• vom 15.02.2017, 18:08 Uhr

Stadtleben

Update: 16.02.2017, 11:13 Uhr

Verkehr

Kampf gegen den Feinstaub




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Von Matthias G. Bernold

  • Sperren, Fahrverbot für Dieselautos oder an geraden Tagen: Städte gehen gegen Luftverschmutzung vor.

Im Jänner kam es in Wien dem VCÖ zufolge zu mehr Feinstaub-Grenzwertüberschreitungen als im gesamten Vorjahr. - © Alexander Rüsche dpa/lnw

Im Jänner kam es in Wien dem VCÖ zufolge zu mehr Feinstaub-Grenzwertüberschreitungen als im gesamten Vorjahr. © Alexander Rüsche dpa/lnw

Paris hat im September 2016 das rechte Seine-Ufer für den Autoverkehr dauerhaft gesperrt. Seither ist es Fußgängern und Radfahrern vorbehalten und bietet Platz für Projekte wie "Paris Plage".

Paris hat im September 2016 das rechte Seine-Ufer für den Autoverkehr dauerhaft gesperrt. Seither ist es Fußgängern und Radfahrern vorbehalten und bietet Platz für Projekte wie "Paris Plage".© Reuters Paris hat im September 2016 das rechte Seine-Ufer für den Autoverkehr dauerhaft gesperrt. Seither ist es Fußgängern und Radfahrern vorbehalten und bietet Platz für Projekte wie "Paris Plage".© Reuters

Wien. Die Luftverschmutzung in Österreichs Städten ist bedenklich (die "Wiener Zeitung" berichtete bereits vor etwas mehr als zwei Wochen). Vor allem in Wien und Graz kam es im Jänner zu deutlichen Überschreitungen der gesetzlichen Richtwerte und der Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Die Feinstaub-Konzentrationen stiegen zwischenzeitlich auf ein Niveau, wie man es sonst nur aus den Smog-Hauptstädten Peking und Lima kennt.

Allein im Jänner zeigten die Wiener Luftgüte-Messungen Überschreitungen der Grenzwerte für die größeren PM10-Partikel an insgesamt dreizehn Tagen an: Das sind - wie der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) feststellt - bereits mehr Feinstaub-Überschreitungen als im gesamten Vorjahr. Bis zum heutigen Tag liegen die Konzentrationen der kleineren PM2,5-Partikel, die tief in den menschlichen Körper eindringen, beinahe jeden Tag in gesundheitsgefährdenden Bereich. In Graz war die Luftverschmutzung laut Aufzeichnungen des Umweltbundesamtes noch schlimmer. In knapp eineinhalb Monaten wurden die Grenzwerte an 26 Tagen überschritten. Das Jahreslimit liegt bei 25 Tagen - ein Verstoß gegen EU-Richtlinie und Immissionsschutzgesetz. (Der aufgrund der zahnlosen Gesetzgebung vermutlich folgenlos bleiben wird.)


Obwohl der Autoverkehr - wie zahlreiche Studien belegen - als eine der Hauptursachen der Luftverschmutzung in den Städten feststeht, fallen die Reaktionen der hiesigen Politiker spärlich aus. In Graz wurde immerhin beim öffentlichen Verkehr nachjustiert: Mit einem Einzelfahrschein durfte man 24 Stunden lang unterwegs sein. Die Wiener Umweltstadträtin Ulrike Sima lehnt Akut-Maßnahmen jedoch ab. Ihr Argument: Die Situation werde sich mit einer Änderung der Wetterlage entspannen. Lediglich langfristige Maßnahmen seien sinnvoll.

Selbstverständlich ist Luftverschmutzung keine österreichische Besonderheit. So berichtet diese Woche auch der britische "Guardian" in einem Dossier über den "Krieg gegen die Luftverschmutzung", "der in den Straßen der Städte gewonnen oder verloren wird". Wie dieser Krieg gegen die Luftverschmutzung aussehen kann, zeigen inzwischen Stadtverwaltungen auf der ganzen Welt. Mit Akut-Maßnahmen zur Besserung der Luftgüte und dauerhaften Regelungen, die massiv die Mobilität der Bürger berühren: großflächige Verkehrsberuhigung, Umwandlung von Hauptverkehrsrouten in Fußgänger-Boulevards, City-Maut, großzügiger Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und Anreize für eine Elektrifizierung des motorisierten Individualverkehrs.

Was man noch vor wenigen Jahren als politisches Programm radikaler Umweltschützer abgetan hätte, ist zum selbstverständlichen Teil pragmatischer Stadtpolitik geworden. Hier eine Liste von Maßnahmen, die zur Zeit umgesetzt werden (Ausgangspunkt dieser Recherche ist ein im Februar veröffentlichter Bericht des Weltwirtschaftsforums, der in Kooperation mit dem Wirtschaftsportal "Business Insider" entstand):

1. Madrid

Im Herbst 2016 begann Madrids Bürgermeisterin Manuela Carmena ihren Plan zu verwirklichen, private Kfz aus der Innenstadt zu verbannen. So soll Madrids wichtigste Straße, die Gran Vía, bis zum Mai 2019 nur noch für Fahrräder, Busse und Taxis befahrbar sein. Dasselbe gilt für 25 der momentan am stärksten befahrenen Straßen. Unter dem Eindruck der hohen Feinstaub-Belastung strebt die Stadt außerdem an, alle Diesel-Fahrzeuge bis zum Jahr 2020 aus Madrid zu entfernen.

2. Oslo

Feinstaub und andere Schadstoffe in der Luft haben Oslo zu einem Umdenken gezwungen. Die 1,9 Millionen Bürgerinnen und Bürger im Ballungsraum Oslo stöhnen häufig unter Inversions-Wetterlage, wie sie im Jänner und Februar auch in Wien und Graz vorherrschte: Dabei wird die untere, kalte Luftschicht von der oberen, wärmeren abgeschirmt, sodass es nur zu einem geringen Austausch der Luftschichten kommt. Die von Industrie und veralteten Heizungen, vor allem aber vom Autoverkehr produzierten Abgase bleiben wie eine Glocke über der Stadt hängen.

Als Sofortmaßnahme erlies die rot-grüne Stadtregierung heuer im Jänner ein mehrtägiges Diesel-Fahrverbot. Innerhalb der nächsten zehn Jahre sollen Diesel-Pkw generell verboten sein. Damit nicht genug, bis 2024 will die Stadtverwaltung sämtliche Autos mit Verbrennungsmotoren aus dem innerstädtischen Ring vertreiben. Als ergänzende Maßnahme soll der öffentliche Verkehr weiter ausgebaut, die Citymaut drastisch erhöht und der Kauf von elektrisch betriebenen Kfz massiv gefördert werden.

3. Hamburg

Glaubt man dem aktuellen Mobilitäts-Ranking der "Allianz pro Schiene", einem Zusammenschluss von deutschen Verbänden, Gewerkschaften und Hochschulen, dann rangiert Hamburg, wenn es um nachhaltigen Verkehr geht, unter den deutschen Bundesländern an letzter Stelle. Das Ranking bewertete die Länder anhand von offiziellen Daten in fünf Kategorien - Lärmbelastung, Luftqualität, Flächenverbrauch, Verkehrssicherheit und dem Klimaschutz. Um die rote Laterne abzugeben, setzt Hamburg jetzt auf ein interessantes Instrument: das sogenannte Grüne Netz, eine Verknüpfung von Parkanlagen, Spiel- und Sportflächen, Kleingartenanlagen und Friedhöfen durch breite Grünräume oder schmalere Grünverbindungen. Wie die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt auf ihrer Website darlegt, soll es damit möglich sein, "sich ungestört vom Straßenverkehr auf Fuß- und Radwegen im Grünen innerhalb der Stadt und bis in die freie Landschaft am Rande der Stadt zu bewegen". Bis zum Jahr 2035 soll das "Grüne Netz" in Hamburg bereits 40 Prozent von der Stadtfläche umfassen.

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Dokument erstellt am 2017-02-15 18:12:08
Letzte ńnderung am 2017-02-16 11:13:30




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