• vom 10.01.2018, 19:39 Uhr

Stadtleben

Update: 11.01.2018, 20:02 Uhr

PrEP

Ein neuer Anlauf im Kampf gegen HIV




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Von Arian Faal

  • Die Marienapotheke in Mariahilf bietet ab Freitag ein neues prophylaktisches Medikament gegen das Virus an.



Karin Simonitsch hofft bei den PrEP auf eine hohe Nachfrage.

Karin Simonitsch hofft bei den PrEP auf eine hohe Nachfrage. Karin Simonitsch hofft bei den PrEP auf eine hohe Nachfrage.

Wien. HIV und Aids sind immer noch Tabuthemen. Das "soziale Aids" (der Ausschluss aus der Gesellschaft) ist allgegenwärtig. Die Krankheit hat nach wie vor etwas Anrüchiges. Für die betroffenen HIV-Infizierten ist es auch 2018, rund 35 Jahre nach der ersten großen Aids-Welle in den 1980er Jahren, ein schwieriges Unterfangen, diskret an Medikamente zu kommen. Im Einsatz gegen die weitere Ausbreitung des Virus in Österreich ist seit Jahren die Marienapotheke in Mariahilf. Sie ist eine der wenigen, die auch alle Präparate immer in einem Hinterzimmer lagernd hat. Chefin Karin Simonitsch ist seit vielen Jahrzehnten eine vertrauliche Ansprechperson für viele Patienten.

Ab Ende dieser Woche startet ihre Apotheke nun mit einem neuen Projekt, um die HIV-Übertragungsrate deutlich einzudämmen. "Nach einem monatelangen Verhandlungsmarathon mit dem Hersteller habe ich es geschafft, dass wir die neuen PrEP-Medikamente um 59 Euro statt um rund 300 Euro verkaufen können", sagt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Mit PrEp meint sie die sogenannte Präexpositionsprophylaxe gegen HIV. "Das Thema ist sensibel, die Wortwahl mit Vorsicht zu genießen", weiß die erfahrene Apothekerin.

Information

Die Proud-Studie und die Ipergay-Studie attestieren der PrEP eine Schutzwirkung von 86 Prozent (Senkung des HIV-Risikos gegenüber keiner PrEP-Einnahme beziehungsweise Placebo). Gilt das Ergebnis der PrEP-Studien nun für alle Personen? Nein.

Für beide Studien konnte man mit großem Aufwand - und viel Erfolg - schwule Männer mit einem sehr hohen Risiko für eine HIV-Infektion gewinnen. Die Männer in der Proud-Studie hatten im Durchschnitt mit zehn Männern in drei Monaten Analverkehr ohne Kondom. Ohne PrEP infizierten sich in einem Jahr 8,9 Prozent davon, mit PrEP nur 1,3 Prozent. Eine Neuinfektionsrate von 8,9 Prozent ist weltweit ein Spitzenwert. Das bedeutet, dass nach einem guten Jahrzehnt fast alle aus der Gruppe HIV-positiv wären. Für diese besondere und relativ kleine Gruppe scheint die PrEP mit einer Tablette pro Tag genau das Richtige zu sein - beziehungsweise die einzige Möglichkeit, HIV-negativ zu bleiben.

Für die meisten schwulen Männer kommt eine dauerhafte Medikamenteneinnahme über Monate oder Jahre aber nicht in Frage. Manche haben nur zeitweise oder gelegentlich ein Infektionsrisiko. Für diese Gruppe sind die Ergebnisse der Ipergay-Studie interessant. Hier wurde geprüft, ob die PrEP auch eine Schutzwirkung hat, wenn sie erst kurz vor oder kurz nach dem Sex eingenommen wird (zwei Tabletten wenige Stunden vorher, jeweils eine Tablette 24 und 48 Stunden nach der ersten Einnahme).

Das Ergebnis ist verblüffend: Die Methode wirkt genauso gut wie die dauerhafte Einnahme bei Proud (86 Prozent Risikoreduktion). Da die Männer allerdings nicht wenig Sex hatten, kamen sie auf eine durchschnittliche Tabletteneinnahme von vier Tabletten pro Woche - im Vergleich zu sieben Tabletten in der Proud-Studie. Die "intermittierende" (anlassbezogene) Einnahme bietet aber die Möglichkeit, keine Tabletten zu nehmen, wenn man auch kein Risiko eingeht. Das ist näher an der Lebenswelt - und günstiger. Gilt das Ergebnis auch für Frauen? Leider nein. Die Ergebnisse der PrEP-Studien bei Frauen sind durchwegs schlechter.

Der Vergleich der beiden Studien wurde einem Artikel von Armin Schafberger von der Deutschen Aidshilfe entnommen.

Konsequente Einnahme sehr wichtig

Bei der PrEP handelt es sich um rezeptpflichtige Medikamente, die eingenommen werden, um einer Ansteckung mit dem HI-Virus vorzubeugen. Die PrEP, die täglich eingenommen wird, soll vor allem Menschen mit hohem HIV-Risiko vor einer Ansteckung schützen (siehe Wissenskasten). Dies betrifft etwa medizinisches Personal, Personen aus der LGBTI-Community, die nur selten Kondome verwenden, oder auch jene, die einen HIV-positiven Partner haben.

Eine konsequente Tabletteneinnahme ist sehr wichtig für den Erfolg. In mehreren Studien konnte bisher nachgewiesen werden, dass homosexuelle Männer mit hohem HIV-Risiko durch die regelmäßige Einnahme der PrEP-Medikamente wesentlich besser vor einer HIV-Infektion geschützt wurden (ganz ausschließen lässt sie sich aber nie). Die Wirkstoffkombination Tenofovirdisoproxil und Emtricitabin hindert das HI-Virus daran, sich im Körper zu vermehren. Begleitende ärztliche Kontrollen und regelmäßige HIV-Tests sind bei der PrEp-Einnahme unabdingbar. Vor Beginn muss sichergestellt werden, dass keine HIV-Infektion besteht.

"Jede Apotheke kann eine PrEP um 300 Euro verkaufen, aber wir haben dank der Birkenapotheke in Köln, die von Erik Tanberken geleitet wird, den Impuls bekommen und das dann ausverhandelt", erklärt Simonitsch, die auf das Motto "Agieren statt Reagieren" in der HIV-Debatte verweist und hofft, dass etwa 1000 bis 2000 Menschen aus der HIV-Risikogruppe das Angebot annehmen werden.




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Schlagwörter

PrEP, HIV

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Dokument erstellt am 2018-01-10 19:44:06
Letzte ─nderung am 2018-01-11 20:02:13




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