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Update: 10.06.2017, 10:36 Uhr

Katholische Kirche

"Es werden sicher noch mehr Kirchen abgegeben"




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Von Mathias Ziegler

  • Kardinal Christoph Schönborn im Oster-Interview über die Strukturreform der Erzdiözese Wien, Frauen und Männer in der Kirche und warum Priester mehr gemeinsam beten sollten.



"Ich wüsste nicht, wie man eine Lockerung des Zölibats praktisch umsetzen sollte", sagt Erzbischof Christoph Schönborn.

"Ich wüsste nicht, wie man eine Lockerung des Zölibats praktisch umsetzen sollte", sagt Erzbischof Christoph Schönborn.© apa/Hans Punz "Ich wüsste nicht, wie man eine Lockerung des Zölibats praktisch umsetzen sollte", sagt Erzbischof Christoph Schönborn.© apa/Hans Punz

"Wiener Zeitung": Herr Kardinal, wie haben Sie die Fastenzeit verbracht? Haben Sie sich ein spezielles Fastenopfer vorgenommen?

Christoph Schönborn: Ja, ich habe mir vorgenommen, früher aufzustehen, um mehr Zeit fürs Gebet zu haben. Es ist mir nicht jeden Tag gelungen, aber es hat sich im Großen und Ganzen bewährt.

Der Karfreitag steht vor der Tür - da ist ja wieder einmal die Debatte aufgeflammt, ob es ein Feiertag für alle sein soll. Wären Sie dafür?

Die Österreicher haben so viel frei durch die katholischen Feiertage, dass ich es den Evangelischen gönne, wenn sie einen eigenen Feiertag haben. Ich glaube, wir sind das Land in Europa mit vermutlich den meisten kirchlichen Feiertagen als Staatsfeiertagen. Darüber bin ich sehr froh. Ich würde aber auch mit etwas Ironie sagen: Es wäre gut, wenn alle, die sich über diese freien Tage freuen, auch wüssten, warum diese Tage frei sind.

Wichtiger ist mir jedenfalls, dass der Sonntag frei bleibt. Ich halte es für sehr problematisch, wenn gewisse politische Kreise versuchen, ganz Wien zur Tourismuszone erklären zu lassen, damit alle Geschäfte am Sonntag geöffnet sein können. Das halte ich für einen Irrweg, und wir werden nach wie vor mit einer breiten Allianz gemeinsam mit Gewerkschaften, Gewerbetreibenden und Teilen der Industrie dafür kämpfen, dass der Sonntag frei bleibt.

Apropos politische Kreise: Was sagen Sie als Kind einer Flüchtlingsfamilie zur Asylpolitik der christlich-sozialen ÖVP und den jüngsten Äußerungen der Minister Sebastian Kurz und Wolfgang Sobotka?

Ich pflege nicht über die Medien den Politikern meine erste Reaktion auf ihre Äußerungen mitzuteilen. Ich führe mit beiden intensive persönliche Gespräche, und unsere Standpunkte sind nicht völlig deckungsgleich.

In der Erzdiözese Wien läuft derzeit eine Strukturreform mit Pfarrzusammenlegungen. Sind Sie zufrieden mit dem bisherigen Verlauf?

Changeprozesse sind immer auch mit Schwierigkeiten verbunden, das ist aus allen Bereichen der Wirtschaft, der Gesellschaft, selbst der Familie bekannt. Sie sind aber auch notwendig. Und mit dem bisherigen Verlauf bin ich sehr zufrieden und eigentlich überrascht von den guten Ergebnissen. Die Strukturreform hat natürlich auch damit zu tun, dass die Zahl der Katholiken in Wien deutlich zurückgegangen ist und vermutlich auch weiter zurückgehen wird.

Aber der positive Aspekt ist, dass wir in größeren Räumen besser zusammenarbeiten können und die Begabungen der Einzelnen mehr zum Tragen kommen können. Das erleben wir in den bisher entstandenen Pfarren Neu ganz deutlich. Es bewährt sich, wenn Pfarrgemeinden miteinander einen Weg gehen, sich austauschen und einander gegenseitig bereichern. Und ich sehe auch bei den Priestern, dass es gut ist, wenn nicht alle das Pfarreramt haben müssen, sondern auch einfach als Seelsorger tätig sein können und nicht unbedingt die Leitung übernehmen müssen.

Welche Rolle spielt bei der Reform der Spargedanke? Mit der Katholikenzahl gehen ja auch die Einnahmen der Kirche zurück. Bisher sieht man bei den Pfarren Neu zum Beispiel kaum personelle Einsparungen, es gibt meist genauso viele hauptamtliche Mitarbeiter wie vorher.

Gott sei Dank ist es möglich. Aber diese Hauptamtlichen sind nicht mehr aufgeteilt auf einzelne Pfarren, sondern können größere Teams bilden und die Aufgaben gemeinsam wahrnehmen. Eines der Anliegen der Strukturreform ist ja, dass nicht jede Pfarre das volle Programm machen muss, sondern dass die einzelnen Gemeinden in der neuen Struktur der größeren Pfarre das tun können, was ihre Begabung ist, und einander gegenseitig helfen. Man kann zum Beispiel die Erstkommunionvorbereitung in einer Gemeinde konzentrieren und nicht in allen vier oder fünf Gemeinden dasselbe Programm durchführen.

Also wird sich der Einspareffekt eher im Laufe der Zeit durch Synergien in den Pfarren ergeben?

Wir mussten bisher beim Personal nicht drastisch einsparen. Wir gewinnen aber sicher durch die bessere Zusammenarbeit der Hauptamtlichen mit den Ehrenamtlichen. Durch die Synergien, die da entstehen, kann auch das Gemeindeleben lebendiger werden.

In den vergangenen Jahren wurden insgesamt sechs Gotteshäuser an Schwesterkirchen abgegeben. War es das jetzt oder sind noch weitere Schenkungen geplant?

Es werden sicher noch mehr werden. Wir haben eine erheblich wachsende Zahl von anderen christlichen Gemeinden in Wien, und wir sind froh, wenn wir Gebäude, die wir selber nicht mehr erhalten können, nicht als Shoppingcenter oder Nachtclubs oder was auch immer hergeben müssen, sondern wenn sie anderen christlichen Kirchen dienen. Das werden wir sicher noch weiter machen.

Zuletzt wurde die Pfarrkirche Maria vom Siege am Mariahilfer Gürtel an die Kopten abgegeben.

Zuletzt wurde die Pfarrkirche Maria vom Siege am Mariahilfer Gürtel an die Kopten abgegeben.© CC/Wolfgang Glock Zuletzt wurde die Pfarrkirche Maria vom Siege am Mariahilfer Gürtel an die Kopten abgegeben.© CC/Wolfgang Glock

Sehen Sie vom Prozessablauf her Unterschiede zwischen den Stadt- und den Landdekanaten?

Die Stadt ist ein wenig schneller in der Entwicklung. Vielleicht auch, weil sie den Druck stärker spürt. Die Landgemeinden haben traditionellerweise eine stärkere eigene Kohärenz, und natürlich haben wir auch Landpfarren, die sehr, sehr alt sind, zum Teil mit tausendjähriger Geschichte. Da überlegt man sich natürlich dreimal, ob man eine so alte Pfarre in eine größere Einheit hinein nicht auflöst, sondern überträgt. Und ich verstehe schon, dass Gemeinden an ihrer Identität festhalten wollen. Deshalb ist der Prozess in manchen Landregionen einfach langsamer. Aber überall geht es deutlich auf mehr Zusammenarbeit hin, das ist einfach das Gebot der Stunde. Abgesehen davon sind manche Landpfarren winzig klein. Wir haben zum Beispiel einen Pfarrverband im Weinviertel mit neun Pfarrgemeinden, die zusammen nur 2400 Katholiken haben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-07 13:24:08
Letzte Änderung am 2017-06-10 10:36:51




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