die Band verspricht "klassische Anbrat-Nummern", bevor Shalini Randeria, Chefin des IWM, die Gäste begrüßt. Die Wissenschaft müsse endlich raus aus dem Elfenbeinturm, und schiebt hinterher, ihr Institut sei eben kein Elfenbeinturm, die Veranstaltungen in der Spittelauer Lände stünden für alle offen. Sie verspricht einen "Woody-Allen-Moment": Alles, was sie schon immer wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten.


© Liane Tschentscher © Liane Tschentscher

Die Initiative kam von Wissenschafts- und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Die Idee: Die von der Stadt mitfinanzierten Institute sollen doch auch etwas zurückgeben, in die Bezirke gehen, sich unters Volk mischen. Die konkrete Idee zum Science Speed Dating hatte dann Knut Neumayer, Geschäftsführer des IWM. Sein Ziel: eine Debatte in lockerer Atmosphäre, die nicht nur die "üblichen Verdächtigen" anspricht, die ohnehin immer zu den IWM-Events kommen.

Die Regeln sind jetzt erklärt, genau wie beim herkömmlichen Speed Dating sollen die Teilnehmer alle zwanzig Minuten einen anderen Tisch aufsuchen, die Experten bleiben sitzen und warten auf Fragen.


© Liane Tschentscher © Liane Tschentscher

Raus aus dem Echoraum

Thiruni Kelegama sitzt am Anthropologie-Tisch und spricht über ihre Feldarbeit in Sri Lanka. Dort erforscht sie die Ausbreitung des Staates in noch unbeanspruchten Gebieten. Ihr Date, Michael Weiss, nickt. Aber versteht er die staatstheoretischen Ausführungen? Ja, natürlich, denn er ist selbst Anthropologe. Aufatmen. Das Fachsimpeln kann weitergehen. Geht das Konzept auf, die Wissenschaft unters Volk zu bringen, oder bleibt man hier unter sich?

Die Historikerin Holly Case erforscht utopistisches Denken und erzählt heute davon mit englischem Akzent. Ihre beiden Dates sind eine pensionierte Lehrerin und ein junger Mann. Es geht um den 45. amerikanischen Präsidenten Donald Trump, die Pensionistin nickt, der junge Mann schaut kritisch. Er beklagt sich, dass heute alle nur noch mit ihrer eigenen Meinung konfrontiert sind. "Ja, Echoraum", nickt die Wissenschafterin. Aber das habe es schon im 19. Jahrhundert gegeben, als es weit mehr Zeitungen als heute gab und jeder las, was zur eigenen Weltsicht passte. Ein wenig scheinen sich die Zuhörer von der historischen Perspektive getröstet zu fühlen.

Am Nachbartisch wird dagegen heftig gestritten. Philosophy steht auf dem Kärtchen und es geht gleich ans Eingemachte. Die Tischgesellschaft spricht über Intellektualismus und Utilitarismus und in welchem Verhältnis die beiden Denkschulen mit der Demokratie stehen. Auch nicht gerade laienhaft. Die USA hätten doch in ihrer Geschichte noch nie mit undemokratischen Elementen zu kämpfen gehabt, behauptet ein Teilnehmer. Sein wissenschaftliches Date ist Erika Kiss, sie lehrt an der Princeton University und ist gerade für ein Jahr in Wien. "Das kann nicht ihr Ernst sein", sagt sie aufgebracht. "Haben sie schon mal von Sklaverei gehört? Wissen Sie, wie lang es in den USA Sklaverei gab? Nennen sie das etwa nicht undemokratisch?" Der Teilnehmer schweigt. Österreichisches Harmoniebedürfnis trifft auf die offene amerikanische Streitkultur.

Endlich wird mehr geredet als gesoffen

Die "foischen Wiener" spielen auf, man wechselt die Tische. Nebenan ist jetzt Politologe Jan-Werner Müller eingetroffen. Als Populismusforscher ist er in den Nachwehen des Trump-Siegs gefragter denn je, an seinem Tisch drängen sich interessierte Bürger. Neben Müller sitzt Adam Daniel Rotfeld, IWM-Fellow und ehemaliger Außenminister von Polen. Er ist in ein Gespräch vertieft. Der Laie spricht und der Fellow lauscht. So ganz stimmt das mit dem Laien auch hier nicht. Der Teilnehmer heißt Alec Taylor, stammt aus Irland und veranstaltet dort in Pubs "Citizen’s Think-Ins", wo die Teilnehmer jeweils zwei Minuten Zeit bekommen, um einmal "ordentlich Dampf abzulassen".

Taylor ist begeistert über das IWM-Event. Er sagt: "Es heißt oft, die Menschen hätten kein Interesse an der Politik, aber das stimmt überhaupt nicht. Es stört sie nur, dass sie nie zu Wort kommen."

Und das scheint es auch zu sein, worum es an diesem Abend geht: Den Menschen die Möglichkeit geben, zu reden. Denn an den meisten Tischen sprechen die Teilnehmer mehr als die Wissenschafter. Dass so eine Veranstaltung eher interessierte Bürger anspricht als Politikverdrossene, versteht sich von selbst.

Der offizielle Teil ist vorbei, aber an den Tischen wird noch bis spät in die Nacht weitergeplaudert. Auch die Kellnerin ist zufrieden: "Sehr angenehm, hier wird ausnahmsweise mal mehr geredet als gesoffen." Ob die Teilnehmer wirklich alles gefragt haben, was sie je wissen wollten? Woody Allens Filme spielen jedenfalls auch meist im intellektuellen Milieu und kommen trotzdem gut an.

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Dokument erstellt am 2016-12-01 17:26:11
Letzte ─nderung am 2016-12-02 11:57:58




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