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Update: 07.03.2017, 16:40 Uhr

Männer

Papa, der Feminist




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Von Solmaz Khorsand

  • Suspekt sind sie, die Männer, die sich als Feministen bezeichnen. Meinen sie es ernst oder ist es nur Koketterie?

Als "bärtiger Feminist" stellt Karim Saad auf seiner Seite weibliche Role Models vor. - © privat

Als "bärtiger Feminist" stellt Karim Saad auf seiner Seite weibliche Role Models vor. © privat



Wie kann ich meine Tochter zu einer starken Frau erziehen? Diese Frage plagt so manchen Vater.

Wie kann ich meine Tochter zu einer starken Frau erziehen? Diese Frage plagt so manchen Vater.© fotolia Wie kann ich meine Tochter zu einer starken Frau erziehen? Diese Frage plagt so manchen Vater.© fotolia

Wien. Feminist zu sein ist ein Vollzeitjob. Das hat Karim Saad spätestens seit der Geburt seiner Tochter vor drei Jahren festgestellt. Seither ist der 34-Jährige ständig auf der Hut. Vor dem nächsten Klischee, der nächsten Rollenzuschreibung, dem nächsten pinken Label. Ob es die riesige Mädchenpappfigur in der Spielwarenabteilung ist, mit der ein Kinderbügelbrett beworben wird, die lachende Prinzessin auf dem "Mädchenshampoo" oder die Gutenachtgeschichte, in dem die Burschen die großen Abenteuer erleben und die Mädchen die braven Ponyreiterinnen mimen, die sich gegenseitig die Haare flechten und einander versichern, wie schön sie doch sind.

"Ich lese diese Geschichten um. Oder werfe die Bücher weg", erzählt er. Mittlerweile ist Saad Profi in der Immunisierung des ökonomischen Genderpaläozoikum. "In fast jedem dieser Bücher - und sind sie noch so lieb geschrieben und zeigen die Frauen noch so empowered - sind es die Frauen am Ende des Tages, die die Schürze tragen, das Abendessen kochen, nicht arbeiten und das Kind zu Bett bringen. Der Papa hilft zwar mit. Aber wo? Er arbeitet im Garten und macht das Handwerkliche", erklärt Saad und schüttelt den Kopf.

Gemeinsam mit seiner Frau, einer Nachmittagsbetreuerin, hat der Publizist und Unternehmensberater zwei Kinder, einen fünfjährigen Sohn und eine dreijährige Tochter. Beiden erklärt er die Welt. Dass Männer und Frauen gleich an Rechten und Fähigkeiten sind. Dass Mädchen genauso Lust auf Abenteuer haben. Und Burschen genauso gut bügeln können. Doch seit seine Tochter auf der Welt ist, zerbricht sich Karim Saad intensiver den Kopf darüber, wie er sie zu einer starken Frau erziehen kann. Aufgewachsen in der Wachau, als Sohn einer österreichischen Pflegeheimmanagerin und eines ägyptischen Tankstellen-Pächters, war er von starken Frauen umgeben: Mutter, Großmutter, Tagesmutter. Auch seine Tochter soll selbstbestimmt ihr Leben leben. Für das Online-Magazin Edition F verfasste er dazu kürzlich einen Essay "Papa, der Feminist: Wie ich mich als Vater an feministischer-Erziehung versuche." Ein Beitrag, der online Wellen schlug. "Für mich ist es eine vollkommene Selbstverständlichkeit Feminist zu sein. Um Johanna Dohnal zu zitieren: Wenn es um die Vision des Feminismus geht, geht es nicht um eine weibliche Zukunft sondern eine menschliche Zukunft", stellt Saad klar.

Für Männer
ein Spannungsfeld

Männer und Feminismus. Es ist eine schwierige Beziehung. Für die einen sind feministische Männer Masochisten, die sich von den vermeintlichen Männerhasserinnen geißeln würden. Für die anderen Wölfe im Schafpelz, die sich gerne als aufgeklärte Zeitgenossen verkaufen, sich aber ganz gut mit ihren Privilegien arrangiert haben. Wer sich als Feminist identifiziert, betritt als Mann ein Spannungsfeld. Meint er es ernst? Lebt er es denn? Oder ist es nur ein Kokettieren mit dem Zeitgeist? Wer holt das Kind von der Schule ab, wenn die Lehrerin anruft, weil ihm schlecht ist? Wer steht jeden Nachmittag am Spielplatz? Wer macht den Mund auf, wenn der Hintern der Kellnerin in der Männerrunde begutachtet wird? Wer verweigert die Beförderung, obwohl die Kollegin offensichtlich qualifizierter wäre, aber ein potenzielles Karenzrisiko darstellt, das kein Chef eingehen möchte? Wer stößt freiwillig mit beiden Händen das Silbertablett weg, das einem Zeit seines Lebens präsentiert wurde und stellt auch noch den zur Rede, der es gebracht hat? Wer tut das am Ende des Tages?

"Es sind schwierige Situationen diese Privilegierung nicht in Anspruch zu nehmen", gibt Erich Lehner zu Bedenken. Der Psychotherapeut sitzt im Vorstand des "Dachverbands für Männer in Österreich." Die Organisation hat es sich unter anderem zum Ziel gesetzt, "strukturelle männliche Bevorzugungen in einer patriarchalen Gesellschaft sichtbar zu machen und kritisch zu reflektieren - und gleichzeitig auch Benachteiligungen von Männern aufzuzeigen und zu bearbeiten." Denn das Patriarchat würde auch den Männern schaden, so die Überzeugung. Alle würden davon profitieren, wenn Väter stärker in die Brutpflege miteinbezogen werden und Burschen nicht permanent eingebläut wird, dass ein echter Mann nicht weine.

Seit 1989 beschäftigt sich Erich Lehner mit der Männerforschung. Damals hat er sich auch als Feminist "geoutet." Anfangs war das noch schwierig. Groß war die Angst bei den Feministinnen, dass er als Männerforscher seine Geschlechtsgenossen mit Argumenten "neu munitioniere", damit sie ihre Privilegien aufrechterhalten könnten. Mittlerweile wissen sie, dass er für die gleiche Sache kämpfe. "Doch es wird schwieriger. Ich erkenne bei den Leuten eine gewisse Müdigkeit, was Genderfragen angeht", sagt Lehner. Es ist anstrengend sich tagtäglich damit auseinanderzusetzen, insbesondere, wenn die Wirtschaft eine andere Realität vorzugaukeln versucht. Als einzelner scheint der Kampf gegen den pink-blauen Industriekomplex aussichtslos. Denn egal wie viele Superman-Shirts Eltern ihren Töchtern kaufen, am Ende wird sie ja doch wieder zu einer Prinzessinengeburtstagsfeier mit pinken Partyhüten eingeladen, die von Müttern ausgerichtet wird. Hat der Einzelne überhaupt eine Chance, dagegen anzukommen? "Jein. Wenn man der Meinung ist, man muss vollkommen eine Eigenständigkeit entwickeln hat man keine Chance, aber das ist auch nicht das Leben", sagt Lehner. "Es geht nicht darum, dass die Kinder politisch korrekte Männer und Frauen werden, sondern dass sie flexible Geschlechterrolle entwickeln und so flexibel auf die Welt zugehen können."

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Dokument erstellt am 2017-03-06 18:03:08
Letzte Änderung am 2017-03-07 16:40:42




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