• vom 19.04.2017, 22:23 Uhr

Stadtleben


Anatoli Karpow

Schach und Politik




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Von Margot Landl

  • Schachgroßmeister Anatoli Karpow im Dienste der UNO in Wien.

13 von 14 Simultanpartien hat Karpow bei seinem Wien-Besuch innerhalb von zweieinhalb Stunden gewonnen.

13 von 14 Simultanpartien hat Karpow bei seinem Wien-Besuch innerhalb von zweieinhalb Stunden gewonnen.© Landl 13 von 14 Simultanpartien hat Karpow bei seinem Wien-Besuch innerhalb von zweieinhalb Stunden gewonnen.© Landl

Wien. Anatoli Karpow stützt sich mit beiden Händen auf den Tisch. Konzentriert betrachtet er die Stellung, die nun nach etwa einer Stunde und dreißig Zügen gegen seinen kubanischen Gegner entstanden ist. Für gewöhnlich hält er die linke Hand hinter dem Rücken, während er von Brett zu Brett schreitet, nun führt er sie angespannt an die Stirn, an den Mund und wieder zurück. Nach etwa einer Minute Bedenkzeit zieht er energisch den b-Bauern zwei Felder nach vorne und marschiert zum nächsten Brett, wo ein deutscher Herausforderer vor sich hingrübelt.

Im Dienste der UNO
14 Gegner hat der russische Ex-Weltmeister an diesem Tag zu besiegen, und zwar alle gleichzeitig, so wie es ein Simultanturnier will. Wer gegen ihn antreten darf, sind ständige Vertreter einzelner Nationen und internationaler Organisationen. Sie sind allesamt männlich, der überwiegende Teil davon bereits fortgeschrittenen Alters. Ob aus Ungarn, Armenien oder Australien: Wenn sie sich in ihre Stellung vertiefen, sehen sie alle gleich aus.

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Anatoli Karpows Besuch in Wien am Monatsbeginn begeisterte zwar vor allem Liebhaber und Liebhaberinnen des königlichen Spiels, der Anlass war allerdings ein anderer. Bis morgen wird in der UNO-City unter dem Titel "Schach und Umweltschutz" ein Teil der Briefmarkensammlung des Schachgroßmeisters ausgestellt sein. Karpow ist nämlich nicht nur eine Schachlegende, sondern auch ein Philatelist. Bereits vor einigen Jahren fand in der UNO-City eine Ausstellung einiger Briefmarken von ihm unter dem Titel "The History of the United Nations" statt.

Mit der "Wiener Zeitung" sprach Karpow über seinen Werdegang. Seit 1982 ist er Präsident der "International Association of Peace Foundations", später engagierte er sich in der Opferhilfe nach dem Atomunglück von Tschernobyl und als Unicef-Sonderbotschafter gegen Jodmangel - noch vor zehn Jahren ein großes Problem in Ost- und Zentraleuropa. Stolz erzählt er, dass während seiner Zeit als Botschafter der Prozentsatz der betroffenen Kinder deutlich verringert werden konnte. Bis heute ist Karpow auch Schirmherr der "Internationalen Kinderheims" in Iwanowo. Nicht zuletzt kandidierte er auch als Präsident des Weltschachbundes Fide, allerdings ohne Erfolg.

Dass Schach und Politik eng zusammenhängen, das wissen die meisten spätestens seit dem WM-Match 1972 zwischen dem Russen Boris Spasski und dem Amerikaner Bobby Fischer mitten in der Zeit des Kalten Krieges, als dessen Herausforderer sich Karpow später qualifizierte.

Durch Fischers Nichtantreten wurde Karpow 1975 zum Weltmeister erklärt, einen Titel, den er zweimal erfolgreich gegen den im Vorjahr verstorbenen Wiktor Kortschnoi verteidigte, bis er ihn schließlich im Jahr 1985 gegen Garri Kasparow verlor. Dass Karpow den Titel des Weltmeisters kampflos verliehen bekam, überschattete seinen Ruhm nicht: Bis heute gilt er als der beste Positionsspieler aller Zeiten. Karpows Schachkarriere war nicht frei von politischem Geplänkel: Sein Landsmann Kortschnoi, der 1976 in die Schweiz emigriert war, warf Karpow seine Treue zur und Unterstützung durch die Schachspitze der UdSSR vor. Besonders das Match von 1978 resultierte deshalb in einem Nervenkrieg mit zahlreichen Protesten.

Putin-Unterstützer
Bis heute hält Anatoli Karpow der politischen Führung Russlands die Treue. Seit 2011 sitzt er für die Partei "Einiges Russland" in der Duma, die Wladimir Putin unterstützt. Es ist keine Seltenheit, dass Schachprofis auch politisch aktiv werden. Karpows Nachfolger Garri Kasparow engagiert sich ebenfalls in der russischen Politik, allerdings in der Opposition. Für Karpow ergibt sich ein klarer Zusammenhang zwischen den beiden Sphären: "Vom Schach bekommst du das Wissen zu analysieren, dich vorzubereiten und Vorhersagen zu treffen. Auch in der Politik sind diese Fähigkeiten sehr wichtig."

Am Ende des Tages hat Karpow nach zweieinhalbstündigem Kampf 13 seiner 14 Simultanpartien gewonnen. Nur in einem Fall musste er dem Gegner selbst die Hand zur Aufgabe reichen. Zum Vergleich: Bei seinem letzten Wien-Besuch 2005 gab der Ex-Weltmeister ebenfalls eine Simultanvorstellung in der Lugner City, wo er von 31 Partien 26 gewann.

Der mittlerweile 65-Jährige ist also immer noch gut in Form. Für seine körperliche Fitness, so erzählt er, geht er schwimmen, langlaufen und spielt Tennis und Basketball. Damit er sein straffes Programm auch durchziehen kann: Am Tag vor seinem Wien-Besuch war er in Zürich, am nächsten Tag schon in New York. Wien hat er übrigens 1972 zum ersten Mal besucht. Da blickte die ganze Schachwelt allerdings nach Reykjavik und auf Spasski und Fischer, wo sich der Kalte Krieg gerade auf 64 Feldern erhitzte.




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Dokument erstellt am 2017-04-19 22:27:05




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