• vom 19.09.2017, 15:51 Uhr

Stadtleben

Update: 20.09.2017, 09:22 Uhr

Breitenseer Lichtspiele

"Wenn es so weitergeht, wird es kritisch"




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Von Arian Faal

  • Die Breitenseer Lichtspiele in Penzing stehen vor dem Aus - doch die Chefin will noch nicht aufgeben.

- © Stanislav Jenis

© Stanislav Jenis

Wien. Die Alarmglocken schrillen schon seit 2011. Da wurde es finanziell das erste Mal wirklich eng für das Breitenseer Kino (BLS), dem ältesten durchgehend bespielten Kinosaal der Welt. Immer wieder konnte der Weiterbetrieb des Nostalgie-Kinos aus Omas Zeiten in Penzing seither gerettet werden, doch diesmal steht der Betrieb tatsächlich vor dem Aus. Bis November noch ist der Weiterbetrieb gesichert, was danach passiert, ist offen.

Nur ein Besucher

Information

Breitenseer Lichtspiele (BLS)

1140 Wien, Breitenseer Straße 21

http://www.bsl-wien.at/

"Vorgestern war nur ein Besucher da, in der ersten Vorstellung, und die zweite ist ausgefallen", erzählt die Chefin und pensionierte Professorin Anna Nitsch-Fitz mit trauriger Stimme. "Überhaupt muss ich sagen, dass ich derzeit nicht mehr als drei oder vier Besucher täglich habe. Ich weiß nicht, wo die Leute sind. Wenn es so weitergeht, wird es kritisch", ergänzt sie.

Dann berichtet sie von der jüngsten Saisoneröffnung. "Am 8. September haben wir nach der Sommerpause mit einer Galaparty aufgesperrt und zuvor sehr viel Werbung gemacht", sagt die Kino-Expertin. "Allein das Buffet hat mich 1000 Euro gekostet. Am Ende sind dann nur 43 Menschen gekommen. Traurig, oder?", fragt sie. Die Langzeitchefin holt aber sofort tief Luft und aktiviert ihren ungebrochenen Kampfgeist. "Ans Aufhören will ich gar nicht denken, das Kino ist mein Leben. Zwei Jahre möchte ich mindestens noch weitermachen, dann habe ich mein 50-jähriges Jubiläum", sagt sie. Ein Verkauf an eine fremde Person kommt für sie nicht infrage. Immerhin handelt es sich um ihr Lebenswerk.

Sie würde das Kino gern von ihren Neffen und Nichten weiterbetrieben sehen, dafür müsste es aber zumindest kostendeckend sein. Aber sogar von einem Nullsummenspiel ist das Kino seit Jahren weit entfernt. Nicht einmal die 12.000 Euro, die die Stadt Wien jährlich an Kinoförderung zuschießt, machen das Kraut fett. Im Gegenteil: Nitsch-Fitz muss mehr als zwei Drittel ihrer monatlichen Pension in Höhe von 2000 Euro ins Kino stecken, um den Spielbetrieb zu ermöglichen. Eigentlich hätte im Juni bereits Schluss sein sollen. Durch einen Spendenaufruf sind dann 300 Euro reingekommen. Ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Das 1905 gegründete Kino, dass seit 1969 von Nitsch-Fitz geführt wird, hält sich momentan hauptsächlich durch Privatveranstaltungen im Kino übers Wasser. "Das Kino wurde wieder öfter für Geburtstage und andere Events gebucht", so die Chefin. Was dem Kino auch geholfen hätte, seien einige kleine Kooperationen, die sich im letzten Jahr ergeben hätten, unterstreicht Nitsch-Fitz. Zum Beispiel wurde das Kino erstmalig im Rahmen des Festivals "Let’s CEE" bespielt, eines Filmfestivals mit Fokus auf Filme aus Zentral- und Osteuropa. "Dadurch sind ungefähr 2000 Euro eingenommen worden".

Mit einem eindringlichen Appell an die Bevölkerung will Nitsch-Fitz ihr Kino doch noch retten. "Bitte, liebe Wiener, kommt in mein Kino und nehmt möglichst viele Freunde, Verwandte und Bekannte mit", sagt sie. "Die Leute erkennen den Wert der Dinge immer erst dann, wenn es zu spät ist. Wir brauchen mehr Leute, mehr Einnahmen und mehr Spenden. Soll das älteste Kino wirklich zusperren?", fragt Nitsch-Fitz und will mit der Stadt Wien sprechen. Im Büro des zuständigen Kulturstadtrates, Andreas Mailath-Pokorny, verwies man darauf, dass die BLS die Kinoförderung bekommt. Wien sei zudem eine der ganz wenigen Städte in Europa, wo es diese gebe. Damit würden die Arthouse-Kinos für ihre Programmierung mit anspruchsvollen Filmen unterstützt.

Viennale als Rettung?

Bis Ende Oktober haben die BLS das Programm zusammengestellt. Irgendwie, davon ist die Betreiberin überzeugt, wird es sich auch diesmal ausgehen. "Meine Rettung wäre, wenn uns die Viennale mitspielen lässt." Derzeit versucht Nitsch, weitere Veranstaltungen im Kino zu lukrieren. "Ich habe jetzt auch schon wieder zwei Termine, einen im September und einen im Oktober. So kommt wenigstens ein bisschen Geld rein. Den Saal zu mieten, kostet 150 Euro in der Stunde, und das wird zumeist für drei Stunden in Anspruch genommen."

Im ältesten noch bespielten Kino der Welt werden immer wieder Stummfilme mit Klavierbegleitung, Strickfilme und Familienfilme gezeigt.

Die Breitenseer Lichtspiele können auf eine lange Geschichte zurückblicken

1905: Gründung eines Zeltkinos von Theresia und Eduard Guggenberger.

1909: Fester Stammsitz im neu errichteten Haus 14., Breitenseer Straße 21, Annahme des Namens "Breitenseer Lichtspiele".

1911: Verkauf des Kinos an Heinrich Grün. Nach dessen Tod übernimmt seine Witwe Anna Wolfschütz-Grün die Leitung.

1914: Umbau des Kinos. Nun 118 Sitzplätze.

1916: Umbau und Erhöhung der Sitzanzahl auf 168.

1919: Wegen baulicher Mängel soll das Kino geschlossen und in die Hütteldorfer Straße 105 verlegt werden - es kommt jedoch nicht dazu.

1924: Ausbau auf 211 Sitzplätze.

1930: Es laufen letztmalig Stummfilme, unter anderem "Eine schamlose Frau" mit Greta Garbo. Einbau einer Tonanlage. Wiedereröffnung unter dem Namen "Breitenseer-Ton-Kino". Viele Uraufführungen von Sprach- und Tonfilmen.

1934: Reduzierung der Sitzplatzanzahl auf 206.

1945: Wegen des Krieges kurz geschlossen. Am 24. April Wiedereröffnung der Breitenseer Lichtspiele unter öffentlicher Verwaltung wegen der NSDAP-Mitgliedschaft von Anna Wolfschütz. Später wird das Kino von der kommissarischen Leitung der Kinobetriebs-, Filmverleih- und Filmproduktionsgesellschaft verwaltet.

1947: Am 15. Juli erfolgt die "Rückgabe" des Kinos an Frau Anna Wolfschütz.

1956: Einbau einer neuen Breitwand von 4,4 x 2,50 Metern und Anschaffung von zwei neuen Projektoren.

1957: Einbau einer neuen Warmluftanlage mit Gasfeuerung.

1962: Umbau für die Vorführung von Cinemascope-Filmen durch Ausstattung der Projektoren mit Cinemascope-Optiken.

1969: Verkauf der Breitenseer Lichtspiele an Anna Nitsch-Fitz, die sie bis heute führt.

1970: Reduzierung der Sitzplätze für die Dauerkonzession auf 200. Einbau der Chalupka-Projektoren vom Nußdorfer Kino.

1984: Reduktion der Sitzplatzanzahl auf 168 (wie 1916).

1993: Einbau einer neuen Tonanlage und einer neuen Leinwand mit Unterstützung von "Hundertjahrekino".

1996: Großes Festprogramm anlässlich des 90-jährigen Bestehens des Kinos.

1999: Schließung des Erika-Kinos. Dadurch werden die Breitenseer Lichtspiele das älteste noch bespielte Kino der Bundeshauptstadt. Die Jubiläumsfeier findet am 12. Juni statt. 30-jähriges Kinobesitz-Jubiläum von Anna Nitsch-Fitz. 90-jähriges Kinobestandsjubiläum im Hause Breitenseer Straße 21.

2002: Generalrenovierung mithilfe der Investitionsförderung 2001: Reaktivierung des Neonschriftzuges "Lichtspiele". Außen Anstrich mit der wahrscheinlich ursprünglichen Farbe, auch innen wird alles dazu passend neu gestrichen. Alle Sessel werden überholt, ein neuer Vorhang gekauft, der auf die drei Formate: Normalfilm, Breitwand und Cinemascope geöffnet werden kann.

2003: Überreichung der Urkunde "2002 von der Stadt Wien ausgezeichnetes Kino".

2014 bis heute: Immer wieder kämpft das Kino mit wirtschaftlichen Problemen und steht mehrmals vor der Schließung. Die Zukunft ist ungewiss.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-19 15:57:10
Letzte ─nderung am 2017-09-20 09:22:02




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