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Stadtleben

Update: 17.10.2017, 12:14 Uhr

13. Wiener Kriminacht

Stolz auf die morbide Stadt




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Von Alexandra Laubner

  • Horror, Mord und Totschlag: Bei der 13. Wiener Kriminacht lesen heute, Dienstag, mehr als 40 Autoren in Kaffeehäusern.

Autor Raoul Biltgen ist zum zweiten Mal dabei.

Autor Raoul Biltgen ist zum zweiten Mal dabei.© Gerry Huberty Autor Raoul Biltgen ist zum zweiten Mal dabei.© Gerry Huberty

Wien. Die Wiener Kriminacht ist in den vergangenen 13 Jahren zu einer Institution geworden. Autor Raoul Biltgen ist bereits das zweite Mal dabei. Im Interview spricht der gebürtige Luxemburger über seine Wahlheimat Wien, über seinen Lieblingskrimiautor und warum es für Nicht-Wiener schwierig ist, wirklich dazu zu gehören.

"Wiener Zeitung": Ihr neuer Roman "Schmidt ist tot" spielt in Wien. Warum eigentlich?

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Raoul Biltgen ist Schriftsteller, Schauspieler und Psychotherapeut. Sein Kurzkrimi "Helden - ein Wiener Mosaik" wurde für den Friedrich-Glauser-Preis 2017 nominiert. Der gebürtige Luxemburger lebt seit mehr als 20 Jahren in Wien. Er erhielt für "Robinson - meine Insel gehört mir" den niederländisch-deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreis 2017.

Bei der 13. Wiener Kriminacht lesen mehr als 40 Autoren,darunter Eva Rossmann (19.30 Uhr, Café Rien), Theresa Prammer (20 Uhr, Grand Hotel Wien), Raoul Biltgen (19 Uhr, Donaustädter Café Falk), aber auch internationale Krimiautoren wie Simon Beckett (19 Uhr, MuTh - Konzertsaal der Wiener Sängerknaben) und Jan Costin Wagner (19 Uhr, Hotel Bristol)



Raoul Biltgen: Die erste Entscheidung, einen Roman in Wien spielen zu lassen, ist ganz einfach die, weil ich hier lebe, die Stadt und ihre Geschichten kenne. Die zweite ist aber auch, weil Wien ganz einfach viel zu bieten hat. Ich wollte, dass mein Protagonist überwältigt ist, von dem, was er erlebt. Und das spiegelt sich darin, wie er als Ausländer Wien wahrnimmt, wie Wien über ihn hereinbricht. Er kommt nicht als Tourist, wo man alles in genießbaren Portionen serviert bekommt, sondern weil sein in Wien lebender Bruder gestorben sein soll.

Es gibt österreich- und wienweit tausende Schmidts. Wie würden Sie Ihren Protagonisten beschreiben?

Vor allem am Anfang recht blass und unauffällig. Das war ein Grund, gerade diesen Namen zu wählen: Er geht unter, er ragt nicht aus der großen Masse heraus. Etwas, worunter sein Bruder immer schon gelitten hat, weshalb er schon immer mit seinem Namen gehadert hat. Wenn man als Schmidt ein Individualist sein will, ist die erste Hürde der Name.

Sie haben "Perfekt morden" oder Krimi-Kurzgeschichten in "Tatort Schönbrunn" veröffentlicht. Was reizt sie an dem Genre?

Das Genre an sich ist mir egal. Mich reizen nur Situationen, die ganz gewöhnliche Menschen in ungewöhnliche Lagen bringen. Und das passiert halt oft, wenn Mord und Totschlag im Spiel sind. Dann werden Menschen mit ihren Urängsten konfrontiert, was wiederum dazu führen kann, dass sie ihre Komfortzone verlassen, sich und ihr bisheriges Leben hinterfragen.

Ist Wiens morbider Charme ein reines Klischee oder steckt doch ein Fünkchen Wahrheit dahinter?

Natürlich ist es ein Klischee. Aber hinter den meisten Klischees steckt ja ein Fünkchen Wahrheit. Selbst wenn es manchmal nur das ist, dass mit diesem Klischee gespielt wird. Was die Wiener ja tun. So wie immer noch die Kaiserzeit sehr klischeemäßig - und sei es nur für die Touristen - hochgehalten wird. So sind die Wiener ja stolz darauf, dass ihre Stadt angeblich so morbide ist. Das reicht. Dass die Stadt allein in den 25 Jahren, in denen ich sie jetzt kenne, einen sehr starken Wandel mitgemacht hat, und schon lang nicht mehr so düster und schmutzig ist, wie sie mal war, das ist dann vollkommen nebensächlich.

Der Wiener Autor Lukas Pellman hat seinen dritten interaktiven Leopoldstadt-Krimi veröffentlicht. Was halten Sie von dem Konzept, die Leser-Community über Social-Media-Kanäle einzubeziehen?

Das kann auf jeden Fall sehr spannend sein. Ich denke, es ist wichtig als Autor seine Art Geschichten zu erzählen, zu finden. Ich schreibe eben klassisch Prosa und Theaterstücke, andere suchen nach anderen Möglichkeiten. Und genau das finde ich gut. Es mag nicht jeder sich mit einem Buch hinsetzen, manche wollen etwas mehr Action.

Sie lesen im Rahmen der Kriminacht im legendären Donaustädter Café Falk. Was ist ihr Lieblingsort in Wien?

Es ist bereits das zweite Mal, dass ich im Falk lese, weshalb es mich sehr gefreut hat, dass ich wieder da lesen werde. Ich persönlich mag ganz gerne die Weinberge und Waldgebiete im Nordwesten der Stadt, weil man da sehr schnell das Gefühl hat, wirklich draußen zu sein.

Welchem Krimiautor hätten Sie gerne bei der Kriminacht gelauscht, wenn Sie nicht selbst aus ihrem neuen Roman gelesen hätten?

Ich wäre wahrscheinlich zu Stefan Slupetzky gegangen. Weil ich mich schon sehr auf seinen neuen Lemming freue. Und weil er sehr gut vorlesen kann.

Sie sind nicht nur Autor, sondern auch Schauspieler und Psychotherapeut, eine nicht alltägliche Kombination. Hilft Ihnen das beim Schreiben?

Ich glaube schon, dass es mir hilft, weil ich mich auf mehr als eine Art mit dem Leben auseinandersetze. Gerade die Ausbildung zum Psychotherapeuten hat meine Sicht auf die Menschen, und was sie umtreibt, sehr stark geprägt, das fließt natürlich in mein Schreiben mit ein. Es wäre auch gar nicht anders möglich. Als Schauspieler bin ich auf jeden Fall von den beiden anderen Berufen sehr stark beeinflusst, vieles, was mir sonst so als Schauspieler wichtig war, ist vollkommen in den Hintergrund gerückt. Zum Beispiel die große Karriere.

Sie sind gebürtiger Luxemburger und leben seit mehr als 20 Jahren in Wien. Was mögen sie an Ihrer Wahlheimat und was gefällt Ihnen weniger?

An Wien mag ich, dass es eine sehr kleine Großstadt ist. Es hat all das, was auch andere Großstädte Europas haben, und trotzdem ist es sehr überschaubar und gemütlich.

Biltgen ist in Luxemburg kein unbekannter Name. Ihr älterer Bruder war Langzeit-Minister. Eine Berufung, die auch Sie reizen würde?

Nein, auf keinen Fall, das lass’ ich lieber die anderen machen. Ich würde nur ganz gern wählen dürfen, wo ich lebe. Aber das darf ich in Österreich nur, wenn ich dafür einen wichtigen Teil meiner Identität aufgebe, meine luxemburgische Staatsbürgerschaft. Das ist aber eine Haltung, die ich eher befremdlich finde, dieses exklusive Denken. Und wenn ich meine Staatsbürgerschaft dafür aufgebe, hier wählen zu dürfen, unterstütze ich ja genau dieses Denken, das mich ja eigentlich ausschließt. Und das will ich nicht. Wenn man nicht hier geboren ist, tut man sich schon extrem schwer, jemals wirklich dazu zu gehören.





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Dokument erstellt am 2017-10-16 16:00:13
Letzte ─nderung am 2017-10-17 12:14:12




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