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Update: 10.08.2017, 11:33 Uhr

Tanzschulen

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Von Jana Petrik

  • Wie aktuell ist der Besuch von Tanzschulen in einer Zeit von YouTube und Modern Dance?

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Wien. Wiege, Wiege, Cha-Cha-Cha. So werden die Grundschritte des Cha-Cha-Chas in vielen Anfängerkursen angesagt. Es geht um klassisches Tanzen - nicht um Modern Dance oder Contemporary, welche momentan viele Menschen im Zuge des Impulstanz-Festivals begeistern. Es handelt sich um jene Tänze, die teilweise schon im 19. Jahrhundert entstanden sind: Standard- und Lateintänze. Manch einer glaubt, dass diese Form des Tanzens veraltet und verstaubt sei. Man könnte annehmen, dass Walzer und Co keinen Anklang mehr finden. Wer so denkt, liegt jedoch falsch - dies behaupten zumindest drei der erfolgreichsten Tanzschulbesitzer in Wien.

Wirtschaftlich gibt es
keine Einbuße

Ihnen gehe es finanziell gut, von wirtschaftlichen Sorgen keine Spur. Doch wodurch werden potenzielle Neukunden auf sie aufmerksam? Von klassischer Werbung hält man in dieser Branche nichts. "Printwerbung erachte ich als nicht zeitgemäß", sagt Thomas Kraml von der gleichnamigen Tanzschule. Es ginge weniger um Werbung, sondern ob man in der öffentlichen Wahrnehmung präsent ist. Dies gelinge seiner Tanzschule etwa durch die Tanzshow "Dancing Stars". Rund die Hälfte der Profitänzer in der Show kommt aus der Tanzschule Kraml.

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Auch andere Tanzschulen, wie die von Yvonne Rueff und jene von Thomas Schäfer-Elmayer, können nicht klagen. Die Frage, ob die strengen Kleidungsvorschriften bei vielen Jungen auf Ablehnung stoßen, verneint der Benimm-Papst Thomas Schäfer-Elmayer schmunzelnd: "Man könnte meinen, dass solche Regeln ein Hindernis darstellen, aber trotzdem sind wir bei weitem die beliebteste Tanzschule bei Jugendlichen. Wir sind einer der größten Jugendtreffs in Wien!" Es gehe weniger um solche Vorschriften, sondern eher um die positive Stimmung, die in einer Tanzschule vermittelt wird.

Die Tanzschule Elmayer hat sich als Tanzschule speziell für die Jungen positioniert. Thomas Kraml hingegen betont, dass nur zehn Prozent seiner Kursteilnehmer Jugendliche sind. Der Großteil seien Erwachsene, vor allem Paare. Der Zugang zu Standard- und Lateintänzen habe sich allgemein gewandelt.

"Jugendliche werden von den Eltern nicht mehr wie früher genötigt, in die Tanzschule zu gehen, weil es einfach ‚dazugehört‘, sondern die Jugendlichen kommen freiwillig", erzählt Yvonne Rueff von der Tanzschule Rueff. Dadurch habe man trotz veränderter Bedingungen auch keinen Rückgang bei den Anmeldezahlen feststellen können.

Von veränderten Bedingungen spricht auch Thomas Kraml. Menschen würden die alte Tradition des Tanzens als einen neuen "Lifestyle" sehen. Dieser inkludiert das Tanzen als entspannten Ausgleich zur täglichen Arbeit. Der Begriff "Schule" würde hier teilweise Falsches, wie Druck oder strenge Regeln, vermitteln. Dafür sei in der heutigen Zeit kein Platz mehr.

Ob in Zukunft eine Umorientierung in Richtung moderner Tänze notwendig sei, sieht Yvonne Rueff ambivalent: "Es ist notwendig, auch moderne Tänze anzubieten, aber es gibt nach wie vor den Trend, die klassischen Tänze lernen zu wollen. Die meisten Nachfragen gibt es für Walzer, Boogie und Anfängerkurse."

YouTube
statt Tanzschule?

Das klassische Tanzen sei ein wichtiger Bestandteil der österreichischen Kultur und würde auch in Zukunft regen Zuspruch erfahren. Davon sind die drei Tanzschulbesitzer überzeugt. "Auch Hochzeitspaare haben seit einigen Jahren eine neue Idee entdeckt: möglichst einen kreativen Hochzeitstanz einzustudieren - nicht nur einen Tanz, sondern eine ganze Choreographie. Somit sehe ich die Zukunft sehr positiv", berichtet Yvonne Rueff. Auch Kraml sieht die Zukunft positiv - doch nicht für alle: "Es werden sich ein paar große, qualitativ hochwertige Tanzschulen durchsetzen."

Gegen die Idee, YouTube als Methode zum Erlernen des Tanzens zu verwenden, sprechen sich Thomas Kraml und Yvonne Rueff vehement aus. Ausgerechnet der traditionsverbundenste aller Tanzschulbesitzer, Thomas Schäfer-Elmayer, sagt: "Man kann auch über YouTube tanzen lernen." Der Nachteil sei aber, dass Tanzschüler oft nicht merken, wenn sie etwas falsch machen. Zu Ehekrisen würde das Lernen über den Bildschirm zusätzlich oft führen. Dies wäre vermutlich das Letzte, das man sich erwartet und wünscht, wenn man mit dem Tanzen beginnt: Denn neben der Tatsache, dass Tanzen gesundheitsförderlich ist und den Verlauf von leichter Demenz sogar verzögern kann, ist es für die meisten Besucher die Freude an der Bewegung, das Zusammenkommen mit Freunden und, wie Kraml es nennt, das "Lifestyleprodukt", das im Jahr 1970, im Jahr 2017 und vielleicht auch noch im Jahr 2070 Menschen in die Tanzschulen zieht.




Schlagwörter

Tanzschulen, Tanzen

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 08:57:05
Letzte ─nderung am 2017-08-10 11:33:31




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