• vom 26.01.2017, 20:40 Uhr

Stadtleben

Update: 27.01.2017, 13:40 Uhr

Feinstaub

Wenn Wien die Luft wegbleibt




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Von Matthias G. Bernold

  • In Wien war die Luftqualität zuletzt miserabel. Laut aktuellen Messwerten des Umweltbundesamtes stiegen die Feinstaubwerte in den gesundheitsgefährlichen Bereich. Gegenmaßnahmen wie in Paris, Madrid, London oder Oslo gibt es keine.





Wien. Das Wolkengesicht schaut traurig drein: Es gehört zur Smartphone-Anwendung Plume (englisch für "Rauchschwade"), die für Städte in der ganzen Welt die aktuellen Luftgütemessungen sammelt und anzeigt.

In der vergangenen Woche warnte Plume gleich fünf Mal in diesem jungen Jahr vor "sehr hoher Luftverschmutzung" und Zurückhaltung bei körperlichen Aktivitäten im Freien. Eine Woche lang stufte die Umweltschutzabteilung der Stadt Wien (MA22) die Luftgüte als "unbefriedigend" oder sogar "schlecht" ein.

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Die Grenzwerte laut EU-Luftgüte-Richtlinie und die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden um mehr als das Doppelte überschritten. Erst am Dienstag entspannte sich die Situation langsam wieder. Mit diesen Messwerten - Quelle sind die offiziellen Luftgütemessungen des österreichischen Umweltbundesamtes und der MA22, auch für die Anwendung Plume - nahm Wien im Frischluft-Ranking der Städte einen negativen Spitzenplatz ein: Die Luft bei uns war zwischenzeitlich schlechter als in London, Paris, Mexiko City und sogar Peking, wo sich die Menschen an manchen Tagen nur noch mit Atemschutzmaske auf die Straße wagen.

An allen Messstellen Überschreitungen



"Seit dem 19. Jänner verzeichnen wir praktisch an allen Messstellen Überschreitungen der gesetzlichen Grenzwerte", erklärt der Umweltmediziner und stellvertretender Leiter des Instituts für Umwelthygiene an der Medizinischen Universität Wien Hans-Peter Hutter im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Die Überschreitungen sind so hoch wie sonst nur am Silvestertag nach den Feuerwerken. Das ist außergewöhnlich."

Was die genauen Ursachen angeht, sind sich die Wissenschaftler nach einer ersten groben Auswertung der Daten weitgehend einig: Das Wetter ist schuld. Laut Bundesumweltamt seien "für die hohe Belastung sehr ungünstige Ausbreitungsbedingungen - niedrige Windgeschwindigkeiten und starke Bodeninversion (d.h. die untere, kalte Luftschicht wird von der oberen, wärmeren abgeschirmt, Anm.)" bestimmend gewesen. Dazu kommen - bedingt durch die tiefen Temperaturen - erhöhte Emissionen.



"Wir haben den kältesten Jänner seit 20 Jahren, kaum Niederschlag", sagt auch Heinz Tizek von der MA22: "Und eine Wetterlage mit sehr, sehr geringem Austausch der Luftmassen. Sobald der Wind auf Nordwest dreht, wird sich die Lage wieder entspannen."

Anders gesagt: Die Schadstoffe, die in und um Wien produziert werden, sammelten sich wie eine Glocke über der Millionenstadt. Was sonst praktischerweise der Wind fortbläst, blieb diesmal da. Plötzlich konnten wir mitbekommen, wie viel Luftschadstoffe wir Tag für Tag produzieren.

Interessanter Aspekt dabei: Obwohl das Niveau der Luftverschmutzung über den Zeitraum von fast einer Woche von offiziellen Stellen als gesundheitsschädlich eingestuft war, blieben Warnungen an die Öffentlichkeit aus.

Grenzwerte als fauler politischer Kompromiss
Grund hierfür ist wohl die Rechtslage, in der sich das Gefahrenpotenzial von Feinstaub derzeit kaum niederschlägt. Seit 2005 legt eine EU-Richtlinie Grenzwerte für die Feinstaubfraktion PM10 - das sind die größeren Feinstaubpartikel, die weniger tief in den menschlichen Köper vordringen können - fest. Mit zwei Kriterien wird die Luftgüte überwacht: Ein Tagesgrenzwert von 50 Mikrogramm darf nicht öfter als 35 Mal im Jahr überschritten werden. Außerdem darf man den Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm/Kubikmeter nicht überscheiten. Für die kleineren Partikel (PM2,5) gilt seit 2008 europaweit ein Zielwert von 20 Mikrogramm im Jahresmittel. Das österreichische Immissionsschutzgesetz-Luft (IG-L) ist insofern strenger, als es festlegt, dass die Zahl von Tagesgrenzwerte bei PM10 maximal 25 Mal überschritten werden dürfen.

Auch wenn, so wie es in den vergangenen Tagen der Fall war, alle diese Tagesgrenzwerte überschritten werden, hat dies allerdings keine rechtlichen Konsequenzen: Anders als etwa bei bodennahem Ozon sieht der Gesetzgeber keine Akutmaßnahmen vor. Es gibt keine Verpflichtung, die Öffentlichkeit zu alarmieren. (Was natürlich Stadtverwaltungen nicht daran hindern würde, freiwillig einen Feinstaub-Alarm einzurichten: So geschehen etwa in Stuttgart.)

Minus 18 Monate bei der Lebenserwartung
Kritik an der herrschenden Rechtslage übt auch Ulla Rasmussen, Umweltreferentin beim Verkehrsclub Österreich (VCÖ): "Die Grenzwerte sind ein politischer Kompromiss, sie haben aber mit der tatsächlichen Gesundheitsgefahr wenig zu tun. Diesel-Ruß ist seit 2013 als krebserregend eingestuft. Jedes Mikrogramm davon ist gefährlich. Auch weit unter den Grenzwerten."

Tatsächlich sind die gesundheitsschädlichen Folgen hoher Feinstaubkonzentrationen inzwischen gut erforscht. Eine Vielzahl von Studien macht die kleinen und kleinsten Partikel, die unter dem Begriff Feinstaub zusammen gefasst werden, für Atemwegserkrankungen (Bronchitis, Asthmaanfälle), für Beeinträchtigungen des Schwangerschaftsverlaufes, für verschlechterte Lungenfunktion, Mittelohrentzündungen, Schädigung des Herz-Kreislauf-Systems bis hin zu Lungenkrebs und Herzinfarkt verantwortlich. Besonders Kindern und alten Menschen setzen die Schadstoffe in der Luft zu.

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Dokument erstellt am 2017-01-26 19:44:14
Letzte ─nderung am 2017-01-27 13:40:06




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