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Update: 17.01.2017, 17:53 Uhr

Wärmestuben

Damit niemand mehr auf der Straße steht




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Von Niklas Hintermayer

  • In Wien werden Wärmestuben für Obdachlose aufgestockt. Erstmals gibt es über 1000 Notschlafstellen.

- © apa/Herbert Neubauer

© apa/Herbert Neubauer

Wien. Eisiger Wind bläst einem ins Gesicht, die Jackenknöpfe bis nach oben hin zumachen, rasch die Finger in der Tasche verstecken. Bei den derzeitigen Minusgraden in Wien ist ein warmes Zuhause besonders wichtig. Doch nicht jeder kann sich dorthin zurückziehen. Zu viele Obdachlose haben mit der ständigen Suche nach einem halbwegs erträglichen Platz im Freien zu kämpfen. Die ist im Winter nicht nur hart und kräftezehrend, vor allem in der Nacht sind die eisigen Temperaturen kaum auszuhalten.

Um sich davon tagsüber etwas zu erholen, hat die Caritas 2012 erstmals Wärmestuben eingerichtet. Zu den bereits 19 bestehenden Standorten kommen nun drei weitere hinzu. Betrieben werden sie allesamt von Pfarren und Vereinen: "Wir verstehen uns als Ergänzung der Notschlafquartiere. Es kommen nicht nur Obdachlose, sondern auch Menschen, die wenig Geld haben und sich Energie- oder Essenskosten sparen wollen", sagt Maria Sofaly, Projektkoordinatorin der Pfarrcaritas, zur "Wiener Zeitung".


Sie skizziert den dortigen Tagesablauf: "Menschen bekommen einen warmen Aufenthaltsraum und eine kostenlose Verpflegung geboten, sie können plaudern und Karten spielen. Ein ehrenamtliches Team hat immer ein offenes Ohr", so Sofaly. Bis Anfang April haben die Wärmestuben geöffnet. Und zwar jede der Einrichtungen maximal einmal pro Woche, je nach Standort von 9 bis 18 Uhr. Somit stehen sieben Tage pro Woche geheizte Räume bereit. Die Aufstockung der Wärmestuben hat ihren guten Grund. Immer mehr bedürftige Menschen nutzen diese Einrichtung: Waren es im Winter 2012 noch insgesamt 422 Personen bei 13 Wärmestuben, stiegen diese 2014 auf 5673 an. Mit 8000 Menschen im Winter 2015 hat sich die Anzahl innerhalb von vier Jahren fast verzwanzigfacht. Über die Gründe für diesen Anstieg kann Projektkoordinatorin Sofaly nur mutmaßen: "Es hat wahrscheinlich mit der Bekanntheit der Stuben zu tun, und dass Wien generell anwächst."

"Die Rückmeldungen
sind positiv"

Stellt sich die Frage, was für Auswirkungen ein derartiger Anstieg für die Stimmung innerhalb der Wärmestuben hat? Kleinere haben rund 30 Plätze, größere wiederum mehr als 100. Kommt es da nicht zu Spannungen? "Die Rückmeldungen der Leiterin sind positiv. Es gibt eigentlich keine Betrunkenen oder Schlägereien. Höchstens Menschen mit psychischen Problemen, die mit sich selbst sprechen."

Mehr als zwei Drittel der Obdachlosen kommt aus Österreich, der Rest vor allem aus den östlichen Nachbarländern wie Slowakei oder Polen. Flüchtlinge hat es laut Sofaly bisher keine gegeben: "Diese waren bis jetzt meist in der Grundversorgung. Wenn manche nun herausfallen, kann es sein, dass auch Flüchtlinge kommen. Wir haben jedenfalls unsere Flyer auch in Arabisch bedruckt." Vielfältiger sind da schon die Standorte der Wärmestuben an sich. Sie konzentrieren sich zwar auf die Bezirke außerhalb des Gürtels, erstrecken sich jedoch von Leopoldau, bis nach Döbling und Rodaun in Liesing. Der zentralste Standort ist die Schottenpfarre auf der Freyung im ersten Bezirk.

Erstmals konfessionsübergreifend
Dass katholische und auch evangelische Pfarren für gemeinnützige Zwecke helfen, hat lange Tradition. Erstmals werden die Wärmestuben aber konfessionsübergreifend organisiert: Neben einem islamisch-türkisch betriebenen Standort in Favoriten, reicht das Spektrum von adventistischen (einer Freikirche) bis zu rumänisch-orthodoxen Pfarren. "Wir versuchen, unser Angebot auch auf andere Konfessionen zu erweitern. Es ist ein schönes Zeichen, dass der islamisch-türkische Verein ein Angebot schafft, dass besonders von Wienern genutzt wird", sagt Sofaly. Trotzdem wünscht sich Sofaly insgesamt mehr Wärmestuben.

Die Wärmestuben bieten zwar einen Platz untertags an, jedoch verstärkt sich gerade in der Nacht der Druck auf Obdachlose. Der Fonds Soziales Wien hat darauf bereits vergangene Woche reagiert: Die Notschlafstellen wurden im Rahmen des Winterpakets von 300 auf rund 1100 Plätze aufgestockt. Davon sind 700 bis Ende April eingerichtet. "Letzte Nacht hatten wir 120 freie Plätze - eine Auslastung von 88 Prozent", sagt ein Sprecher des Fonds Soziales Wien zur "Wiener Zeitung".




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Dokument erstellt am 2017-01-17 17:45:05
Letzte nderung am 2017-01-17 17:53:28




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