• vom 24.03.2017, 18:00 Uhr

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Update: 24.03.2017, 19:20 Uhr

Kriminellenjäger

"Ich erkenne Diebe in Sekunden"




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Von Daniel Bischof

  • Seit dreißig Jahren stellt Jan T. in seiner Freizeit Verbrechern nach. "Ich kann nicht lockerlassen", sagt der 66-Jährige.

Jan T. zeigt gerne und oft auf mutmaßliche Verbrecher. - © Jenis

Jan T. zeigt gerne und oft auf mutmaßliche Verbrecher. © Jenis

"Das ist mein Revier", sagt T. über die Straßenbahnhaltestellen beim Westbahnhof.

"Das ist mein Revier", sagt T. über die Straßenbahnhaltestellen beim Westbahnhof.© Stanislav Jenis "Das ist mein Revier", sagt T. über die Straßenbahnhaltestellen beim Westbahnhof.© Stanislav Jenis

Wien. Nicht der Sport, nicht die Natur, nicht die Kultur zieht Jan T. in ihren Bann. Nein, einer ganz anderen Leidenschaft ist der 66-Jährige verfallen. Einer Leidenschaft, die ihn bei Tag und in der Nacht fesselt. Einer Leidenschaft, deren Gefangener er ist. "Ich kann mich nicht befreien", sagt er. Fast täglich lauert der Pensionist Kriminellen auf. Alleine 2015 und 2016 half er der Polizei dabei, an die 200 Ladendiebe, zehn Pkw-Einbrecher und 100 bis 150 Taschen- und sonstige Trickdiebe zu fassen. "Es ist wie eine Sucht."

30 Jahre ist es her, dass sich die unsichtbaren Ketten erstmals um ihn schmiegten. An den Tag kann er sich genau erinnern. "Ich bin am Samstag in Richtung Brunnenmarkt zum Einkaufen gefahren. An einer Kreuzung habe ich Taschendiebe bemerkt. Das war für mich interessant. Ich bin denen weiter zum Westbahnhof gefolgt. Am Südbahnhof habe ich dann die gleichen Taschendiebe wiedergesehen. Da habe ich angefangen, sie zu beobachten."

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Anfangs habe er überhaupt nichts mit der Polizei zu tun haben wollen. Als Ausländer - der gebürtige Pole T. kam 1981 nach Österreich - habe er Angst vor der Polizei gehabt. "Doch dann stieß ich auf zwei nette Polizisten. Ich habe auf die Taschendiebe gezeigt. Die wurden festgenommen und abgeschoben."

Eine ungewöhnliche Karriere ward geboren. Noch oft sollte T. mit seinen Fingern auf Verdächtige zeigen. "Ich kann nicht lockerlassen. Jeden Tag ist etwas, wenn nicht sogar mehrmals. Ich finde immer was, da ich neugierig bin. Es wird so viel gestohlen. Die Politiker haben ja keine Ahnung", erklärt der Pensionist.

"Das ist mein Revier"
Besonders viele Diebstähle beobachtet T. beim Westbahnhof und bei der äußeren Mariahilfer Straße. "Die meisten Geschäftsleute kennen mich schon. Sie grüßen mich freundlich und wollen, dass ich komme." Meist steht T. aber bei den Straßenbahnhaltestellen und U-Bahn-Stationen. "Das ist mein Revier."

Gleich bei seinem Revier, im Café Westend beim Westbahnhof, hat T. an einem schönen Montagvormittag Platz genommen. Sobald er von seiner Tätigkeit berichtet, packt ihn die Leidenschaft. Er will erzählen und erzählen. Begeistert und detailreich redet er dann über diesen und jenen Vorfall, immer wieder fragend, ob man schon diesen und jenen Diebestrick kenne.

Etwa den Trick, bei dem der Täter sein Opfer mit einer Flüssigkeit bespritzt und dann sagt: "Oje, das ist schmutzig." Während das Opfer abgelenkt ist, nimmt ein zweiter Täter dessen Tasche weg.

T. sind all diese Tricks bekannt. Er erkennt Diebe an deren Nervosität, dem ständigen Umdrehen, deren Kleidung, deren Blicken. "Die Taschendiebe schauen auf die Opfer und suchen die Handtasche. Ich merke das sofort. In Sekunden." Da T. neben Polnisch und Deutsch auch andere Fremdsprachen wie Russisch und Slowakisch spricht, kann er manche Kriminelle auch belauschen.

Wenn er einen Verdächtigen sieht, geht er ihm nach. "Ich verstecke mich. Ich spiele so ein bisschen." So nimmt er etwa eine Tasche mit, damit er nicht auffallend herumsteht. "Man muss was können, ein Schauspieler sein. Man darf nicht direkt in die Augen schauen. Keine Sekunde. Sonst ist alles vorbei", erzählt der äußerst agil und fit wirkende T.

Kleinere Theaterrollen
In der Theaterbranche war T. in seinem Brotjob tätig. Ab 1982 arbeitete er im Burgtheater, wo er unter anderem für die Requisiten und die Technik zuständig war. Auch kleinere Rollen, etwa in Arthur Schnitzlers "Reigen", hat er verkörpert. "Deswegen kann ich auf der Straße sehr gut spielen." Bühnengrößen wie Paula Wessely hat er persönlich gekannt.

Als Claus Peymann Burgtheaterdirektor wurde, wechselte er zur Gemeinde Wien. Dort arbeitete er im Landesarchiv. Auch unter einem gewissen Stadtrat Werner Faymann war er tätig: "Er ist manchmal gekommen und war sehr freundlich." Vor sechs Jahren ging T., der vier Jahre nach seiner Ankunft österreichischer Staatsbürger wurde, in Pension. Während all dieser Zeit jagte er in seiner Freizeit bereits Verbrechern nach. Sogar am Heiligen Abend hat er schon Dieben aufgelauert. "Ich unterstütze seit 30 Jahren die Wiener Polizei."

"Viele Polizisten kennen mich schon. Sogar die vom Notruf 133." Immer wenn er Wahrnehmungen macht oder Verdächtige verfolgt, ruft er die Polizei an. Sieht er verdächtige Personen, die noch nichts gemacht haben, kommen Polizisten in Zivil. "Man beobachtet dann gemeinsam. Meistens ist es ein Volltreffer."

"Der beste Polizist von Wien"
Ein Polizist, den T. regelmäßig kontaktiert, ist Michael Hendrich, dienstführender Beamter der Polizeiinspektion Am Platz in Hietzing. Er gesellt sich zu T. im Café Westend. "Das ist der beste Polizist von Wien. Weltklasse. Ich belästige ihn ja meistens wegen den Taschendieben. Auch privat. Ich rufe ihn an und er kommt sofort", sagt der Pensionist. "Wenn es sich ausgeht", korrigiert ihn Hendrich, der sich auf Eigentumsdelikte spezialisiert hat. "Mittlerweile weiß er schon, wann ich Dienst habe und wann nicht", erklärt er.

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Dokument erstellt am 2017-03-24 18:05:09
Letzte ─nderung am 2017-03-24 19:20:26




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