• vom 29.08.2017, 17:17 Uhr

Stadtleben


Obdachlose

Die, die keiner will




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  • Das VinziDorf in Meidling soll Obdachlose beherbergen, die sonst nirgendwo unterkommen.

- © Markus Kubicek

© Markus Kubicek

Wien. (alp) Egal, wie gut man im Wegschauen ist, verschwinden werden sie trotzdem nicht. Obdachlose gehören zu Großstädten dazu, auch wenn immer öfters versucht wird, sie von öffentlichen Orten zu verdrängen. In London sorgten zuletzt Bodenspikes für Kritik, die unter Brücken und bei anderen beliebten Unterschlüpfen befestigt wurden, um Obdachlose zu vertreiben.

Neben den subtilen Verdrängungsmaßnahmen gibt es aber auch humane Methoden, um dem Problem der Obdachlosigkeit entgegenzuwirken. Reintegrationsprojekte wie zum Beispiel die Initiative "Wieder Wohnen" verzeichnen regelmäßig Erfolgsgeschichten, manche Obdachlose schaffen tatsächlich den Schritt zurück in ein "normales" Leben.

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Wieder andere sind trotz eines breiten Angebots an Betreuungseinrichtungen weit davon entfernt, auch nur die ersten Schritte in diese Richtung zu machen. Und genauso hartnäckig wie die Obdachlosigkeit selbst hält sich daher der Glaube, es gebe bestimmte Menschen, die sich für ein Leben auf der Straße aus freien Stücken entscheiden.

Pfarrer Wolfgang Pucher, Gründer der VinziWerke im Grazer Bezirk Eggenberg, kann diese Ansicht nicht teilen. Für ihn handelt es sich dabei um eine "Schutzbehauptung", die man in Bezug auf Menschen vorbringt, die sich nicht so leicht helfen lassen. Menschen, bei denen das bestehende Betreuungsangebot einfach nicht greift, weil sie in den Wohnheimen für Unruhe sorgen, schwierig im Umgang sind oder diese Einrichtungen wegen des größtenteils herrschenden Alkoholverbots nicht aufsuchen wollen. Menschen, für die es keinen Platz in der Gesellschaft zu geben scheint.

Genau diese Lücke möchte Pucher mit dem Konzept der VinziDörfer füllen. In Graz ist bereits vor 25 Jahren ein VinziDorf errichtet worden, 40 als schwierig geltende Obdachlose haben dort eine dauerhafte Bleibe gefunden. Nun kommt das ausschließlich durch private Spenden finanzierte Projekt auch nach Wien. Auf der Hetzendorfer Straße 117 im 12. Bezirk hat die Vinzenzgemeinschaft nach jahrelanger Suche einen geeigneten Standort gefunden.

Pucher zufolge baue man im Gegensatz zu anderen Obdachloseneinrichtungen auf ein Maximum an Toleranz gegenüber den Bewohnern. "Wir nehmen sie so, wie sie sind", versichert er. Hinzu komme, dass jeder seinen eigenen Rückzugsort erhält, denn viele würden es psychisch nicht schaffen, sich einen Schlafsaal zu teilen. Verbote gebe es grundsätzlich keine, mit Ausnahme von Gewaltanwendung. Auch Alkoholkonsum wird toleriert, was in den meisten Heimen nicht der Fall ist.

In Hetzendorf erfolgte gestern der Spatenstich für den Bau des VinziDorfs, bereits im September 2018 soll alles fertig sein. Zuvor hatte es erhebliche Schwierigkeiten mit der Baubewilligung gegeben. Viele der Anrainer hatten sich angesichts der neuen Nachbarn skeptisch gezeigt und die Pläne mehrfach beeinsprucht, bis das Verwaltungsgericht 2015 die endgültige Bauerlaubnis bewilligte. Auch Bezirksvorsteherin Gabriele Votava (SPÖ) war zuerst dagegen. Nun konnte ein Kompromiss gefunden werden.

Damit haben nun ein paar gesellschaftliche Außenseiter mehr ein Dach über dem Kopf.




Schlagwörter

Obdachlose, VinziWerk

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