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Update: 20.02.2017, 13:36 Uhr

Wetter

"Bitte nicht aufhören"




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Von Arian Faal

  • Wegen des klirrend kalten Winters bittet die Caritas um mehr Spenden.

Besonders bei niedrigen Temperaturen sind Obdachlose auf die Hilfe der Caritas angewiesen.

Besonders bei niedrigen Temperaturen sind Obdachlose auf die Hilfe der Caritas angewiesen.© apa/Pfarrhofer Besonders bei niedrigen Temperaturen sind Obdachlose auf die Hilfe der Caritas angewiesen.© apa/Pfarrhofer

Wien. Auch wenn das trübe Straßenbild mit Glatteis und heftigem Schneefall am Dienstagabend gar nicht danach ausgesehen hat: Laut Meteorologen macht die Kältewelle in Wien bald eine Pause. Ab Donnerstag steigen die Temperaturen endlich wieder über den Gefrierpunkt.

Von rötlich angelaufenen Händen trotz Handschuhen, feuchten Füßen trotz Winterschuhen und dem eisigen Wind haben die meisten Wiener die Nase voll.


Wie kam es dazu, dass der Jänner heuer so klirrend kalt war bei uns? Beständige Hochdrucklagen, eisige Luft aus Osteuropa und Schneeflächen in weiten Teilen des Landes bescherten uns den kältesten Winter seit exakt 30 Jahren (also seit dem Winter des Jahres 1987) und es konnte massiv auskühlen.

Mit einer Temperaturabweichung von minus 3,3 Grad gegenüber dem langjährigen Mittel von 1981 bis 2010 schloss der erste Monat mit einer landesweiten Durchschnittstemperatur von - 6,1 Grad ab. Das sichtbarste Ergebnis dieser Zahlen waren die sogenannten Eistage. Darunter versteht man jene Tage, an denen die Temperatur nicht über den Gefrierpunkt hinauskommt.

In der City heftete Väterchen Frost die Nacht auf den 11. Jänner auf seine Fahnen: Diese Nacht war die erste mit weniger als minus 10 Grad seit 2012 im gesamten Stadtgebiet. Gleichzeitig war es in den vergangenen Tagen überwiegend trocken.

Kältewelle stellt große
Herausforderung dar

Der hartnäckige Winter hinterlässt auch deutliche Spuren in der karitativen Arbeit in Wien. Davon kann Susanne Peter, leitende Sozialarbeiterin in der Gruft in Mariahilf, ein Lied singen. "Wir hatten seit Jahresbeginn mehr als 2000 Anrufe beim Kältetelefon, das sind in einem Monat knapp so viele wie im gesamten Jahr 2016 und mehr als im Jahr 2015", erzählt sie.

Diese große Menge sei sowohl für die Betroffenen als auch für die Sozialarbeiter eine große Herausforderung. "Da war etwa der Anruf, dass eine 50-jährige Slowakin im 8. Bezirk neben einem Kleidercontainer auf einem dünnen Teppich liegt, nur mit einer kleinen Decke zugedeckt", sagt Peter. "Wir sind hingefahren und konnten die Dame in ein Notquartier bringen", ergänzt sie. "Oder der Mann, der bei der U-Bahn-Station im 22. Bezirk lag und gar nicht mehr wusste, dass er eine Wohnung hat, weil er psychisch labil ist, und der jetzt dank Kältetelefon auch wieder zu Hause ist", so die Sozialarbeiterin. Insgesamt konnten in diesem Winter bereits mehr als 300 Personen Schlafsäcke im Rahmen des Gruft-Winterpakets (siehe Kasten) ausgehändigt werden.

Die Gruft selbst mit ihren zwei Standorten in Wien ist in diesen Tagen auch Hauptanlaufstelle für viele Obdachlose oder Menschen am Rand der Gesellschaft. Nach Mariahilf etwa kommen 250 bis 300 Menschen täglich, um zu trinken, eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen, sich zu waschen, Kleidung zu bekommen oder einfach nur, um sich vor der Kälte zu schützen. Neben diesen Dienstleistungen bekommen sie auch die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und mit Sozialarbeitern über ihre Probleme, Anliegen und Sorgen zu sprechen. "Viele unserer Klienten haben eine Wohnung, können diese aber nicht wärmen, daher kommen sie zu uns", so Peter, die wegen des großen Andrangs im heurigen Winter seit November mehrmals ihr Personal aufstocken musste, sowohl in der Gruft als auch beim Kältetelefon.

Ihr Appell an die Wiener, die "nach wie vor großartig mithelfen und spenden" ist, "bitte nicht aufhören". Denn nur mit den Spenden sei es möglich, prompt zu helfen. Eigentlich ist es ihr egal, ob die Leute mit Geld- oder Sachspenden helfen, beim Winterpaket werde jedoch Geld bevorzugt. "Normalerweise kostet ein guter Schlafsack über 200 Euro, doch wir bekommen ihn günstiger und er ist wetterfest und hält Temperaturen bis minus 24 Grad aus", sagt sie. Klienten erzählen, dass es wichtig ist, die Jacke, die Schuhe und die Socken auszuziehen, wenn man in den Schlafsack hineinschlüpft, "denn wenn man wieder hinaus muss, gibt es sonst einen unangenehmen Kälteschock, und da ist es sinnvoll, wenn man die Jacke dann zum Anziehen hat", erklärt einer von ihnen.

Kältetelefon als
"wichtiger Lebensretter"

Seit Jänner bleiben die Menschen auch länger in der Gruft, da es draußen einfach viel zu kalt ist. Für die Caritas gibt es in diesem Winter noch viel zu tun, denn das Ziel ist, dass "jede und jeder, der einen Schlafplatz oder einen winterfesten Schlafsack benötigt, diesen auch erhalten kann".

Die Bevölkerung wird gebeten, neben den Spenden auch ein Auge auf die Ärmsten der Gesellschaft zu haben. So solle man nicht wegsehen und aktiv vom Kältetelefon Gebrauch machen, wenn man Menschen bei diesen Temperaturen am Straßenrand liegen sieht. Nur wenn die zuständigen Stellen die Informationen bekommen, können sie rasch und unbürokratisch helfen und somit Menschenleben retten.

(af) Gruft-Winterpaket

Das Paket für Obdachlose besteht aus einem Schlafsack und einem warmen Essen. Die Streetworker der Caritas verteilen winter- und schneefeste Schlafsäcke und versuchen, mit den Betroffenen in Kontakt zu kommen. Ein Schlafsack und vertrauensvolle Worte bedeuten nicht nur Wärme, sondern ein sicheres Überleben auf der Straße. Und das wiederum soll Mut machen, den Schritt weg von der Straße zu wagen.

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Dokument erstellt am 2017-01-31 18:53:05
Letzte nderung am 2017-02-20 13:36:10




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