• vom 28.09.2017, 07:00 Uhr

Stadtleben

Update: 28.09.2017, 14:45 Uhr

Wohnen

Herr G. muss raus




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Humer Privatstiftung wehrt sich

Für die Humer Privatstiftung ist der Grund für die Kündigung klar. "Sie können davon ausgehen, dass der Entscheidung des Gerichts, ein wesentliches Fehlverhalten des Mieters zugrunde liegt", heißt es aus dem Büro der Stiftung auf Anfrage der "Wiener Zeitung". "Seit vielen Jahren bestehen bösartige Aktionen einiger Mieter gegen die Hausinhabung und anderen Mietern, die wir nicht länger akzeptieren können. Die Schikanen, mit teilweise wöchentlichen, völlig grund- und sinnlosen Anzeigen bei Behörden, wurden unerträglich."

"Ist es reiner Zufall, dass ausgerechnet jene beiden Mieter gekündigt werden, die sich in den letzten Jahren erfolgreich für die Rettung des denkmalgeschützten Dachstuhls vor der Zerstörung durch einen Dachausbau engagiert haben?", fragt hingegen Alexander Hirschenhauser, Klubobmann der Grünen Innere Stadt in einer Aussendung.

In den vergangenen Jahren häuften sich Medienberichte über fragwürdige Strategien, sich leidiger Mieter zu entledigen. Berühmtheit erlangte dabei der Fall der sogenannten "Pizzeria Anarchia". Die Eigentümer des Hauses in der Mühlfeldgasse 12 im 2. Bezirk sollen dutzende Punks kostenlos einquartiert haben, um die regulären Mieter schnell loszuwerden. Der Schuss ging nach hinten los. Die Autonomen verbündeten sich mit den Bewohner. Sie weigerten sich auszuziehen, als ihr Prekariums-Vertrag auslief. Schlussendlich wurde 2014 geräumt. Die Medien des Landes schauten auf die Mühlfeldgasse und die unglaublichen Anzahl von 1700 Polizisten, die eine Handvoll Punks delogierten.

Doch auch abseits von Kamerateams und Medienberichten greifen Investoren immer wieder zu unorthodoxen Methoden, um unbefristete Mietverhältnisse abrupt zu beenden. "Oft werden Kündigungen vor der Urlaubszeit oder den Weihnachtsfeiertagen verschickt. Vermieter erhoffen sich dadurch, dass die Einspruchsfrist versäumt wird", sagt Walter Rosifka, Mietrechtsexperte der Wiener Arbeiterkammer.

Auch nicht geöffnete Post gilt als zugestellt. "Wir hatten einmal einen besonders abscheulichen Fall. Eine Mieterin kam nach Hause und ihre Wohnung war leer. Ohne jegliche Information war sie delogiert worden. Sie stand auf der Straße", sagt Rosifka. Der Vermieter habe beteuert, er habe eine Kündigung verschickt, jedoch keine Antwort erhalten. Nun sei die Einspruchsfrist vorbei. "Im Nachhinein erinnerte sich die Mieterin, dass ihr Postkasten in den vergangenen Monaten immer wieder aufgebrochen war. Beweisen kann man solche Dinge natürlich nicht. Da steht Aussage gegen Aussage."

Auseinandersetzung mit ungleichen Waffen

So mancher unlautere Trick bringt Bewohner sogar dazu, ihren Räumungsvergleich zwischen Tür und Angel selbst zu unterzeichnen. Investoren kaufen dazu Gebäude in abgewohnten Gegenden, oft Gründerzeitviertel in Außenbezirken. Ein Aushang am Gang lädt die Mieter zu einem Treffen mit dem neuen Eigentümer ein. Man wolle sich die Sorgen und Wünsche der Bewohner anhören. "In Wahrheit dient der Termin dazu, die Mieter über die angebliche Renovierung des Hauses zu informieren. Man erzählt ihnen, dass sie bis dahin ausziehen müssen, was rechtlich natürlich nicht haltbar ist. Aus Großzügigkeit würde man sie aber die restlichen Monate kostenlos wohnen lassen. Vorausgesetzt sie unterschreiben die Räumungsvereinbarung", sagt Rosifka. Solche sogenannten Haustürgeschäfte sind rechtlich nicht haltbar und können im Nachhinein angefochten werden. "Vorausgesetzt man weiß das und will den Weg über die Gerichte gehen."

Hilft das alles nichts, werden oft einfach Reparaturarbeiten nicht mehr durchgeführt oder Bauarbeiten ewig in die Länge gezogen. "Die Menschen können dann im Winter wochenlang nicht heizen oder es kommt kein Wasser mehr aus der Leitung", sagt Rosifka. "Ein kaputter Fahrstuhl, der nicht mehr instandgesetzt wird, ist für ein gehbehindertes Ehepaar in der Dachgeschoßwohnung eine Katastrophe. Natürlich können sie die Reparatur vor Gericht einklagen. Das kann aber Jahre dauern, wenn der Investor gewillt ist, in Berufung zu gehen."

Solche Auseinandersetzungen werden oft mit ungleichen Waffen geschlagen. Walther Götlinger ist ein unleidlicher Mieter, so der OGH. "Meinen Vermieter kann ich jedoch nicht auf Unleidlichkeit klagen", sagt er. Götlinger zieht an einer Zigarette. Noch einmal geht er bedächtig durch die Räume der Wohnung, die nun nicht mehr die seine ist. In den weißen Haaren haben sich Staubflusen verfangen. Zum ersten Mal in seinem Leben zieht er nun um. "Und das mit 70 Jahren."

Die ersten Wochen wird er bei Freunden übernachten. "Und die nächsten bei anderen Freunden", sagt er und schmunzelt. So schnell lässt sich Götlinger nicht unterkriegen. Selbstverständlich wird er sich weiter auflehnen. Gegen diesen "neoliberalen Zeitgeist, der die Wohnungen unleistbar macht und die Innenstadt kaputt". Götlinger klemmt sich eine letzte Bananenkiste unter den Arm und geht. Die Arbeit ist getan. Vorerst.


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Dokument erstellt am 2017-09-27 17:30:11
Letzte ─nderung am 2017-09-28 14:45:53




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