• vom 01.09.2016, 05:35 Uhr

Wien


Wien

Vom Schandfleck zum Wahrzeichen








Von Arian Faal

  • Der Naschmarkt feiert an diesem Wochenende - Freitag und Samstag - ausgiebig seinen 100. Geburtstag.


© Stanislav Jenis © Stanislav Jenis

Wien. "Wo sehen Sie in dieser Stadt am besten, wie vielfältig sie ist? Hier am Naschmarkt. Denn er ist ein kulinarisches und kulturelles Spiegelbild der in Wien lebenden Menschen", sagt Hannelore Fichtner. Die 78-jährige Pensionistin geht seit mehr als 70 Jahren Woche für Woche auf die Wienzeile, um Einkäufe zu tätigen. Wien sei nun einmal wie der Naschmarkt: bunt, multikulturell und vielschichtig.

Diese Woche wird Fichtner gleich mehrmals hierher kommen, denn ihr Lieblingsmarkt wird 100 und lässt es mit einem zweitägigen Mammut-Programm zum runden Geburtstag ordentlich krachen. Am morgigen Freitag und am Samstag gibt es entlang des Marktes Buchpräsentationen, Lesungen, Akrobatik, Theateraufführungen, Kochshows, Verkostungen und Rätselrallyes, wo in der Vergangenheit und der Geschichte des Marktes geschwelgt werden wird.

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Nostalgische Gefühle hat auch Fichtner, wenn sie an ihre Samstage als Kind zurückdenkt. "Meine Güte, wie die Zeit vergeht. Als Kind bin ich noch jeden Samstag mit meiner Mutter mit der Straßenbahn hierhergefahren. Es gab den 13er, den 61er und den 63er, die sich auf der Wienzeile begegneten, und auch der Markt selbst hatte noch einen ganz anderen Charakter", sagt sie.


© Stanislav Jenis © Stanislav Jenis

"Die Milchfrau hatte ein Kopftuch auf, und das frische Landbrot mit Kümmel roch man hunderte Meter weit", ergänzt die rüstige Dame. Eines wissen die meisten Kunden des Marktes aber nicht: Das mit dem runden Geburtstag bezieht sich aber nur auf den heutigen Standort. Denn bereits ab 1774 lag der Naschmarkt außerhalb der damaligen Stadtmauern im Bereich des Kärntnertores bei der heutigen Wiedner Hauptstraße. Angeboten wurden auf dem sogenannten Aschenmarkt Waren, die man sonst nirgendwo bekam. Nach der Wende zum 20. Jahrhundert wurde schließlich Otto Wagners geplanter Prachtboulevard im Todesjahr des Kaisers Franz Joseph - 1916 - zum neuen Marktgebiet umfunktioniert.

Zahlreiche Rückschläge
Im 20. Jahrhundert erlebte der Naschmarkt zahlreiche Rückschläge. Nach 1945 und den Geschehnissen während des Zweiten Weltkrieges drohte das gesamte Areal als "Schandfleck Wiens" zu verkommen. Spöttelnd nannten die Wiener den Naschmarkt "Dreckiges Rattenloch". Im Laufe der Jahrzehnte hat er eine wechselhafte Geschichte hinter sich. "Der einstige Bauernmarkt wurde vor 70 Jahren, nach dem Krieg, geplündert und niedergebrannt", erzählt Mariahilfs Bezirkschef Markus Rumelhart. "Aber schon kurze Zeit später war er wieder als wichtiger Erstversorger für die hungernde Bevölkerung erstarkt", so der Bezirksvorsteher zur "Wiener Zeitung". Erst 1992 kam dann die rettende Idee, ein Drittel der verbauten Fläche für Gastronomie zuzulassen, was für die einen die Rettung und für die anderen sein endgültiger Ruin als klassischer Markt war.

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Schlagwörter

Wien, Naschmarkt, 100. Geburtstag

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Dokument erstellt am 2016-08-31 17:47:06



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