• vom 01.09.2017, 06:00 Uhr

Stadtleben


Religion

Schmalzbrote und Rockgitarren




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (38)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Mathias Ziegler

  • Im 20. Bezirk geht Friedrich Koren, einer der längstdienenden Pfarrer Wiens, nach 42 Jahren in Pension. Er blickt zurück auf die Aufbruchstimmung der 1970er, vier Jahrzehnte Obdachlosenhilfe und seine Fehler als junger Pfarrer.


© Peter Behavy/www.floridofilm.at © Peter Behavy/www.floridofilm.at

Wien. 70 Tonnen Lebensmittel für Obdachlose, 150 Musiker und Sänger, 80 Jahre Diakonat (geleistet von fünf Diakonen): Das ist die Bilanz von Friedrich Koren (72), der jetzt nach 42 Jahren als einer der dienstältesten Pfarrer Wiens (nur drei andere sind länger im Amt) in Pension geht. Der Zeitpunkt passt insofern, als seine Pfarre "Allerheiligen-Zwischenbrücken" im Umbruch ist und im Zuge der Strukturreform der Erzdiözese Wien gemeinsam mit zwei weiteren Pfarrgemeinden im 20. Bezirk ab heute, Freitag, eine größere Einheit bildet: die Pfarre Neu "Zu Allen Heiligen". In den Ruhestand verabschiedet sich Koren aber nicht, wie er im Interview betont. Er wird auch weiterhin in der Pfarre aktiv sein.

"Wiener Zeitung": Sie gehen nach 42 Jahren in Pension, aber nicht in den Ruhestand, wie man hört.


Friedrich Koren: Alexander Brenner, der Pfarrer der Pfarre Neu "Zu Allen Heiligen", hat mich gebeten, mich weiterhin einzubringen, also Messen zu halten und in der Seelsorge mitzuhelfen. Aber ich werde mich nicht einmischen. Ich halte das für ganz wichtig. Der neue Pfarrer hat seine eigene Art, und es soll nicht dauernd heißen: "Beim Fritz war das so oder so." Ich glaube, dass die Gemeinde so gut beisammen ist, dass sie auch eigenverantwortlich weiterarbeiten kann und gleichzeitig die Priester ihre Charismen leben können.

Wie ist die Stimmung in der Pfarrgemeinde in Bezug auf die Zusammenlegung zur Pfarre Neu?

Es gibt eine gewisse Angst, die verständlich, aber nicht notwendig ist. Denn in den vergangenen Jahren ist in unserer Gemeinde irrsinnig viel passiert, und zwar von den Gemeindemitgliedern her und eigenständig. Und das können sie weitermachen. Es war mein Ziel, dass die Menschen hier sagen: "Das ist unsere Gemeinde, und die Gestaltung liegt in unseren Händen. Die Priester sind dazu da, uns die Sakramente zu spenden, uns zu begleiten, zu uns zu stehen, wenn es Schwierigkeiten gibt "

War das auch schon 1975 Ihr Ansatz, als Sie Pfarrer von "Allerheiligen-Zwischenbrücken" wurden?

Nein, da hat sich seither bei mir Wesentliches verändert. In meiner Anfangszeit bin ich zweimal ordentlich auf die Nase gefallen. Ich war zu Beginn sehr autoritär und habe furchtbar darum kämpfen müssen, anerkannt zu werden. Ich war damals Wiens jüngster Pfarrer, und mein Vorgänger war 37 Jahre lang im Amt und dessen Vorgänger 32 Jahre - wir waren also drei Pfarrer in 111 Jahren, aber das nur nebenbei.

Jedenfalls hatte ich es schwer, vor allem weil es Spannungen mit einem Kaplan gab, der 15 Jahre älter war als ich und eigentlich neuer Pfarrer hatte werden wollen. Es ist so weit gegangen, dass ich an meinem ersten Arbeitstag in der Kanzlei zu meinem Schreibtisch gehen wollte, und dort ist schon er gesessen. Am nächsten Tag bin ich eine Viertelstunde früher gekommen. Idiotisch, aber so war es. Der Kaplan ist dann nach einem halben Jahr gegangen.

Mit der Zeit habe ich dann jedenfalls erkannt, dass mein Dienst ein anderer ist: Ich bin nicht der Pfarrherr, sondern ein Diener der Gemeinde, die sich ihren Fähigkeiten entsprechend einbringen soll. Ich habe mit der Zeit gelernt, das Gute zu sehen und anzusprechen und auch das, was schiefgegangen ist, mitzutragen. Das halte ich für eine ganz wesentliche Aufgabe als Pfarrer.

Sie sind seit 47 Jahren Priester. Was hat Sie dazu gebracht?

Mein Bruder war in Hollabrunn im Knabenseminar und hat davon geschwärmt. Da wollte ich als jüngerer Bruder auch hin. Ich bin dort aber am Ende ausgebrochen und war untertags nach der Schule mehr in der Stadt unterwegs als im Seminar. Trotzdem bin ich dann ins Priesterseminar gegangen. Nach weiteren zwei Jahren wusste ich aber: Ich muss einmal raus, ich kann nicht von der Mittelschule bis zur Priesterweihe nur im Seminar sein. Also habe ich weiterstudiert und daneben als Religionslehrer gearbeitet. Ich hatte damals auch eine Freundin und war fast vor der Verlobung. Dann ist jedoch die Beziehung auseinandergegangen, und als Ende der Sechzigerjahre durch das Zweite Vatikanische Konzil ein gewisser Aufbruch zu spüren war und ich auch als Lehrer in der Mittelschule immer wieder davon gesprochen habe, haben die Schüler gesagt: "Ja, Sie haben leicht reden, aber in der Praxis sieht es anders aus." Das hat den Ausschlag gegeben, dass ich dann doch Priester geworden bin, um eben diesen Aufbruch in der Praxis zu leben.

Wie hat sich die Kirche in Wien seither verändert?

Damals, in dieser Aufbruchstimmung, wurde viel Neues versucht. Die Euphorie war so groß, dass wir mitunter über die Stränge geschlagen haben, aber das gehört auch dazu. Der Teil des Konzils mit dem Priestertum aller Getauften und dem Priester als Diener ist damals noch nicht so durchgekommen. Da war man als Priester eher Glaubensmanager, hat alles Mögliche versucht und war dann furchtbar enttäuscht, wenn es nicht funktioniert hat.

Dann wurde von Rom her der Aufbruch gebremst, auch in der Erzdiözese Wien. Da wurde etwa der Pfarrgemeinderat zurückgestutzt. Wir haben daraufhin ein eigenes Modell entwickelt, das wir bis heute haben: Außer Liturgie, Caritas und Verkündigung sollen die Leute in der Pfarre sagen, was wichtig ist. Und wenn sich fünf Personen finden, können sie eine Bereichsgruppe bilden. So ist ein Pfarrleitungsteam entstanden, in dem nicht mehr die Honoratioren der Pfarre vertreten waren, sondern jene, die tatsächlich mitgearbeitet und Verantwortung übernommen haben. Das hat unserer Pfarre enorm geholfen, dadurch haben wir auch heute diese große Zahl an freiwilligen Mitarbeitern. Ich habe dabei gelernt: Wenn die Gemeinde ihren Weg findet, können die Priester nichts zerstören.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-31 15:12:07




Zwischennutzung

Die kreative Vorhut der Investoren

Noch dieses Wochenende hat der Weihnachtsmarkt im Stall geöffnet. - © creau Wien. Zum Glück waren es keine Schweine. Angie Schmied und Lukas Böckle stehen in dem ehemaligen Stallgebäude und schnuppern... weiter




Transition Base

Smartes Wagenvolk

Wohnraum muss nicht viel kosten: Der alte Zirkuswagen soll für kreative Zwecke genutzt werden. - © Puiu Wien. Über die Felder der im Nordosten Wiens liegenden Seestadt fegt ein eisiger Wind. Direkt neben der Satellitenstadt... weiter




Fleischerei

Ausgeblutet

Nach vier Generationen Familienbetrieb ist es mit Trünkel im April 2017 vorbei. - © Arnold Burghardt Wien. Es ist ein schwarzer Tag für die Wiener Fleischerbranche, ein weiterer. Das Gerücht, dass Trünkel die neun der ursprünglich 25 Filialen im April... weiter





Wiener Prater

Die Erben der Zaubermeister

Franz Steidlers Bauchrednerpuppe steht jetzt im Circus- und Clownmuseum. - © Circusmuseum Wien. "Sebastian von Schwanenfeld, Basilio Calafati und Anton Kratky-Baschik: Das sind drei legendäre Zaubererkünstler... weiter




Prater

Erstes Kino als Kunstform

- © Kadotheum Wien Wien. "Karl Juhasz war das Gegenteil vom Hutschenschleuderer Liliom", meint Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums... weiter




250 Jahre Wiener Prater

Mit Courage und Löwenherz

- © Clownmuseum Wien. "1966 gab es im Prater mehrere Gründe zum Feiern", erzählt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, 50 Jahre später... weiter






Werbung


Werbung