• vom 27.04.2017, 17:20 Uhr

Stadtleben

Update: 03.05.2017, 13:48 Uhr

Strafverteidiger

Anwalt und Therapeut im Doppelpack




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Von Daniel Bischof

  • Nicht nur rechtlich, auch psychologisch müssen Strafverteidiger ihren inhaftierten Mandanten beistehen.

Vier "Stammgäste" des Verteidigerzimmers (v. l. n. r.): Ehrbar, Kresbach, Wolm und Eichenseder.

Vier "Stammgäste" des Verteidigerzimmers (v. l. n. r.): Ehrbar, Kresbach, Wolm und Eichenseder.© Jenis Vier "Stammgäste" des Verteidigerzimmers (v. l. n. r.): Ehrbar, Kresbach, Wolm und Eichenseder.© Jenis

Wien. Es sind emotionale Extremsituationen, in denen sich Untersuchungshäftlinge befinden. Auf engstem Raum eingesperrt, ständig überwacht, warten sie auf ihren Strafprozess. Je nach Delikt drohen ihnen mehr oder weniger strenge Strafen - bei schwerwiegenden Verbrechen wie Mord können sie für Jahrzehnte in einer Justizanstalt landen. In diesen belastenden Situationen sind es die Strafverteidiger, die die Häftlinge für die Hauptverhandlung aufbauen und sie psychologisch betreuen müssen.

"Eine Vorbereitung ist nur möglich, wenn der Mandant psychisch dazu in der Lage ist", sagt Rechtsanwalt Philipp Wolm. Man müsse daher ein Vertrauensverhältnis aufbauen. "Mit jemanden, der nur weint, können wir schwer arbeiten", so Wolm. Das Schlimmste sei ein Mandant, der im Gerichtssaal dem Verteidiger unter der Hand wegbreche, weil er es psychisch nicht durchhalte, ergänzt Anwältin Katrin Ehrbar.


Gemeinsam mit ihren Kollegen Herbert Eichenseder und Elmar Kresbach sitzen Wolm und Ehrbar bei einem großen Holztisch im Verteidigerzimmer des Straflandesgerichts Wien. Die vier Anwälte gehören zu den "Stammgästen" des geräumigen und hellen Zimmers. Auf ihren Schreibtischen und Kästen liegen die Akten fein säuberlich sortiert. "Im Großen und Ganzen herrscht hier ein kollegiales Miteinander, auch wenn es manchmal witzig sein darf", sagt Eichenseder.

"Emotionale Geschichten"
Seit Jahren oder gar Jahrzehnten sind die Rechtsanwälte im Strafrecht tätig. So wie sie Anwälte sind, sind sie auch bis zu einem gewissen Grad Psychologen. Nicht nur das Rechtliche mache die Arbeit aus, ein Großteil sei auch therapeutischer Natur, betont Wolm. "Das Strafrecht ist viel emotionaler als das Zivilrecht. Der Häftling befindet sich in einer psychischen Ausnahmesituation. Er ist viel abhängiger vom Anwalt. Er fragt sich, wann ihn dieser besucht, wann er ihn sehen kann. Das sind riesengroße emotionale Geschichten", sagt Ehrbar.

Die ungewöhnliche, therapeutenähnliche Beziehung zwischen Untersuchungshäftling und Verteidiger beginnt in einem Besprechungszimmer im Halbgesperre der Justizanstalt. Eine Glasscheibe trennt die Freien von den Unfreien. Einem mutmaßlichen Verbrecher gegenüberzusitzen, beunruhigt die Anwälte nicht. "Warum sollten wir ein mulmiges Gefühl haben? Der will ja was von uns haben", sagt Eichenseder.

"Die fallen aus allen Wolken"
Wie man mit den Menschen bei den Gesprächen umgehe, komme auf den Typ an, sagen die Anwälte. Wolm erzählt, er habe kürzlich ein Mandat übernommen, bei dem er einen Unbescholtenen verteidige, gegen den wegen Mordes ermittelt werde: "Der kann verhältnismäßig relativ gut mit der Situation umgehen." Umgekehrt gebe es Personen, "die fallen aus allen Wolken, wenn sie wegen einer ,Lappalie‘ hier sind."

Bei manchen Delikten sei die Situation besonders heikel. "Manche Delikte sind schwieriger zu verteidigen, weil die Öffentlichkeit einen wahnsinnigen Gegenwind erzeugt. Beim Kinderschänder ist der Klient im Gefängnis und als Verteidiger hat man den Wind im Gesicht. Das ist eine Herausforderung", sagt Kresbach.

"Viele Schauspieler"
"Es gibt natürlich auch viele Schauspieler, die die ganze Zeit weinen", sagt Ehrbar. "Viele Unschuldige gibt es", wirft Wolm ein und lacht. "Als ich angefangen habe, hat jeder Häftling bei mir geweint und sich gedacht: ,Da sitzt eine junge Anwältin, die wird sich mit einem anderen Engagement hineinwerfen, wenn ich ihr leidtue.‘ Mit der Zeit, wenn man sich einen Ruf und Namen erarbeitet hat, wissen die genau: Da braucht man nicht weinen, das bringt nichts", erzählt Ehrbar. Ob man ein Mann oder eine Frau sei: Das sei völlig irrelevant, erklärt die Anwältin. "Außer, dass sie sich vielleicht ein bisschen mehr freuen, wenn ich sie besuchen komme", sagt sie und lacht laut los.

Nicht nur der richtige Umgang mit den Mandanten, auch der richtige Ton muss erst einmal gefunden werden. "Man muss mit dem Klienten anders reden als mit einem Zivilrechtsmandanten. Im ,Häfn‘ herrscht schon ein rauer Ton", sagt Ehrbar. "Das ist für mich auch der Grund, warum es verhältnismäßig wenige Strafverteidiger gibt. Man muss das mögen und auch mit der Klientel umgehen können", ergänzt Wolm.

An das Gefängnisleben werden die Rechtsanwälte im Verteidigerzimmer täglich erinnert. Sieht man aus dem Fenster, blickt man direkt auf einen Innenhof der Justizanstalt Josefstadt, die im gleichen Gebäude wie das Strafgericht untergebracht ist. Ein hoher Zaun ragt in die Höhe, im Stacheldraht hat sich ein Stofffetzen verfangen. Kameras überwachen das Areal. Aus den vergitterten Fenstern rufen sich die Inhaftierten etwas zu. "Es ist wie an der Berliner Mauer", kommentiert Kresbach.

"Können nur beraten"
Bevor die Verteidiger den Inhaftierten aber überhaupt ihre Hilfe zur Verfügung stellen, müssen grundsätzliche Dinge wie die Finanzierung geklärt werden. Wenn sich die Anwälte dann entscheiden, das Mandat zu übernehmen, erhalten sie im Verteidigerzimmer eine Aktenabschrift. Mit ihrem Mandanten legen sie danach die Verteidigungsstrategie fest.

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Dokument erstellt am 2017-04-27 17:24:09
Letzte ńnderung am 2017-05-03 13:48:12




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