• vom 26.05.2017, 17:42 Uhr

Stadtleben

Update: 26.05.2017, 22:59 Uhr

Kinderschändung

"Die Scham schleppt man ein Leben lang mit sich herum"




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Von Alexander U. Mathé

  • Alexandra Salvenmoser, die als Kind sexuell missbraucht wurde, spricht über die Folgen und Defizite in der Justiz.

Der Oberste Gerichtshof geriet wegen der Milde für einen Kindervergewaltiger in die Kritik. - © CC/Gugerell

Der Oberste Gerichtshof geriet wegen der Milde für einen Kindervergewaltiger in die Kritik. © CC/Gugerell


© Photographee.eu - Fotolia © Photographee.eu - Fotolia

Wien. Das Urteil des Obersten Gerichtshofs im Fall der Vergewaltigung eines zehnjährigen Buben im Theresienbad in Meidling hat diese Woche die Gemüter erhitzt. Die Höchstrichter hatten das Strafmaß von sieben auf vier Jahre Haft reduziert, dies unter anderem mit der Begründung, dass es sein könne, dass es zukünftige Folgen für das Opfer "überhaupt nicht gibt". Ebenso sorgte der Fall sexueller Übergriffe im Kinderheim am Wilhelminenberg für Empörung. Ehemalige Heimkinder hatten prozessiert und verloren, weil die Vorfälle bereits verjährt sind. Zudem wurde vor kurzem bekannt, dass die Stadt Wien in dem Fall 90.000 Euro an Prozesskosten zugesprochen bekommen hat, die die damaligen Opfer und nunmehrigen Kläger zu zahlen haben. Ist die österreichische Justiz auf dem Gebiet des Kindesmissbrauchs falsch aufgestellt? Die "Wiener Zeitung" sprach mit Alexandra Salvenmoser - als Kind selbst Opfer sexueller Gewalt - über die Folgen von Kinderschändung und Mängel im (Rechts-)System.

"Wiener Zeitung":Das Ermittlungsverfahren wegen der Vorfälle im Kinderheim am Wilhelminenberg wurde eingestellt. Wie schwer ist es für Betroffene, einen Missbrauch zu verarbeiten, wenn der Täter nie verurteilt wird?

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Alexandra Salvenmoser: Es ist grundsätzlich schon schwierig genug, dass es überhaupt so weit kommt. Es gibt da eine sehr hohe Dunkelziffer von Opfern, die ihren Fall nie zur Anzeige bringen. Aber selbst wenn, werden die Fälle teilweise gar nicht weiterverfolgt. Wenn es schließlich doch zum Prozess kommt, dann ist dieser extrem belastend. Einerseits wird das Opfer dort noch mehr als Opfer dargestellt und erneut in diese Rolle gedrängt, andererseits kommt es dann teilweise zu unfassbaren Vorwürfen: Man hätte dieses und jenes anders machen können, dann wäre es vielleicht gar nicht zu dem Missbrauch gekommen. Es findet nicht selten eine Opfer-Täter-Umkehr statt.

Was könnte man an dem System ändern?

Das beginnt schon bei der Anzeige. Das ist ein erster Schritt, der sehr viel Kraft fordert. Da braucht man dann wirklich gut geschultes Personal, Beamte, die mit viel Feingefühl an die Sache herangehen, auch wenn die Tat schon 30 Jahre zurückliegt. Ich kenne Betroffene, die gar nicht ernst genommen worden sind. Für Frauen und Mädchen ist es speziell wichtig, weibliche Ansprechpartner zu haben. Es wäre auch längst fällig, dass der Staat die Strafen erhöht. Was bei den meisten Verhandlungen herauskommt, ist ja ein Witz - wenn überhaupt etwas herauskommt. Die Täter haben ja eigentlich nichts zu befürchten. Wenn so einer zwei Jahre Haft ausfasst, ist das ja nichts im Verhältnis zu dem, womit das Opfer ein Leben lang zu kämpfen hat.

Woran liegt das, wenn eine Anzeige erst nach Jahrzehnten eingebracht wird?

Kinder stehen oft sehr alleine da; sie haben teilweise keine Unterstützung und verdrängen das Geschehene vorerst. Erst im Erwachsenenalter bricht das dann irgendwann wieder auf. Dann beginnen die Opfer das Geschehene zu verarbeiten. Im Zuge dessen sagen sie sich dann: "OK, ich bringe das jetzt doch zur Anzeige." Vor allem wenn der Fall noch nicht verjährt ist, ist man als Betroffener fast gezwungen eine Anzeige zu machen, sonst erhält man vom Bundesministerium keine finanzielle Unterstützung für die ganzen Psychotherapien. Die kann man sich im Regelfall ja privat gar nicht leisten.

Das Finanzielle ist sicher nicht der einzige Grund für eine Anzeige?

Na, wieso sollte man den Täter frei herumlaufen lassen? Durch die Anzeige kann man zudem auch andere schützen. Wenn sich der Fall - wie so oft - in der eigenen Familie abgespielt hat, weiß man ja nicht, ob nach einem selbst nicht noch die Schwester oder die Cousine dran sind.

Ist dieser Schritt nicht auch für das Opfer wichtig, um mit dem Geschehenen ins Reine zu kommen?

Für das Opfer selbst bringt eine Anzeige meistens nicht mehr als zusätzliche Scherereien, verbunden mit einem großen Kraftaufwand und viel Mut. Wo es schon hilft, ist die Glaubwürdigkeit bei der Verwandtschaft zu stärken. Nach vielen Jahren und wenn sich der Missbrauch nicht mehr beweisen lässt, scheiden sich die Geister innerhalb der Verwandtschaft: Die eine Hälfte glaubt dir, die andere Hälfte lieber dem Täter.

Wie war das bei Ihnen?

Für mich war das alles überhaupt kein Aspekt, eine Anzeige zu erstatten. Ich habe bei der Aufarbeitung einen anderen Weg beschritten. Ich bin den Weg der Vergebung gegangen.

Sie haben dem Täter einen Brief geschrieben, in dem Sie ihm vergeben. War das der Weg zu einem befreiteren Leben?

Der Brief selbst nicht. Ich habe von dem Täter ja nie eine Antwort erhalten. Die Befreiung geschah eigentlich viel früher, der Hass verschwand irgendwann, ich kam zu einem inneren Frieden. Aber es ist ein langer Prozess, bis man so weit ist, dass man sagt: "Ich kann wirklich vergeben." Dazu gehört viel Arbeit an einem selbst sowie eine selbstkritische Betrachtung und das Erlangen der Erkenntnis, dass man selbst in anderen Bereichen ebenso auf Vergebung der Mitmenschen angewiesen ist.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-26 17:48:08
Letzte nderung am 2017-05-26 22:59:13




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