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Stadtleben

Update: 22.03.2017, 10:33 Uhr

Kaffeehauskultur

Ein Ort wie damals




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Von Arian Faal

  • Das Café Griensteidl in Wien feiert seinen 170. Geburtstag. Ein Rückblick auf ein Stück Wiener Kaffeehausgeschichte.

Eine bildliche Reminiszenz an das alte Griensteidl an der Wand. - © Stanislav Jenis

Eine bildliche Reminiszenz an das alte Griensteidl an der Wand. © Stanislav Jenis



Wien. Schon am frühen Morgen herrscht an diesem Märzvormittag hektisches Treiben am Michaeler Platz. Fiaker, Taxis, Menschen in Eile. Viele der Passanten, gleich ob Touristen oder Geschäftsleute, machen einen kleinen Abstecher in eine Wiener Institution, die heuer ihren 170. Geburtstag feiert: das Café Griendsteidl mit einem Fassungsvermögen von 170 Gästen. Vergessen sind die unwahren Gerüchte über eine mögliche Schließung, denn der Vertrag zwischen dem Hauseigentümer und dem Inhaber, DO&CO, zu dem auch Demel gehört, ist unbefristet.

Es ist aber ein "falsches" Jubiläum, denn das Café existierte von 1847 bis 1897 und feierte dann 1990, nach einer fast hundertjährigen Unterbrechung, eine wundersame Wiederauferstehung (siehe Kasten). Davon wissen die meisten Besucher aber nichts, denn es herrscht eine eigenwillige Energie und Atmosphäre: Schnell noch ein kleines Glas Leitungswasser zum Kaffee, der kleine Teelöffel drauf, das darf nicht fehlen. Das Mascherl des Herrn Ober sitzt perfekt. Es duftet nach selbstgemachtem Gugelhupf und die Zeit scheint stillzustehen. Und darauf ist die Chefin, Gabriele Haslauer, die das Haus seit der Wiedereröffnung 1990 führt, besonders stolz.

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"Wir haben bei der Renaissance des Griensteidls darauf geachtet, dass wir viele Dinge von früher übernehmen", erzählt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Es sollte - wie damals - ein Ort des Wohlgefallens und des Austausches werden. Passend zu dieser Philosophie wurden extra dafür einige Bände von alten Lexika, etwa Meyers Konversationslexikon aus dem Jahre 1890, besorgt, die in den Anfangsjahren nach der Wiedereröffnung auch eifrig benutzt wurden. "Heute wird natürlich alles gegoogelt", ergänzt die 57-jährige Chefin mit einem Lächeln.

60 Prozent Stammgäste, vertraute Atmosphäre
Dennoch sei das Vertraute und Angenehme, dieses Verhältnis zwischen Gästen und Personal das wichtigste Element für ein funktionierendes Kaffeehaus. "Wir haben von Montag bis Freitag mehr als 60 Prozent Stammgäste (,die Etablierten‘), die kennen ihre Kellner beim Vornamen und bekommen ihren gewohnten Platz", sagt Haslauer. Daher sei es immens notwendig, die Fluktuation beim Personal gering zu halten. Die restlichen 40 Prozent sind Touristen und Laufkundschaft. "Das zweite Wohnzimmer soll ein vertrauter Ort sein, wo alles seinen gewohnten Lauf hat, und dazu gehört auch Beständigkeit", unterstreicht die Gastronomin. Viele der Gäste sind im Griensteidl so "etabliert", dass sie weder bestellen müssen noch um einen Platz ansuchen. "Wir kennen die Vorlieben unserer Gäste", so Haslauer weiter. Die Kellner wüssten genau, wer wann kommt und was er will. So würde der kleine Braune schon kurz nach dem Eintreffen auf dem Tisch stehen, wenn ein Gast ihn immer automatisch bestellt.

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Dokument erstellt am 2017-03-21 17:42:07
Letzte ─nderung am 2017-03-22 10:33:06




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