• vom 01.08.2017, 17:10 Uhr

Stadtleben

Update: 02.08.2017, 10:08 Uhr

Begegnungszone

Wachsendes Miteinander




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Von Nedad Memic

  • Die Otto-Bauer-Gasse könnte schon kommendes Frühjahr die Begegnungszone in der Mariahilfer Straße erweitern.



Wien. Es ist Mittwochnachmittag auf der Otto-Bauer-Gasse. Obwohl nur einige Dutzend Meter von der pulsierenden Mariahilfer Straße entfernt, geht es hier eher ruhig zu. Passanten sausen an etlichen Läden vorbei, kaum jemand bleibt hier länger vor Schaufenstern stehen. "Ich habe die Otto-Bauer-Gasse wegen ihrer Nähe zur Mariahilfer Straße als günstigen Standort für mein Geschäft gewählt", erzählt Natalie Bonakdar. Sie ist Besitzerin des im April dieses Jahres eröffneten Schuhgeschäfts "Wunderbar". Dass gerade der Abschnitt der Otto-Bauer-Gasse, in dem sie ihr Geschäft hat, bald zu einer Begegnungszone werden könnte, erfuhr sie aus Medien.

Laut Plänen der Bezirksvorstehung Mariahilf werden ab Herbst im Rahmen eines Bürgerbeteiligungsverfahrens Anrainer und Betriebe in der Otto-Bauer-Gasse und im benachbarten Loquaigrätzel zur Umgestaltung des oberen Abschnitts der Otto-Bauer-Gasse von der Mariahilfer Straße bis zur Schmalzhofgasse befragt. "Eine Umgestaltung der Straße steht länger im Raum", sagt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" Markus Rumelhart, Bezirksvorsteher von Mariahilf. Die Gehwege auf der Straße seien für Passanten viel zu schmal, außerdem ist die Gasse seit der Umgestaltung der Mariahilfer Straße zu einer Sackgasse geworden.

Alles unter Dach und Fach bis zum Frühjahr 2018

Ähnliches hat auch Bonakdar beobachten können: "Ich sehe immer mehr Menschen, die wegen der schmalen Gehsteige direkt auf der Fahrbahn gehen." Laut Plänen der Bezirksvorstehung sollen die Bürgerbefragung und die anschließende Konzepterstellung bis Frühjahr 2018 abgeschlossen werden. Bezirksvorsteher Rumelhart möchte jedenfalls eine breite Diskussion über die Begegnungszone vom Zaun brechen: "Wir werden alle Beteiligten in Form von offenen Interviews befragen: von Bewohnern, über Passanten bis hin zu den hier angesiedelten Betrieben", erklärt der Mariahilfer Bezirksvorsteher. Dazu wird die Bezirksvorstehung Infopoints im Grätzel errichten, an denen sich alle Interessierten über das Projekt informieren können.

Im Gegensatz zu den zahlreichen Kontroversen um die Umgestaltung der Mariahilfer Straße im Jahre 2015 scheint die Einführung weiterer Begegnungszonen in der Stadt keine massiven Gegenstimmen mit sich zu bringen. "Die Mahü ist eines der größten und umfangreichsten Verkehrsprojekte dieser Art in Österreich. Die Umsetzung geschah unmittelbar vor einer Nationalratswahl. Auch deshalb wurde das Projekt vor allem in den Medien sehr heiß diskutiert. Ich sehe heute eine solche Aufregung bei anderen Projekten längst nicht mehr", räumt Andreas Baur, Mediensprecher der Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou, ein und verweist dabei auf die aktuelle Errichtung einer Begegnungszone in der Lange Gasse, zu der es keine große Diskussion gegeben habe. "Wir haben aus dem Mahü-Projekt gelernt: Man muss frühzeitig und umfassend die Bürger informieren und einbeziehen, dann wird die Akzeptanz auch größer", so Baur.

Auch die Begegnungszone in der Herrengasse, die letztes Jahr aus privaten Initiativen entstanden ist, ist für ihn ein Erfolgsmodell: "Die Herrengasse ist auch ein Beispiel, wie die Stadt Wien bei entsprechenden Initiativen Anrainer auch finanziell und infrastrukturmäßig unterstützt. Daher sind weitere solche Initiativen zu begrüßen, selbstverständlich unter Regeln und Bedingungen der Stadt", sagt der Vassilakou-Sprecher.

Geschäftsbetreiber hoffen
auf höheren Umsatz

Im Unterschied zu reinen Fußgängerzonen bieten Begegnungszonen weniger Konfliktpotenzial unter den Verkehrsteilnehmern. Das bestätigen auch Verkehrsexperten: "Begegnungszonen fördern ein Miteinander im Straßenverkehr. In dem Fall ist eine optimale Nutzung für alle Verkehrsteilnehmer gewährleistet, natürlich nur unter der Voraussetzung, dass sie alle tatsächlich gleichberechtigt sind", erklärt Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit. Für den Erfolg einer Begegnungszone sei außerdem die Präsenz aller Verkehrsteilnehmer und die Einhaltung der definierten Geschwindigkeit entscheidend, so der Verkehrsexperte.

"Initiatoren einer Begegnungszone müssen sich vor der Umsetzung zuerst fragen, wem die Begegnungszone in erster Linie nutzen soll", fügt Robatsch hinzu. Im Falle der Otto-Bauer-Gasse möchte Bezirksvorsteher Rumelhart jedenfalls Vorteile für alle Straßennutzer sehen, egal ob es Anrainer, Autofahrer oder Betriebe sind. "Ich möchte aber dem Wunsch der Bürgerinnen und Bürger keinesfalls vorgreifen", erklärt er.

Gleichzeitig ist man bei Betrieben im Grätzel vorsichtig bis optimistisch: "Ich glaube schon, dass durch die Begegnungszone mehr Passanten in die Otto-Bauer-Gasse kommen, die sich hier auch länger aufhalten werden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das auch mehr Umsatz für uns bringt", sagt die Schuhladenbesitzerin Bonakdar. Etwas weiter unter in der Straße ist man optimistischer: "Wir befürworten eine potenzielle Begegnungszone hier", sagt Silvia Picha, die hier seit sechs Jahren eine Hair & Beauty Lounge führt: "Die Straße wird beruhigt, es werden keine Autos mehr auf- und abfahren", sagt sie und sagt, dass auch ihre Kunden der Einführung einer Begegnungszone positiv gegenüberstehen. Dass der Dauerbrenner Parkplätze hier noch zu einem Problem werden kann, glaubt Picha nicht: "Die meisten Kunden sind eh schon zur U-Bahn umgestiegen."

Gerade das Thema Parkplätze könnte aber auch im Fall Otto-Bauer-Gasse für Unmut sorgen. Damit rechnet man bereits jetzt in der Bezirksvorstehung: "Manche werden sich sicher um ihre Parkplätze Sorgen machen. Mit ihnen werden wir intensiv diskutieren müssen", beruhigt Rumelhart. Das Konzept Begegnungszonen ist nämlich adaptierbar. "Für alle Beteiligten muss klar sein, dass eine Begegnungszone regelmäßig evaluiert und das Konzept auch nachjustiert werden muss. So war es auch im Fall der Mariahilfer Straße mit fehlenden Querungen, so muss es auch bei anderen Begegnungszonen sein", rät Verkehrsexperte Klaus Robatsch.





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Dokument erstellt am 2017-08-01 17:15:06
Letzte ─nderung am 2017-08-02 10:08:56




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