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Stadtleben

Update: 14.03.2017, 16:44 Uhr

#femstorm

Mit den Waffen der Männer




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Von Bernd Vasari

  • Am Arbeitsmarkt geht die Geschlechterschere auseinander. Mit Netzwerke wollen Frauen nun die gläserne Decke durchbrechen.

Die gegenseitige Unterstützung in Karrierewegen steht heute im Mittelpunkt von Frauenbewegungen. - © Marisa Vranjes

Die gegenseitige Unterstützung in Karrierewegen steht heute im Mittelpunkt von Frauenbewegungen. © Marisa Vranjes



Demonstration im Jahr 1974 gegen das damalige Abtreibungsverbot.

Demonstration im Jahr 1974 gegen das damalige Abtreibungsverbot.© Stichwort Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung Demonstration im Jahr 1974 gegen das damalige Abtreibungsverbot.© Stichwort Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung

Wien. Die politische Frauenbewegung in Österreich ist tot. Es lebe das Frauennetzwerk! Zogen Frauen früher mit geballter Faust durch die Straßen, um ihre Gleichberechtigung in einer männerdominierten Welt einzufordern, so haben sie heute ihre Strategie geändert. Nicht mehr die lautstarke Änderung der Gesellschaft steht im Mittelpunkt, sondern die stille, gegenseitige Unterstützung in Karrierewegen. Die Männerwelt wollen sie dabei mit ihren eigenen Mitteln schlagen. Genau wie die Männer bilden sie Seilschaften, von denen nur das eigene Geschlecht profitiert. Diese Netzwerke sollen die gläserne Decke endlich durchbrechen. Denn bis heute wird Frauen der Weg in die oberen Etagen von Unternehmen und Politik schwer gemacht.

Das erfolgreichste Frauennetzwerk in Österreich ist derzeit "Sorority" (deutsch "Schwesternschaft"). Ihre 400 Mitglieder sind junge Frauen, viele von ihnen mit Universitätsabschluss. Sie haben es satt, dass der Mann der Frau den Job wegschnappt, der Mann und nicht die Frau befördert wird und der Mann Karriere macht, während die Frau sich um die Kinder kümmert.

Vor vier Jahren wurde das Netzwerk gegründet. Seitdem treffen sich die Frauen in monatlichen Workshops, Podiumsdiskussionen und Mitgliederversammlungen. Hier bilden sie sich weiter, tauschen Erfahrungen aus und vermitteln sich gegenseitig Jobs. Hier leben sie, was sie in der Männerwelt vermissen. Akribisch genau achten sie darauf, dass nicht die lauteste, sondern jede weibliche Stimme erhört wird.

Veröffentlichung der Zitate verweigert

Auch auf ihr eigenes Image sind sie sehr bedacht. Als gebildete Frauen kennen sie die Mechanismen der Medienbranche, die sie zu ihren Gunsten zu nützen versuchen. Es geht so weit, dass jede Antwort in Interviews vor Veröffentlichung intern besprochen wird. Passen die Antworten nicht ins Bild, werden sie abgelehnt, so wie die "Wiener Zeitung" nun selbst erfahren musste.

Nach dem einstündigen Treffen, bei dem das Interview für diesen Artikel mit Sorority-Gründerin Therese Kaiser geführt wurde, verlangte sie die Einsicht der vom Redakteur ausgesuchten Zitate. Diese bekam sie daraufhin per E-Mail übermittelt. Obwohl die Zitate 1:1 von Kaiser stammten, verweigerte sie jedoch die Veröffentlichung. Die von ihr gegebenen Antworten würden zu dümmlich klingen, begründet Kaiser die Entscheidung. Darauf hätte man sich nach Durchsicht der Zitate auch innerhalb des Netzwerks verständigt. Zudem möchte "Sorority. Verein zur branchenübergreifenden Vernetzung und Karriereförderung von Frauen in Österreich" - so der vollständige Name - nicht als karrieristisches Netzwerk rüberkommen. Auch aktuelle Fotos gab es keine. "Wenn ich mit dem Artikel zufrieden bin, dann schicke ich Fotos", sagte Kaiser.

Das Magazin "Profil" hatte vor mehr als einem Jahr mehr Glück. Die Antworten Kaisers und von Mitbegründerin Katharina Brandl durften abgedruckt werden.

Aus purem Idealismus sei das Netzwerk gegründet worden, sagte Brandl in dem Interview. "Wir haben einfach gemerkt, dass es kein branchenübergreifendes Karriere-Netzwerk für Frauen, insbesondere nicht für ein jüngeres Publikum, gibt", erklärte sie. Dabei sei die Ungleichbehandlung von Frauen eine grundsätzliche Erfahrung.

Der Makel der Frauen

Der Eintritt in den Arbeitsmarkt, die ersten Karriereschritte. Es dauert nicht lange, bis die männlichen Kollegen vorbeiziehen. Noch bevor die ersten Familien gegründet werden, geht die Einkommensschere auseinander. "Anfang zwanzig bis Mitte/Ende dreißig ist es schon wichtig, auf eigenen Beinen zu stehen. Sonst rutscht man sehr leicht in eine Abhängigkeit, vielleicht auch von einem Partner", sagte Kaiser dazu im "Profil"-Interview.

Ein strukturelles Problem der österreichischen Gesellschaft, sieht die Geschlechterforscherin Birgit Sauer. "Frauen haben aus der Perspektive der Arbeitgeber einen Makel, dass sie schwanger werden können und deshalb möglicherweise für eine Weile ausfallen", erklärt sie. "Daraus ergibt sich eine bestimmte Perspektive auf Frauenlöhne und bei Gehaltsverhandlungen." Das Ergebnis: Die Beförderung und das bessere Gehalt bekommt der Mann. Zahlen der Statistik Austria bestätigen dies. Durchschnittlich 34.092 Euro verdienten Frauen mit einem ganzjährigen Vollzeitjob im Jahr 2015. Um 18 Prozent weniger, als ihr männliches Gegenüber (41.556 Euro).

Das Denkmuster der Arbeitgeber wird zur Stopptaste der Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Mit weniger Gehalt und einer schlechteren Position in ihrem Job ist sie es, die ihre Stunden im Berufsleben reduziert und sich der Kinderbetreuung widmet. Der besser verdienende Mann arbeitet weiterhin Vollzeit. 73,7 Prozent der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren arbeiten in Teilzeit, bei Männern sind es nur 6,7 Prozent.

Während Frauen sich um den Nachwuchs kümmern, machen ihre Männer Karriere und gründen Netzwerke. Dabei handelt es sich - im Gegensatz zu Frauennetzwerken wie Sorority - um informelle Zusammenkünfte. Die Männer treffen sich auf ein Bier, schauen gemeinsam Fußball, oder gehen Golf spielen. Es sind die gemeinsamen Nachmittage und Abende neben der Arbeit, die für den weiteren Berufsweg entscheidend sind. Hier besprechen sie ihre nächsten Karriereschritte. Und das ganz nebenbei. Sie werden in Aufsichtsräte berufen und vergrößern ihren Einfluss.

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Dokument erstellt am 2017-03-03 17:21:08
Letzte nderung am 2017-03-14 16:44:22




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