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Stadtleben

Update: 08.09.2017, 11:50 Uhr

Verkehrsberuhigung

Zwei Jahre Begegnungszone Mariahilfer Straße




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Von Katharina Hackl

  • Zwei Jahre Mariahilfer Straße neu - und die Meinungen darüber könnten noch immer unterschiedlicher kaum sein.



Geteilt sind die Meinungen der betroffenen Unternehmer auf Österreichs größter Einkaufsstraße: Pflege- und Luxusartikelverkäuferin Brunner, Trafikant Hauser, Goldschmiedin Rupp, Hutverkäufer Runga.

Geteilt sind die Meinungen der betroffenen Unternehmer auf Österreichs größter Einkaufsstraße: Pflege- und Luxusartikelverkäuferin Brunner, Trafikant Hauser, Goldschmiedin Rupp, Hutverkäufer Runga.© Hackl Geteilt sind die Meinungen der betroffenen Unternehmer auf Österreichs größter Einkaufsstraße: Pflege- und Luxusartikelverkäuferin Brunner, Trafikant Hauser, Goldschmiedin Rupp, Hutverkäufer Runga.© Hackl

Wien. Im August 2015 wurde das wohl am heißesten diskutierte und umkämpfte Verkehrsprojekt in der Geschichte Wiens vollendet: Die Mariahilfer Straße wurde zur Fußgänger- beziehungsweise Begegnungszone. Politiker und Entscheidungsträger führten ewige Diskussionen, ob es vertretbar wäre, Autos von Österreichs größter Einkaufsstraße zu verbannen. Zu einer Einigung kam es nicht. Schlussendlich mussten die Anrainer der Bezirke Neubau und Mariahilf für eine Entscheidung sorgen. Eine knappe Mehrheit von 53,2 Prozent stimmte für den Vorschlag der Grünen und somit für die Umwandlung in eine verkehrsberuhigte Zone.

Doch wie sieht es zwei Jahre später aus? Wie begeistert sind die Besucher und Geschäfteinhaber von der Umsetzung, und würde die Entscheidung vielleicht mittlerweile anders ausfallen?

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Wenn man die Mariahilfer Straße - abseits von Einkaufsfeiertagen und der Vorweihnachtszeit - entlang spaziert, macht die Flaniermeile einen sehr entspannten Eindruck. Man könnte fast vergessen, dass diese Straße vor drei Jahren noch ganz anders ausgesehen hat und jeden Tag von hunderten Autos und Stau geprägt war. Menschen schlendern mit Einkaufstaschen, schlecken Eis und sitzen in den kleinen Schanigärten. Es wirkt, als wären die Passanten zufrieden, als würden sie gerne Zeit auf Österreichs größter Einkaufsstraße verbringen. Doch die Meinungen zu diesem Thema könnten unterschiedlicher wohl kaum sein. Weder die Passanten noch die Unternehmer entlang der Mariahilfer Straße sind sich einig über die Umwandlung in eine Begegnungszone.

Was den einen Freud ist des anderen Leid: "Der Umsatz ist seit dem Umbau stark gesunken, und das, obwohl die Zigaretten immer teurer werden. Wir schreiben immer noch nicht die Zahlen, die wir vor Baubeginn erreicht haben", erklärt Herr Hauser, der gemeinsam mit seiner Frau seit 1977 eine Trafik auf der Mariahilfer Straße führt. Den Rückgang spürt die Trafik schon in den frühen Morgenstunden. "Seit auf der Straße keine Autos mehr fahren, bleiben weniger Leute auf dem Weg zur Arbeit stehen, um Zigaretten zu kaufen." Das Publikum habe sich außerdem verändert, und die Leute kämen jetzt eher zum Spazieren als zum Kaufen auf die Mariahilfer Straße. Das Problem sei auch, dass Spezialhändler und Qualitätsgeschäfte nach und nach durch internationale Ketten ersetzt würden. "Die Mariahilfer Straße ist nicht mehr das, was sie einmal war. Sie wird immer mehr zu einer Kommerzzone", stellt Hauser fest.

Im Kampf gegen Online-Handel
Ähnlich sieht das Herr Runga, der seit Jahrzehnten das Hutgeschäft Mauerer Hüte führt. "Früher war die Einkaufsstraße attraktiver. Das zeigt sich auch bei unseren Umsätzen. Vor allem am Nachmittag kommen deutlich weniger Leute ins Geschäft", sagt er. Ein großer Nachteil ist für ihn, dass die meisten Menschen sich jetzt eher in der Mitte der Straße bewegen. Früher war das nicht möglich. Deshalb haben mehr Menschen in die Auslagen geschaut und in der Folge das Geschäft betreten. Abgesehen davon fallen viele Kunden weg, die früher mit dem Auto anreisten. "Für Autofahrer ist die Begegnungszone natürlich besonders unattraktiv. Vor allem die verwirrenden Einbahnen und die schlechte Parkplatzsituation rund um die Mariahilfer Straße stellen große Probleme dar." Mit den Sitzgelegenheiten und der Begrünung der Straße ist Hauser auch nicht zufrieden. Man könne viel mehr aus der Straße machen. Größere Schanigärten oder Punschstände im Winter würden das Gesamtbild verbessern, meint er.

Auch die Wirtschaftskammer, die die Begegnungszone von Beginn an als wirtschaftsfeindlich einstufte, erklärt, dass sich die Zahl der Einkäufer und Passanten reduziert habe. In vier von fünf Messbereichen soll die Zahl der Passanten deutlich zurückgegangen sein. Im ersten Jahr nach dem Umbau soll die Zahl der tatsächlichen Einkäufer sogar um 13 Prozent abgenommen haben.

Nicht nur die gesunkene Einkäuferzahl, sondern auch die zahlreichen leerstehenden Geschäftslokale deuten auf eine schlechtere Wirtschaftslage hin. Trotzdem wäre es vermutlich nicht richtig, die Umsatzrückgänge alleine auf die Begegnungszone zurückzuführen. Auch in anderen Teilen Wiens laufen die Geschäfte teilweise schlechter als früher. Eine große Rolle spielt dabei der Online-Handel. Die Nutzung von Internet-Shopping ist in den vergangenen Jahren rasant angestiegen. 2016 gaben Österreichs Konsumenten 2,3 Milliarden Euro in heimischen Online-Shops aus, um 9 Prozent mehr als im Vorjahr. Im 1. Quartal 2017 haben rund 70 Prozent aller Österreicher etwas im Internet gekauft. Doch obwohl die Umsätze zurückgegangen sind, scheint es mittlerweile schon mehr Befürworter der Begegnungszone zu geben. Denn kurze Zeit nach dem Umbau wären bereits zwei Drittel - anstatt 53,2 Prozent - für den Umbau in eine Begegnungszone gewesen.

"Veränderungen gehören dazu"
Diese Meinung teilt auch Goldschmiedin Valerie Rupp: "Die Wienerinnen und Wiener lehnen neue Dinge oft grundlos ab. Erst später erkennen sie dann, dass vielleicht doch nicht jede Veränderung negativ ist." Sie befürwortet sowohl den Aspekt des Umweltschutzes als auch jenen der Wirtschaftsförderung. Der Umsatz des Juweliers Netz habe sich nämlich positiv entwickelt. "Die Leute lassen sich jetzt mehr Zeit und kommen weniger gestresst ins Geschäft als früher. Dass es aber für jene Geschäfte, die auf Kunden mit Autos angewiesen sind, ein Nachteil ist, ist klar", gibt Rupp zu. "Außerdem wird hochwertiger Schmuck tendenziell eher nicht im Internet bestellt." Kritik übt sie an der nicht kreativen Umsetzung der Begegnungszone. Sie hätte das Projekt lieber in den Händen talentierter TU-Studenten gesehen. "So hätte man Geld sparen und jungen Leuten die Chance gegeben können, sich einen Namen zu machen."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 16:54:09
Letzte nderung am 2017-09-08 11:50:11




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