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Stadtleben

Update: 09.03.2017, 17:29 Uhr

Polizei

Schießstand statt Papierarbeit




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Von Arian Faal

  • Seit 50 Jahren gibt es in Wien Polizistinnen. Einst teils belächelt, heute unverzichtbar. Ein Rückblick.

Polizistinnen in Wien: früher Exotinnen, heute unverzichtbar. - © apa/Georg Hochmuth

Polizistinnen in Wien: früher Exotinnen, heute unverzichtbar. © apa/Georg Hochmuth

Wien. Seit 50 Jahren gibt es in Wien Polizeibeamtinnen. Es war ein schwerer und steiniger Weg, bis sie sich in einem bis heute männlich dominierten Beruf behaupten konnten, aber 2017 sind sie fixer Bestandteil des polizeilichen Bereiches.

"Wir sind sehr stolz auf unsere Frauen im Polizeidienst. Sie sind kompetent und unverzichtbar. Daher legen wir auch größten Wert darauf, dass wir auch viele Frauen, auch mit Migrationshintergrund neu aufnehmen", sagt der Wiener Polizeioberst Johann Golob im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Schauen Sie, 54 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind weiblich, daher ist es nur logisch, dass wir das bei der Polizeiarbeit auch abbilden wollen", ergänzt er.

"Holaubek-Mädels" als Vorreiter

Von einer prozentuellen Gleichstellung ist man aber nach wie vor weit entfernt, auch wenn sich der Frauenanteil erhöht hat (siehe Wissen). Ein Rückblick lohnt sich jedenfalls. Begonnen hatte alles im Herbst 1965, als der legendäre Polizeipräsident Josef "Joschi" Holaubek den ersten Polizeikurs für Frauen ausschrieb. Die Aufregung war groß, sowohl medial als auch polizeiintern. Holaubek ließ sich aber nicht beirren. Knapp 700 Bewerberinnen meldeten sich, 63 wurden nach einem aufwendigen Verfahren aufgenommen. Voraussetzung war eine Mindestgröße von 163 Zentimetern, Brille durften die Frauen keine tragen. Zudem mussten sie körperlich gesund sein. Von den Frauen hielten nur wenige durch. "Wir waren ein Fremdkörper im Männerstall. So war es uns nur erlaubt, eine für uns reservierte Stiege zu nutzen, und Smalltalk mit den Burschen war sowieso tabu", erinnert sich eine der ersten Polizistinnen, die mittlerweile pensioniert ist und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Getragen wurden nur Röcke, und im Speisesaal gab es eine "Zweiklassengesellschaft", sprich einen eigenen Tisch für die auszubildenden Damen.

Zwei Jahre später, also 1967, erhielten die frischgebackenen Polizistinnen ihre Dienstzeugnisse und wurden als "provisorische Polizeiwachmänner" bezeichnet. Denn Frauen wurden in der archaischen Männergesellschaft nicht akzeptiert. Holaubek, der den Wirbel rund um die Aktion mitbekommen hatte, wagte es in der Folge nicht mehr, einen weiteren Kurs auszuschreiben. Das Projekt wurde vorläufig auf Eis gelegt, der nächste Anlauf erfolgte erst in den 1990er Jahren.

So ging dieser Jahrgang als die "vergessenen" Polizistinnen Wiens und als die "Holaubek-Mädels" in die Annalen ein. Auch hinsichtlich der Dienstgestaltung war die erste Tranche der Polizistinnen ganz und gar nicht gleichgestellt. Ihren Dienst durften sie nur tagsüber und ohne Waffe versehen. Streifenfahrten, Observationen, Papierarbeit und Telefonate gehörten zum Aufgabengebiet. Bestimmte Lokalitäten durften Beamtinnen nicht betreten. Erst ein Jahr später bekamen sie Walter-PKK-Pistolen. Das Hauptproblem war aber ein anderes: bei der Amtshandlung ernstgenommen zu werden. Sprüche wie "Von einer Frau lass ich mir nichts sagen" oder "Hol deinen Chef, Fräulein" gibt es auch heute noch manchmal. "Wir mussten uns mit unserem Auftreten Respekt verschaffen. Daher haben wir unsere Haare hochgesteckt, grimmig geschaut und sind stoisch aufgetreten", erinnert sich die pensionierte Beamtin weiter.

Zu den angenehmeren Aufgaben gehörte zweifelsohne der diskrete Personenschutz durch Frauen bei Staatsbesuchen und Prominenten. "Bei der Begleitung von Grace Kelly hatten wir eine große Hetz", erzählt die ehemalige Beamtin. Entsprechend schockiert reagierten die "Holaubek-Mädels", als die Polizei in Wien Anfang der 1990er mit viel medialem Tam-Tam die Anstellung der angeblich ersten Polizistinnen bekanntgab.

Heute ist das Frausein an sich bei der Polizei überhaupt kein Thema mehr. Es gibt keinen Ausbildungskurs ohne weibliche Teilnehmer, und alle Bewerberinnen und Bewerber werden gleich behandelt. Ältere Kollegen nehmen sich oft der Fragen und der Ausbildung der jungen Kolleginnen an. Es gibt sogar eine spezielle Sensibilisierung des männlichen Personals, etwa respektvoll mit den Kolleginnen umzugehen.

"Finden Sie sich
einfach damit ab"

Denn manchmal ist die Kollegin gleichzeitig die Chefin und ranghöher. Da kann es sein, dass der zu Vernehmende von einem Polizisten mit den Worten zurechtgewiesen wird: "Finden Sie sich einfach damit ab, dass die Amtshandlung von der Frau Kollegin durchgeführt wird." In naher Zukunft will das Innenministerium den Anteil an Sicherheitswachbeamtinnen österreichweit auf 30 Prozent anheben. Bis zur völligen Gleichstellung ist es noch ein langer Weg.

(af) Laut Innenministerium sind mit dem Stichtag 1. Jänner 2017 in Wien 6262 Männer und 1402 Frauen im Exekutivdienst (davon 524 Männer und 193 Frauen derzeit in Ausbildung). Das macht 7664 Bedienstete, davon 717 in Ausbildung, und einen Frauenanteil von 18 Prozent aus. Bei der Auswahl wird darauf geachtet, dass sehr viele Bewerberinnen aufgenommen werden, auch mit Migrationshintergrund. Es gibt in der Landespolizeidirektion (LPD) Wien einige hohe Beamtinnen, die in ihren jeweiligen Bereichen/Dienststellen hohe Funktionsträgerinnen sind, aber es gibt derzeit keine "oberste Polizistin", die auf die gesamte LPD Einfluss hätte. Bis vor kurzem wäre hier LPD-Vizepräsidentin a. D. Michaela Kardeis zu nennen gewesen. Sie hat aber mittlerweile eine neue Funktion im BMI übernommen. Dennoch gibt es sowohl Exekutivbeamtinnen in hohen Offiziersrängen als auch hohe rechtskundige Beamtinnen und hohe Beamtinnen im allgemeinen Verwaltungsdienst in den Polizeikommissariaten und in den verschiedenen Abteilungen der LPD Wien.

Wissen

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Schlagwörter

Polizei, Frauen, Jubiläum, #femstorm

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Dokument erstellt am 2017-03-09 16:54:08
Letzte nderung am 2017-03-09 17:29:42




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