• vom 21.09.2017, 17:31 Uhr

Stadtleben

Update: 22.09.2017, 13:36 Uhr

Menschen mit Behinderung

(K)eine Freizeit ohne Eltern




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Von Valentine Auer

  • Geht es um die Inklusion von Menschen mit Behinderung, sind in erster Linie der Arbeitsmarkt und der Bildungsbereich gemeint. Freizeit und Bedürfnisse wie Sexualität und Liebe werden kaum thematisiert.



Wien. Im Club einfach mal feiern können. Ohne Eltern ein Museum, ein Konzert besuchen. Für viele Alltag. Für Menschen mit Behinderung bestehen nach wie vor Barrieren, um selbstbestimmte Freizeit ohne Betreuungsperson, erleben zu können. Diskussionen rund um Inklusion finden in Wien zwar statt. Der Fokus liegt jedoch zu einem großen Teil auf den Bereichen Arbeitsmarkt und Bildung. Anderen Bedürfnissen wird kaum Raum gegeben. Sexualität und Liebe sind nach wie vor Tabuthemen, wenn es um Menschen geht, die "geistig behindert gemacht werden", wie es der Verein "Pro21" nennt. "Pro21" will ebendiese Bedürfnisse sichtbar machen.

Recht auf Assistenz
Alle Menschen mit Behinderungen haben das Recht, ihre Lebens- und Wohnformen frei zu wählen, heißt es im Artikel 19 der Behindertenkonvention der Vereinten Nationen. Zu dieser Wahlfreiheit gehört auch das Recht zur Assistenz als eine Unterstützungsform. In Wien gilt dieses Recht jedoch nicht für alle. Der Fonds Soziales Wien (FSW) schließt bei den Förderrichtlinien für persönliche Assistenz besachwaltete Personen, Menschen mit psychischen Behinderungen oder reinen Sinnesbehinderungen aus. Solang es diese Ausgrenzung gibt, wäre Freizeitassistenz eine Alternative, erklärt Josefine Thom, Gründerin des Vereines "Pro21".


Doch das nächste Problem: In Wien gibt es kaum Angebote. Trotz der ständig geführten Inklusions-Debatten auf politischer Ebene werden Menschen mit Behinderung aus gesellschaftlichen Kontexten ausgegrenzt. "Ich bin selber betroffen, da ich Trisomie 21 habe und weiß, dass es sehr wenig Angebote gibt. Es ist auch schwierig, herauszufinden, welche Angebote es überhaupt gibt", bestätigt auch Markus Samek. Er ist Teil von "Pro21" und mit den Namen Okma oder Amok auch als Rapper und DJ bekannt. Gemeinsam mit dem musikalischen Assistenten Robert Duda hat er bereits zwei Alben und drei EPs unter den Namen "Okma & Relups" veröffentlicht.

Mangelndes Angebot
Kennengelernt hat Rapper Okma seinen Bandkollegen durch das vom FSW geförderte Projekt "Integration Wien". Die einzige Stelle in Wien, die Freizeitassistenz anbietet. Dementsprechend groß ist die Warteliste: Derzeit werden 25 Freizeitassistenten beschäftigt, die 42 Personen begleiten. Weitere 66 Personen stehen auf der Warteliste und müssen bis zu drei Jahren auf einen Platz warten.

Im Jahr 2015 wurde die finanzielle Unterstützung des Projektes aufgrund der hohen Nachfrage verdoppelt. Es reicht jedoch immer noch nicht, das Angebot der Freizeitassistenz ist beschränkt: Berechtigt sind nur Personen zwischen 15 und 30 Jahren, für maximal fünf Jahre.

Okma ist bereits über 30. "Ab einem bestimmten Alter bekommt man weniger Assistenz", beklagt der Rapper. Auch Verena Glaser, die Projektleiterin der Freizeitassistenz von "Integration Wien", bedauert diese Einschränkungen, aber: "Hätten wir keine Altersgrenze, wäre die Warteliste zehn Mal so lang. Damit wir möglichst vielen Menschen mit Unterstützungsbedarf eine Chance geben können, individuelle Freizeitassistenz zu bekommen, braucht es diese Einschränkungen", so Glaser.

Gegen "Sexlusion"
Aber nicht nur das Bedürfnis selbstbestimmte und elternfreie Zeit zu erleben, ist für Menschen mit Behinderungen mit Barrieren verknüpft. Auch die Bereiche Sexualität, Beziehungen und Liebe werden laut "Pro21" zu wenig thematisiert: "Es ist ein großes Tabuthema", weiß Okma und versteht nicht, "wieso Menschen mit Behinderung keine Liebe und keine Sexualität haben dürfen". Sexlusion wird diese Problematik genannt. Entscheidungen über Sexualität, Partnerschaft, Ehe, Kinderwunsch oder Verhütung sind oftmals fremdbestimmt.

Die Gründe dafür sehen die Aktivisten des Vereins im vorherrschenden Paternalismus, der Infantilisierung und Normalisierung von Menschen mit Behinderung. Dadurch spiele Fremdbestimmung immer noch eine große Rolle, dem Gegenüber wird keine Verantwortung zugeschrieben, so Thom. Ein aktuelles Beispiel dafür sei die "Ehe für Alle", erklärt auch Heike Bestelovanic, Mitgründerin von "Pro21": "Die ‚Ehe für alle‘ ist gerade ein wichtiges Thema, aber es bezieht sich nur auf gleichgeschlechtliche Paare. Der Gedanke, dass die ‚Ehe für alle‘ auch Menschen mit Behinderung inkludiert, fehlt."

Taschengeld statt Lohn
Aber auch in weniger tabuisierten Bereichen wie beim Arbeitsmarkt bewegen sich die Inklusions-Debatten in die falsche Richtung, wenn es nach "Pro21" geht. So wird kritisiert, dass Personen, die in Werkstätten oder Tagesstrukturen arbeiten, nur ein Taschengeld erhalten. Aus dem Büro des Wiener Stadtrats für Soziales, Gesundheit und Frauen heißt es dazu, dass es sich nicht, um ein Taschengeld handle, sondern um eine Leistungsanerkennung. Zudem gelten die Kunden der Tagesstruktur nach aktueller Gesetzeslage als "nicht erwerbsfähig" und erhalten zu einem großen Teil die Bedarfsorientierte Mindestsicherung, so eine Sprecherin.

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Dokument erstellt am 2017-09-21 17:36:15
Letzte ─nderung am 2017-09-22 13:36:06




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