• vom 14.09.2017, 17:52 Uhr

Stadtleben

Update: 19.09.2017, 17:24 Uhr

Queer

Selbstdarstellung mit Stil




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (14)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Arian Faal

  • Wohnküchen, Detailtreue und der Drang zum Perfektionismus als Leitfäden für queere Wohntrends.



Wien. Eine Dachterrasse mit Whirlpool, opulente und burlesque Möbel und große Barockluster, das sind einige Schlagworte, die einem in den Sinn kommen könnten, wenn es um queere Wohntrends geht.

Doch so einfach schubladisieren lässt sich das in der Branche als "pinke Wohnverhalten" bezeichnete Phänomen nicht. "Homosexuelle haben üblicherweise keine anderen Wohnbedürfnisse als Heterosexuelle, aber Schwule kompensieren mehr", sagt der Wiener Architekt Gerd Endmayr, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt.

Werbung

Generell sei schwules Wohnen ein Spannungsfeld zwischen Stil, Selbstdarstellung und Geld. "Es ist den Schwulen ein großes Anliegen, manche Dinge in ihren eigenen vier Wänden perfekter zu gestalten als Heteros", ergänzt der Experte. Wenn Homosexuelle ihren Lebensstil formulieren müssen, tun sie das wesentlich detaillierter als heterosexuelle Menschen. Man könnte sagen, sie leben eine Spur über den Standards vom Rest der Gesellschaft.

Endmayr begründet dies an den Umständen. Zum einen haben Schwule mehr Geld, weil sie kinderlos sind, und zum anderen wohnt jedem Schwulen ein sehr ausgeprägtes Bedürfnis an Selbstdarstellung inne. "Das spiegelt sich dann natürlich auch im Wohnraum wider, denn sie kleiden sich nicht nur sehr sorgfältig und stylish, sondern leben auch so", sagt der Branchenkenner.

Dennoch heißt das alles nicht, dass Schwule automatisch kreativer sind, sagt Endmayr. "Ich kenne sehr viele Wohnungen von Heterosexuellen, die genauso kreativ sind", sagt er. Nicht außer Acht lassen dürfe man auch jene Gruppe der Schwulen, die ganz gewöhnliche Menschen mit herkömmlichen Berufen seien und konservativ wohnen.

Individualität
Übrigens: 2017 sind bei den Schwulen vor allem große Wohnküchen sehr beliebt. Gibt es überhaupt etwas wie "schwules Wohnen"? "Wohnen per se ist nicht schwul, es kann aber unter Umständen zu einer interessanten Kombination kommen. Bei einem schwulen Auftraggeber in Kombination mit einem schwulen Einrichter oder Architekten kommt zumeist ein Höchstausmaß an Individualität zustande", sagt Endmayr. Insgesamt leben in Wien bis zu 180.000 Menschen, die homo- oder transsexuell sind - das ist knapp jede und jeder Zehnte.

Das Immobilienportal Findmyhome.at hat im Juni 2017 eine Online-Studie gemacht und 317 User befragt. Rund ein Drittel der befragten beschrieb sich als homosexuell. Die Studie gibt Aufschluss über die aktuelle Wohnsituation und beleuchtet die Frage, wie die LGBT-Community wohnt. Der Gründer und Geschäftsführer von Findmyhome.at, Immobilienexperte Bernd Gabel-Hlawa fasst das Ergebnis zusammen: "Die Befragten sind sich einig, dass die eigenen vier Wände für Privatsphäre, Geborgenheit und Entspannung stehen, sowohl bei homo- als auch heterosexuellen Befragten", sagt er. Die drei Schlagworte seien die am häufigsten genannten in Zusammenhang mit dem eigenen Zuhause.

Markante Unterschiede zwischen Heteros und Schwulen kommen erst bei der Frage nach der perfekten Immobilie zum Vorschein. "Knapp die Hälfte der homosexuellen Befragten sieht ihr Traum-Zuhause in einer Wohnung, dicht gefolgt vom eigenen Haus. Unter den heterosexuellen Befragten war die Wahl eindeutiger: Mit Abstand steht das eigene Haus an Platz eins der beliebtesten Immobilien." Zudem ist ein Garten der häufigste Wunsch unter Heterosexuellen, Homosexuelle wollen dagegen häufiger eine eigene Dachterrasse.

70 Quadratmetern und mehr
Auch in der durchschnittlichen Größe der Immobilien gibt es Unterschiede: Die meisten Befragten der LGBT-Community gaben an, auf 51 bis 70 Quadratmetern zu wohnen. "Die Tendenz ist hier allerdings steigend, ein Viertel der Gruppe gab an, bereits auf 71 bis 90 Quadratmetern zu leben", so Gabel-Hlawa. Heterosexuelle Österreicher gaben hingegen in den meisten Fällen an, nur die kleinste Kategorie an Wohnraum, also maximal 50 Quadratmeter, zur Verfügung zu haben.

27 Prozent und damit die Mehrheit der Befragten aus der LGBT-Community gibt monatlich zwischen 501 und 1000 Euro fürs Wohnen aus. Die Mehrheit der heterosexuellen Befragten zahlt monatlich zwischen 301 und 500 Euro für Miete, Betriebskosten und Ähnliches. Gabel-Hlawa: "Beide Gruppen beschrieben diese Kosten am häufigsten als ‚mittelmäßige finanzielle Belastung‘."

"Der Unterschied: Heterosexuelle zahlen tendenziell weniger monatliche Kosten für das Wohnen als Homosexuelle, empfinden die Kosten jedoch ähnlich finanziell belastend. Knapp ein Drittel der heterosexuellen Befragten beschrieb die Wohnkosten sogar als große bis sehr große Last."




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 17:57:11
Letzte ─nderung am 2017-09-19 17:24:10




Zwischennutzung

Die kreative Vorhut der Investoren

Noch dieses Wochenende hat der Weihnachtsmarkt im Stall geöffnet. - © creau Wien. Zum Glück waren es keine Schweine. Angie Schmied und Lukas Böckle stehen in dem ehemaligen Stallgebäude und schnuppern... weiter




Transition Base

Smartes Wagenvolk

Wohnraum muss nicht viel kosten: Der alte Zirkuswagen soll für kreative Zwecke genutzt werden. - © Puiu Wien. Über die Felder der im Nordosten Wiens liegenden Seestadt fegt ein eisiger Wind. Direkt neben der Satellitenstadt... weiter




Fleischerei

Ausgeblutet

Nach vier Generationen Familienbetrieb ist es mit Trünkel im April 2017 vorbei. - © Arnold Burghardt Wien. Es ist ein schwarzer Tag für die Wiener Fleischerbranche, ein weiterer. Das Gerücht, dass Trünkel die neun der ursprünglich 25 Filialen im April... weiter





Wiener Prater

Die Erben der Zaubermeister

Franz Steidlers Bauchrednerpuppe steht jetzt im Circus- und Clownmuseum. - © Circusmuseum Wien. "Sebastian von Schwanenfeld, Basilio Calafati und Anton Kratky-Baschik: Das sind drei legendäre Zaubererkünstler... weiter




Prater

Erstes Kino als Kunstform

- © Kadotheum Wien Wien. "Karl Juhasz war das Gegenteil vom Hutschenschleuderer Liliom", meint Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums... weiter




250 Jahre Wiener Prater

Mit Courage und Löwenherz

- © Clownmuseum Wien. "1966 gab es im Prater mehrere Gründe zum Feiern", erzählt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, 50 Jahre später... weiter






Werbung


Werbung