• vom 28.09.2017, 17:17 Uhr

Stadtleben


Neunerhaus

"Sie packen einfach an und tun"




  • Artikel
  • Lesenswert (13)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Ina Weber

  • Das Neunerhaus erweitert sein Gesundheitszentrum in der Margartenstraße - Mensch-Tier-Versorgung im Mittelpunkt.

Niederschwellig für Obdachlose: das neue Gesundheitszentrum plus Café.

Niederschwellig für Obdachlose: das neue Gesundheitszentrum plus Café.© Neunerhaus/Christoph Liebentritt Niederschwellig für Obdachlose: das neue Gesundheitszentrum plus Café.© Neunerhaus/Christoph Liebentritt

Wien. Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist sichtlich gerührt. Seine Pausen während seiner Ansprache anlässlich der Eröffnung des erweiterten Gesundheitszentrums des Neunerhauses lassen das Publikum schlucken. Es sind berührende Worte von einem Hundeliebhaber: "Ich werde für immer dankbar sein, dass ihr das hier macht, und dass ihr als einzige in Wien den Obdachlosen erlaubt, ihre Haustiere mitzubringen. Das zeugt von Einfühlung und Empathie mit jenen Menschen, denen es jetzt so schlecht geht", so Van der Bellen am Donnerstag. Und weiter: "Sie packen einfach an und tun und sorgen für Menschen, völlig unabhängig von Einkommen, Alter, Versicherung oder Herkunft."

Ein dritter Zahnarztsessel
Das Neunerhaus in der Margaretenstraße ist damit neu eröffnet. Die medizinische Versorgungsstelle, die im Jahr 2009 an diesem Ort aufgemacht wurde, wurde auf 800 Quadratmeter erweitert. Das bedeutet vier Mal so viel Platz für zusätzliche drei Behandlungsräume der Arztpraxis, einen dritten Zahnarztsessel, zusätzliche Beratungsräume für die Sozialarbeit, ein eigener Raum für Pflege wie Verbandswechsel oder Duschen, ein Augenarzt und eine Gynäkologin kommen neu dazu.

Werbung

Der neue Platz wird auch dringend benötigt. Denn, so formulierte es Markus Reiter, Geschäftsführer und Mitbegründer des Neunerhauses und angehender grüner Bezirkschef in Neubau, "wir haben für unser Angebot den Nerv der Zeit getroffen und mussen feststellen, dass es leider immer mehr Menschen benötigen", so Reiter. Und da Menschen ohne Wohnraum überdurchschnittlich oft von Krankheit betroffen sind, sei die ärztliche Versorgung extrem wichtig. Seit dem Jahr 2006 bietet das Neunerhaus bereits mit den mobilen Ärzten medizinische Betreuung an.

Waren es 2016 rund 4000 wohnungs- und obdachlose Patienten, die medizinisch versorgt wurden, so werden mit 2020 rund 6000 Patienten erwartet. Einige von ihnen können kein Deutsch. Das Neunerhaus bietet deshalb Videodolmetscher an. Im Jahr 2016 fanden 611 übersetzte ärztliche Behandlungen statt.

6000 Patienten erwartet
Weiters wurden 426 Zahnprothesen im Jahr 2016 ermöglicht und 1417 Zahnbürsten ausgegeben. Versorgt wurden ebenfalls 506 Hunde, 183 Katzen, 22 Hasen und weitere Kaninchen, Ratten und Meerschweinchen.

"Warum machen wir das", stellte Geschäftsführer Reiter die rhetorische Frage, "weil wir die Augen nicht verschließen, weil uns jeder Mensch wichtig ist". Und so präsentierte Reiter auch den neuen Slogan des Neunerhauses: "Du bist wichtig". "Eine Beratung auf Augenhöhe" soll den Obdachlosen den Weg zurück in ein selbständiges, besseres Leben zeigen.

Und so wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Die Baukosten beliefen sich auf 2,1 Millionen Euro. Sie wurden vom Hauseigentümer Puba-Privatstiftung vorgestreckt. Die Einrichtung bezahlt die Summe bei einer Laufzeit von 20 Jahren zinsenfrei zurück.

Am 10. Oktober werden dann die neuen, hellen Räumlichkeiten in der Margartenstraße offiziell in Betrieb gehen. Ende November kommt noch ein Café am Standort dazu. Dort soll es zwischen 10 bis 15 Uhr niederschwellige Erstberatung geben. Auch eine psychiatrische Betreuung sei geplant, sagte Reiter.

Der Tierarzt wird an drei Tagen im Haus sein. Und das ist für den Bundespräsidenten gut so. Diese Menschen hätten oft alles verloren, so Van der Bellen, "das was ihnen bleibt, ist der Hund".

Das Neunerhaus

Das Neunerhaus ist eine Sozialorganisation in Wien, die obdachlosen Menschen hilft, wieder ein Dach über dem Kopf zu finden. Die Einrichtung wurde1999 gegründet und wird vom Fonds Soziales Wien gefördert. Ein Vertrag mit der WGKK ermöglicht es, eine kostenlose medizinische Versorgung anzubieten. Auch Nicht-Versicherte werden behandelt. Das Neunerhaus hat mittlerweile einige Stationen. Im Jahr 2001 wurde ein Wohnhaus in der Hagenmüllergasse gegründet, im Jahr 2005 folgte jenes in der Billrothstraße, im Jahr 2007 die Kudlichgasse. Auch die ärztliche Hilfe wurde nach und nach ausgebaut. In der Margaretenstraße 166 im 5. Bezirk befindet sich die Zahnarztpraxis, Arztpraxis und tierärztliche Versorgungsstelle, die am 10. Oktober neu eröffnet wird.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-28 17:21:09




Zwischennutzung

Die kreative Vorhut der Investoren

Noch dieses Wochenende hat der Weihnachtsmarkt im Stall geöffnet. - © creau Wien. Zum Glück waren es keine Schweine. Angie Schmied und Lukas Böckle stehen in dem ehemaligen Stallgebäude und schnuppern... weiter




Transition Base

Smartes Wagenvolk

Wohnraum muss nicht viel kosten: Der alte Zirkuswagen soll für kreative Zwecke genutzt werden. - © Puiu Wien. Über die Felder der im Nordosten Wiens liegenden Seestadt fegt ein eisiger Wind. Direkt neben der Satellitenstadt... weiter




Fleischerei

Ausgeblutet

Nach vier Generationen Familienbetrieb ist es mit Trünkel im April 2017 vorbei. - © Arnold Burghardt Wien. Es ist ein schwarzer Tag für die Wiener Fleischerbranche, ein weiterer. Das Gerücht, dass Trünkel die neun der ursprünglich 25 Filialen im April... weiter





Wiener Prater

Die Erben der Zaubermeister

Franz Steidlers Bauchrednerpuppe steht jetzt im Circus- und Clownmuseum. - © Circusmuseum Wien. "Sebastian von Schwanenfeld, Basilio Calafati und Anton Kratky-Baschik: Das sind drei legendäre Zaubererkünstler... weiter




Prater

Erstes Kino als Kunstform

- © Kadotheum Wien Wien. "Karl Juhasz war das Gegenteil vom Hutschenschleuderer Liliom", meint Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums... weiter




250 Jahre Wiener Prater

Mit Courage und Löwenherz

- © Clownmuseum Wien. "1966 gab es im Prater mehrere Gründe zum Feiern", erzählt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, 50 Jahre später... weiter






Werbung


Werbung