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Stadtleben

Update: 07.10.2017, 16:16 Uhr

Tierhaltung

Rasenmääähhher




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Von Arian Faal

  • Die Besitzer der 277 Ziegen in Wien müssen viele Auflagen erfüllen. Ein Lokalaugenschein bei den neugierigen Paarhufern.

Auf Tuchfühlung mit den Ziegen: WZ-Mitarbeiter Arian Faal.

Auf Tuchfühlung mit den Ziegen: WZ-Mitarbeiter Arian Faal. Auf Tuchfühlung mit den Ziegen: WZ-Mitarbeiter Arian Faal.

Wien. Eine Ziege mitten in der Großstadt? Nein, nicht in Schönbrunn oder im Lainzer Tiergarten, sondern in einem Garten, quasi als lebender Rasenmäher. Ein vielleicht auf den ersten Blick absurd erscheinender, aber dennoch hipper Trend, der sich in den vergangenen Jahren vor allem am Wiener Stadtrand durchzusetzen scheint.

277 Ziegen sind derzeit bei 34 Ziegenhaltern in der Stadt untergebracht. Eva Zehetgruber, Chefin des Reitclubs Donaustadt, ist eine davon. Die 58-jährige Tierliebhaberin hat neben Pferden und Hunden auch zwei Zwergziegenböcke.

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Vom Müllmann gebracht

Besonders gern erzählt sie, wie sie zu ihrem lebensfrohen Rasenmäherersatz kam: "Am 3. September 2015 haben mir Müllmänner ein etwa drei Monate altes Zwergziegenböckchen gebracht, das sie auf der Straße aufgefunden hatten. Es hat mich mit so viel Liebe abgeschleckt und mir tief in die Augen geblickt. Binnen weniger Minuten war klar: Der Bock bleibt bei mir", berichtet die Reitstallbesitzerin. Jockerle, so nannte Zehetgruber das Tier, bekam zunächst einen Platz in einer freien Pferdebox. "Da Jockerle aber nicht allein gehalten werden sollte, habe ich ein paar Tage später über Willhaben.at ein zweites Böckchen namens Gusti organisiert. Seither fressen die beiden den Rasen des großen Areals, sehr gerne auch das herunterfallende Herbstlaub", erzählt Zehetgruber. Die beiden kinderlieben und menschenfreundlichen Ziegen sind eine Attraktion im Stall und dürfen auch an Kindergeburtstagsparties teilnehmen.

Beim Lokalaugenschein kommen die beiden Ziegen auch sofort angelaufen und wollen gar nicht mehr weg. Sie folgen mehreren Kommandos und sind sehr zutraulich. Auf einem Plakat wird einem das Grundwissen über die Tiere nähergebracht: "Seit mindestens 9000 Jahren halten Menschen Ziegen. Sie sind relativ robust gebaute Tiere mit kräftigen Gliedmaßen und breiten, an eine kletternde Fortbewegung angepassten Hufen. Sie erreichen eine Kopfrumpflänge von 1,0 bis 1,8 Metern, der Schwanz ist 10 bis 20 Zentimeter lang, und die Schulterhöhe beträgt 65 bis 105 Zentimeter", ist da zu lesen. Und weiter heißt es: "Das Gewicht variiert zwischen 25 und 150 Kilo, wobei die Männchen deutlich schwerer werden als die Weibchen. Das Fell ist in Braun- oder Grautönen gehalten, oft kommt es zu einem jahreszeitlichen Fellwechsel mit Veränderung der Felllänge und -färbung. Manchmal sind kontrastierende Bereiche auf den Gliedmaßen, am Rücken oder im Gesicht vorhanden; auffällig ist ein Bart, der bei den Männchen deutlich länger ist."

Auch die beiden Ziegen Jockerle und Gusti beobachten das Plakat neugierig. Als ob sie wüssten, dass es da um sie geht. Abschließend sind noch Ziegenhörner abgebildet. "Beide Geschlechter tragen Hörner, diese weisen aber in Form und Länge einen deutlich Geschlechtsdimorphismus auf", steht da. "Die Hörner der Weibchen sind kurz, dünn und nur leicht gebogen; im Gegensatz dazu sind die der Männchen kräftig nach hinten gebogen oder spiralig eingedreht und können über einen Meter Länge erreichen." Also wieder etwas dazugelernt.

Nur noch ein großer Betrieb

"Diese Ziegen sind besonders intelligent und lieben es, im Büro zu sein", erzählt die Halterin. "Bei der Computerarbeit sitzt Jockerle auch gerne auf meinem Schoß. Den Kindern macht es außerdem eine besondere Freude, wenn man ihnen erlaubt, die Ziegen an der Leine durch das Areal spazieren zu führen."

Trotz aller positiven Aspekte will Zehetgruber sehr deutlich auf die vielen Hürden bei der Ziegenhaltung aufmerksam machen. "Es ist von der rechtlichen Seite her sehr aufwendig, weil die Ziegen vor dem Gesetz als Nutztiere gelten und registriert sein müssen."

Die Landwirtschaftskammer Wien informiert über die komplizierte Unterteilung bei der Ziegenhaltung in Wien. "Es gibt drei Kategorien, wenn Sie so wollen. Das erste sind Betriebe, die mehr als einen Hektar groß sind und somit automatisch der Melde- und Mitgliedschaftspflicht bei der Kammer unterliegen", erläutert Christian Reindl, Vizedirektor der Landwirtschaftskammer Wien, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

In dieser Kategorie gibt es in Wien nur noch einen einzigen Erwerbsbetrieb mit zwölf Ziegen im 23. Bezirk. "Die Ziegenzucht ist aber nur ein Teil der landwirtschaftlichen Aktivitäten, da man mit den Erträgen von zwölf Ziegen allein nicht überleben könnte", ergänzt Reindl. Dass es in Wien nur noch einen landwirtschaftlichen Nutztierhaltungsbetrieb mit Ziegen gibt, liegt an den Auflagen in der Stadt.

Ziegen sind nicht billiger

"In die zweite Kategorie fallen sogenannte Klein- und Kleinstbetriebe unter einem Hektar, die zwar nicht bei der Kammer, aber bei der Sozialversicherungsanstalt der Bauern gemeldet sein müssen, wenn sie einen Ertrag aus der Ziegenhaltung haben", erklärt der Experte weiter.

Und dann gibt es noch den großen Rest, nämlich die "Liebhabereibetriebe". Der Ausdruck, der vom Finanzamt kommt, soll unterstreichen, dass die Ziegenhaltung ein reines Hobby ist und kein wirtschaftlicher Ertrag daraus resultiert. Seitens des Sozialversicherungsverbandes für Bauern (SVB) heißt es, dass es dort keine Meldepflicht zur Ziegenhaltung gebe. "Bei uns ist die Versicherung an die bewirtschafteten Flächen und nicht an die Form einer Tierhaltung gebunden", erläutert der Leiter der Abteilung für allgemeine Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit der SVB, Georg Schwarz.

Wer glaubt, dass die Ziegen billiger wären als ein Rasenmäher, der irrt. Die Ziegen verursachen über mehrere Jahre hindurch laufende Kosten, die jene eines Elektro- oder Benzinmähers deutlich übersteigen.





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Dokument erstellt am 2017-10-06 16:09:06
Letzte nderung am 2017-10-07 16:16:48




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