• vom 16.02.2017, 15:42 Uhr

Stadtleben

Update: 23.02.2017, 15:18 Uhr

Kattunfabrik

Maßgeschneiderte Integration




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Von Valentine Auer

  • Die Übungsschneiderei Kattunfabrik in Wien hilft geflüchteten Textilarbeitern, am österreichischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

In Afghanistan arbeitete Jawad Haidari als Weber, heute ist er als Schneider im 2. Bezirk tätig.

In Afghanistan arbeitete Jawad Haidari als Weber, heute ist er als Schneider im 2. Bezirk tätig.© Auer In Afghanistan arbeitete Jawad Haidari als Weber, heute ist er als Schneider im 2. Bezirk tätig.© Auer

Wien. Die alte Pfaff-Nähmaschine rattert. Jawad Haidari folgt konzentriert dem Auf und Ab der Nadel. 2000 flüchtete er aus Afghanistan. Dort war er als Weber tätig. Heute arbeitet er geringfügig bei der Übungsschneiderei Kattunfabrik in Wien. Um ihn herum reihen sich bunte Stoffe, Kisten voller Kleiderbügel, Maß- und Saumbänder aneinander. Zum regelmäßigen Rattern der Nähmaschine gesellt sich ein leises Brummen eines in die Jahre gekommenen Laptops. Dahinter sitzt Jimmy Nagy, Gründer und Leiter der Kattunfabrik - einer Schneiderei, die eine Anlaufstelle für Personen ist, die nur schwer einen Platz am österreichischen Arbeitsmarkt finden.

Seit Ende 2016 am Wiener Kunstkanal in der Leopoldstadt angesiedelt, begann die Geschichte der Kattunfabrik in einer kleinen Werkstatt in St. Pölten: Jimmy Nagy und sein Lebensgefährte machten sich dort 2015 mit der Produktion von Hundehalsbändern selbständig. Die damaligen Zustände im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen veranlasste die beiden zu helfen. Sie luden geflüchtete Menschen ein, die Maschinen und Stoffe in der St. Pöltner Werkstatt zu nutzen, um ihre Kleidung zu reparieren. "Die Leute, die in unsere Werkstatt kamen, fragten nach den deutschen Bezeichnungen bestimmter Werkzeuge und Materialien, sie wollten wissen, wie wir handwerklich arbeiten", erinnert sich Nagy. Die Idee der Kattunfabrik entstand.


30 Prozent der Flüchtlinge
aus Textilindustrie

"Viele der Geflüchteten arbeiteten in der Textilbranche, meist in der Großindustrie. Daher hatten wir Menschen, die die Verarbeitung für den europäischen Textilmarkt kennen. Das wollten wir nutzen und ihr Wissen und Können mit dem Qualitätsanspruch in Österreich zusammenbringen", erklärt Nagy. Rund 30 Prozent der Leute, die nach Österreich flüchteten, arbeiteten in ihrer Heimat in der Textilbranche, berichtet er weiter.

So auch Jawad Haidari. Er arbeitete in Kabul als Weber und Teppichknüpfer und ist gelernter Bekleidungshersteller für Herren- und Damenmode. 2000 begann seine lange Flucht, zuerst in den Iran, später in die Türkei. Dort landete Haidari in einer türkischen Textilfabrik, in einem ausbeuterischen Arbeitsverhältnis. Im Akkord schneiderte er Kleidung für den europäischen Markt. Überleben konnte er nur durch Ernährungsprogramme der UNO. Haidari flüchtete weiter - über Griechenland nach Westeuropa.

2015 schließlich die Ankunft in Österreich. Kurz danach erfuhr er von der Kattunfabrik. Eigentlich wollte er dort seine eigene Kleidung reparieren, absolvierte dann aber als einer der Ersten das viermonatige Tutorium der Kattunfabrik - Tutorium: Das heißt Vokabeltraining, Vermittlung von theoretischem Wissen und das Umsetzen des Gelernten in die Praxis. Damit will die Kattunfabrik weg von einem reinen Beschäftigungsprojekt. Langfristiges Ziel ist, die Übenden in den Arbeitsmarkt zu integrieren und "bezahlbare Kleidung anzubieten, die nicht krank macht - weder die Menschen in der Produktion, noch die Menschen, die die Kleidung tragen", sagt Nagy. Derzeit gibt es pro Runde 15 Tutoriumsplätze. Die Nachfrage ist jedoch deutlich höher: 70 Menschen stehen auf der Warteliste.

Gleichzeitig bereitet die Kattunfabrik die Tutoriumsteilnehmer für weitere Maßnahmen vonseiten des AMS vor und gilt als erste Anlaufstelle für die Kompetenzschecks des AMS Wien, wenn es um die Erhebung von Qualifikationen geflüchteter Textilarbeiter geht.

Insbesondere Frauen, die in ihrer Heimat in der Textilbranche tätig waren, werden gefördert: "Es kommen sehr viele Näherinnen, die keine Ausbildung haben und sich das Gesamtkonzept der Schneiderei nicht zutrauen. Frauen waren in ihrer Heimat sehr benachteiligt. Hier haben sie noch viel größere Probleme, den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen", schildert Nagy eine der Herausforderungen. Hoffnungsvoll fügt er schnell hinzu: "Wir versuchen, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der es keine Diskussionen über Sexualität, Religion oder Geschlecht gibt. So haben auch Frauen die Möglichkeit, in einem gemischten Setting gleichberechtigt mitzuarbeiten."

Vermittlung in den Arbeitsmarkt
Mittlerweile hat Haidari nicht nur einen positiven Asylbescheid, sondern seit Anfang Februar seine erste geringfügige Arbeitsstelle in Wien - bei der Kattunfabrik. Doch nicht nur Haidari schaffte den ersten Sprung in den österreichischen Arbeitsmarkt. Alle "Übenden" erhielten einen positiven Asylbescheid, manche konnten bereits ihre Ausbildung und Arbeitserfahrungen anerkennen lassen. Ein Tutoriumsteilnehmer machte sich mit einer Änderungsschneiderei selbständig. Ein weiterer bereitet sich darauf vor, in den Stoffimport einzusteigen. Eine weibliche Teilnehmerin verkaufte selbstproduzierte Kissen im Weihnachtsgeschäft.

Dem Gründer der Kattunfabrik ist bewusst, dass offene Stellen in der österreichischen Textilindustrie enden wollend sind. Laut der Statistik des Sozialministeriums arbeiteten im Jahresdurchschnitt 2016 insgesamt 15.878 unselbständige Beschäftigte in der Herstellung von Textilien, Kleidung und Lederwaren. In Wien waren es 693 Personen, 31 Prozent von ihnen besitzen eine ausländische Staatsangehörigkeit. Zum Vergleich: Der Ausländeranteil aller unselbständigen Beschäftigten in Wien liegt mit 25 Prozent klar darunter.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-16 15:48:05
Letzte nderung am 2017-02-23 15:18:07




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