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Stadtleben

Update: 19.05.2017, 09:17 Uhr

Interview

"Wir brauchen Werbung für Kondome"




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Von Arian Faal

  • Chris Lohner, Österreichs berühmteste und markanteste Stimme, im Interview über den Life Ball, Gery Keszler und ihre Durchsagen bei der ÖBB.




© Starpix/Alexander Tuma © Starpix/Alexander Tuma

"Wiener Zeitung": Nervt es Sie, dass man Sie oft nur auf Ihren Haarschnitt und Ihre markante Stimme reduziert?

Chris Lohner: Nein, es nervt mich nicht. Die Menschen neigen ja oft dazu, zu schubladisieren. Ich sage dann manchmal, dass ich nicht nur eine Frisur und eine Stimme bin. Wer mehr sehen will, der sieht bei mir ohnehin mehr.

Sie gehören ja quasi zum Inventar des Life Balls und sind als Mithelferin ein fester Bestandteil des Events. Wie kam es dazu?

Ja, ich selbst war fast immer dabei. Gery hat mich als Erste angerufen und gefragt, ob ich ihm beim ersten Life Ball helfe und ich habe selbstverständlich ja gesagt. Einige Freunde haben gesagt ‚Chris, das kannst du doch nicht machen, das wird deinem Ruf schaden‘. Aber wie Sie sehen gibt es mich 25 Jahre später immer noch und den Life Ball ebenfalls. Übrigens beim 2. Life Ball hat Alfons Haider auf Deutsch und ich auf Englisch moderiert.

Wie hat sich der Ball in den vergangenen 25 Jahren verändert?

Er hat sich grandios verändert. Beim ersten Life Ball fand die Modeschau noch im Festsaal des Rathauses statt mit rund 400 Menschen. Es handelte sich also um eine eher kleinere Veranstaltung. Aber es war schon eine Sensation, dass Helmut Zilk als Bürgermeister das Rathaus dafür zur Verfügung gestellt hat. Zweifelsohne kann das als Vertrauensvorschuss für Gery Keszler gesehen werden, weil ja niemand wissen konnte, ob die bunte Schar das Rathaus nicht zerlegt. Mit den Jahren ist der Ball immer größer geworden.

Was macht den Ball aus?

Er stellt das Leben in den Mittelpunkt und macht auf ein wichtiges Thema aufmerksam. Es hat im Laufe der Zeit für jeden Ball ein anderes Motto gegeben und viele Events und Side-Events. Die Wedding-Chapel, Horoskope, verschiedene Aktionen und viele schräge Sachen.

Dennoch hat Gery Keszler eine Verschnaufpause gebraucht und will fortan mehr das eigentliche Thema, nämlich den Kampf gegen HIV und Aids in den Vordergrund stellen.

Die HIV-Geschichte stand für Gery immer im Mittelpunkt und er hat das sehr behutsam gemacht. Aber die Medien haben halt am liebsten nur vom schrillen Event berichtet. Das ist halt sensationeller als einfach nur Good News. Aber zum Relaunch: Es ist in Zeiten wie diesen auch für Gery nicht so einfach, zugkräftige Sponsoren zu finden. Ich selbst bin auch gerade dabei, für mein Charity-Fest zugunsten von ‚Licht für die Welt‘ nächstes Jahr zu meinem 75er Sponsoren zu finden. Ich halte das ja immer so: keine Blumen und keine Geschenke, nur 30 Euro von meinen Gästen für eine Graue Star-Operation in Afrika. Die Bewirtung zahle ich aus der eigenen Tasche. Mein Geburtstag ist ja im Sommer und ich nütze damit gern das Sommerloch, um die Leute daran zu erinnern, dass es Menschen gibt, die dringend unsere Hilfe brauchen. Daher, und damit zurück zum Sponsoring, verstehe ich Gery, der sich hier abquält, sehr gut.

Neu ist auch der Life Ball Next Generation am nächsten Tag. Eine späte Einsicht Keszlers, die Jugend miteinzubeziehen?

Das halte ich für sehr, sehr wichtig. In meiner Jugend ist man oft nicht einmal aufgeklärt worden. Der Zugang ist richtig, denn die Jugend steht im Vordergrund. Aber auch das ist die Message des Relaunch. Die Verpackung muss zwar hübsch sein, aber besonders wichtig ist der Inhalt. Aufklärung, Prävention und Information. Apropos, diesbezüglich möchte ich noch einen Seitenhieb aussprechen. Ist Ihnen aufgefallen, dass es bei uns fast keine Kondomwerbungen mehr gibt? Und das, obwohl die Anzahl der HIV-Infizierten ansteigt? Aber dafür gibt es jede Menge Werbung für Slip-Einlagen für Mädels jeden Alters! Entschuldigung? Das regt mich dermaßen auf und das finde ich völlig vertrottelt. Wir brauchen Werbung für Kondome und Information.

Lotte Tobisch sagt, die Schwulen haben in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich viel erreicht und sollen aufhören ständig zu brüllen, sonst erreicht man genau das Gegenteil. Sehen Sie das auch so?

Natürlich. Wenn man die Dinge entspannter angeht, dann erreicht man auch mehr. Es darf nicht immer auf Biegen und Brechen nur um die Schwulen gehen, sonst erzeugt das Abneigung. Es ist wie mit Medikamenten. Man kann aus allem ein Heilmittel oder ein Gift machen. Auf die Dosis kommt es an. Ein sensibles Händchen und alles mit Maß heißt die Devise. Übrigens nur am Rande: Im Juni bin ich bei zwei Freunden, die sich verpartnern Trauzeugin, das freut mich ganz besonders.

Es kann kein Lohner- Interview ohne eine Frage zu Ihrer Stimme geben. Unlängst habe ich geschrieben, dass Chris Lohners Stimme wegen den permanenten Schnellbahnstörungen im Dauereinsatz ist. Werden Sie auf der Straße auf die Ausfälle angesprochen?

Ich war jetzt in Deutschland und möchte vorab nur sagen, dass im Vergleich zu dem, was bei der DB los ist, Österreich wahrlich eine Insel der Seligen ist. Aber zu Ihrer Frage: Nein, ich werde darauf nicht angesprochen. Da passiert halt hin und wieder etwas bei uns, aber in Deutschland scheinen mir Verspätungen, Gleisänderungen etc. durchaus an der Tagesordnung. Aber, wonach mich Leute auf der Straße schon mal fragen, sind Fahrpläne. ‚Entschuldigung, ich möchte nächste Woche nach Lienz, muss ich da in Villach umsteigen?‘ oder dergleichen. Ich antworte dann immer, dass ich kein wandelndes Kursbuch bin und nur die Stimme der ÖBB.

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Schlagwörter

Interview, chris lohner, Life Ball

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-18 19:39:09
Letzte nderung am 2017-05-19 09:17:21




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