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Stadtleben

Update: 21.07.2017, 11:19 Uhr

Zauberkünstler

Genius des Biedermeier




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Von Clemens Marschall

  • Nach wem wurde 1907 die Döblergasse im 7. Bezirk benannt? Wiener Straßenbezeichnungen nach Zauberkünstlern.



Wien. ."Die Döblergasse war die erste Gasse der Welt, die nach einem Zauberkünstler benannt worden ist", so Robert Kaldy-Karo, Begründer des Instituts Kadotheum, einem Archiv der Zauberkunst im 2. Bezirk in Wien.

"Döbler war auch der erste Zauberer, der um seine Person eigenes Merchandise aufgebaut und damit gut verdient hat. Und er hat als Erster bewegte Bilder vorgeführt." Die Rede ist von Ludwig Döbler. Er kam 1801 in der Wiener Vorstadt Schottenfeld zur Welt, wuchs in einer Handarbeiterfamilie auf, und erlernte den Beruf des Graveurs.


Berühmt wurde er aber aus anderen Gründen, so Kaldy-Karo: "Man kann sagen, dass wir 200 Jahre vor Siegfried & Roy und David Copperfield in Wien einen Zauberstar von internationalem Format hatten. Döbler war von Beginn seiner Karriere strikt darauf bedacht, sich mit seinem Auftreten und Lebensstil von den herumziehenden Taschenspielern und Gauklern abzugrenzen." Artisten und Straßenzauberer wurden im Wien innerhalb der Stadtmauern nicht gern gesehen und nur zu gewissen Feiern geduldet. Döbler aber öffnete den besseren Zauberkünstlern die Tore zur Gesellschaft und in die Theaterwelt.

Döbler hing sehr an seiner Mutter: Sie ging mit ihm auf Tournee, war sowohl Anstandsdame als auch für seine Kostüme und Frisur verantwortlich. Er trug die distinguierte Tracht eines altdeutschen Studenten, die Goethes "Faust" in Theateraufführungen ebenso anhatte. Kaldy-Karo spricht als aktiver Zauberkünstler wenn er sagt: "Döblers Zauberkunststücke waren damals schon nicht die neuesten, aber sie wurden charmant vorgeführt und von hervorragenden Texten begleitet, die oft von Autoren stammten, etwa dem späteren Burgtheaterdirektor Franz von Dingelstedt."

Gast in Goethes Haus
Döbler befand sich 1831 in Weimar und wurde von Johann Wolfgang von Goethe eingeladen, dessen Neffen einige kleine Taschenspielertricks beizubringen. Döbler war mehrmals zu Gast im Hause Goethes und ersuchte diesen vor seiner Abreise, ihm eine Widmung auf ein Blatt Papier zu schreiben. Goethe dichtete: "Bedarfs noch ein Diplom besiegelt? Unmögliches hast du uns vorgespiegelt." Ironischerweise wurde dieses Blatt dann tatsächlich so etwas wie Döblers Diplom. Goethe sollte nur ein Jahr darauf, 1832, im Alter von 82 Jahren sterben. Döbler war damals gerade einmal 30. Am Beginn seiner Laufbahn wurde er von Metternich protegiert, später trat er vor allen bedeutenden Herrschern Europas auf, darunter vor Kaiser Franz II. und Königin Viktoria von Großbritannien. Schon sein Einstandszauberstück, bei dem er mit einem Pistolenschuss 200 Kerzen entzündete, verblüffte das Publikum; daneben spendete "Die unerschöpfliche Flasche" verschiedenste Liköre und wurde nie leer.

Sein berühmtestes Kunststück war "Floras Blumenspende", bei dem er Dutzende Blumensträuße, versehen mit Billets und Gedichten, aus einem zerdrückten Filzzylinder produzierte und an die Damen im Publikum verteilte, die sich darum rauften. Dazu sprach er die Worte, die schnell zur geflügelten Redensart wurden: "Hier ein Sträußchen, da ein Sträußchen, noch ein Sträußchen..."

Kaldy-Karo: "Durch das Verteilen der Blumen und der Getränke hatte Döbler immer Gelegenheit, mit dem Publikum Small Talk zu führen. Man darf sich das damalige Theaterpublikum nicht so ruhig vorstellen wie heute, das einfach auf seinem Sitz ausharrte, komme, was wolle. Man ging viel eher im Parterre herum, hatte einen wohlgefüllten Verpflegungskorb mit und plauderte mit seinen Freunden."

Döbler war ein Marketing-Genie und verkaufte Döbler-Schals, Döbler-Handschuhe, Döbler-Sträußchen aus getrockneten Blumen, Döblers Hand aus Topfen, Döbler-Stiche, Döbler-Seife,... Kaldy-Karo: "Da es damals noch kein Copyright gab, machten auch viele andere mit Döbler-Produkten Gewinn, ohne dass er selbst etwas davon hatte." Er verkaufte zudem Büchlein, in denen Anleitungen zu Zauber-Experimenten standen - nicht nur ungefährliche. Als "Zutaten" angeführt sind dabei Quecksilber, Schwefel, und Schusswaffen.

Von Papst Gregor XVI. geehrt
Kaldy-Karo lacht: "Döbler hatte einerseits die Anlage zum Hypochonder, andererseits war er ein bisschen schusselig. Zweimal hat er sich selbst beim Laden einer Pistole, die er auf der Bühne benötigte, mit entzündetem Schwarzpulver verbrannt." Hof, Adel und gehobene Bürgerschaft bestaunten seine Produktionen dennoch. In Berlin bekam Döbler 1832 den Titel des ‚Preußischen Hofzauberkünstlers‘, später noch die Ernennung zum ‚Ritter der goldenen Miliz‘ - und er wurde vom Papst Gregor XVI. persönlich geehrt. So brachte er es nicht nur zu zahlreichen Auszeichnungen, sondern auch zu beträchtlichem Vermögen. Damit kaufte er das Schloss Klafterbrunn bei Eschenau in Niederösterreich, wo er sich von seinen Tourneen erholte und seine Freunde empfing, so Kaldy-Karo.

"Döbler war kein begeisterter Reisender, wusste aber, dass es für seine Karriere notwendig war, sich in Postkutschen, Ochsenkarren und Eisenbahnen zu setzen. Nach Amerika war er zwar eingeladen worden, wollte sich aber die lange Schiffsreise nicht antun, überhaupt, da er an Seekrankheit litt. Skurril ist, dass er keine andere Sprache als Deutsch beherrschte, das Publikum mit seinen deutschsprachigen Vorstellungen aber auch in London, Kopenhagen, St. Petersburg,... begeisterte." Und zwar so ausgiebig, dass Franz Grillparzer eifersüchtig auf Döblers Popularität war und sich als "ernsthafter Dramatiker" neben dem "Unterhaltungskünstler" benachteiligt fühlte.

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Dokument erstellt am 2017-07-14 16:48:05
Letzte ńnderung am 2017-07-21 11:19:04




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