• vom 02.11.2016, 17:07 Uhr

Wien

Update: 04.11.2016, 16:03 Uhr

Böhmischer Prater

Zwischen Ringelspiel und Star Wars




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Von Franziska Schulteß

  • Der Böhmische Prater in Favoriten bietet mehr als nur einen Ausflug in die Stadtgeschichte. Ein Besuch.


© Birgit Eckel © Birgit Eckel

Wien. Das Ringelspiel der Familie Mayer ist heute nicht in Betrieb. Der Mini-Hubschrauber und die kleine Tram stehen still, ebenso die Holzpferde namens Otti, Erna und Karli. Zur Demonstration schaltet Karl Mayer die Maschine kurz ein, die die Plattformen und die Figuren darauf im Kreis dreht. "Nicht erschrecken", sagt er. Eine Glocke schrillt. "Das heißt, dass wir losfahren." Das Karussell war lange in Familienbesitz. Seit er zehn ist, hat Karl Mayer mitgeholfen, kassiert, aufgepasst, dass kein Kind vom Pferd fällt. 1972 hat er das Geschäft von seinem Vater übernommen. Nun ist er diesen Herbst in Pension gegangen. "Da habe ich gesagt, ich verkaufe, was soll’s."

Käufer ist der Unternehmer Ernst Hrabalek. Er möchte den Betrieb erhalten. "Ich bin froh, dass ich jemand gefunden hab, der das zu schätzen weiß", sagt Mayer und streichelt Otti über den Kopf. Das 1890 erbaute Karussell steht unter Denkmalschutz, als einzige Attraktion im Böhmischen Prater, dem kleinen Verwandten des Wurstelpraters am Laaer Berg in Wien-Favoriten. Fotografien auf den Wänden zeugen von der Geschichte, die das Karussell, und mit ihm der Böhmische Prater, schon hinter sich haben. "Das da ist Peter Alexander", zeigt Mayer auf einem Foto. "Und der Kleine, auf dem Pferd, bin ich." Drei Generationen habe er hier bedient. "Da kommen die Kinder mit den Enkeln." Ähnlich die Erfahrung von Franz Reinhardt. Ihm gehören unter anderem das Riesenrad und ein Karussell mit rotierenden Teetassen. Außerdem ist er Obmann des Böhmischer Prater - Clubs der Unternehmer, der sich für den Erhalt des Ortes und der Attraktionen einsetzt. Die meisten Fahrgeschäfte sind über 100 Jahre alt. Oft seien es die Erwachsenen, nicht die Kinder, die unbedingt fahren wollen. "Es erinnert sie an ihre Jugend." Das Ringelspiel der Mayers war bis in die sechziger Jahre überhaupt nur für Erwachsene geöffnet. Laut Reinhardt gehe das Geschäft derzeit "so lala, weil die Leute weniger Geld haben". Nicht, weil sie sich hier langweilen.

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Tatsächlich hat der Böhmische weit mehr zu bieten als nur nostalgische Erinnerungen. Zum Beispiel den Kroatischen Kirtag, Halloween für Kinder oder einen jährlichen Mittelaltermarkt. Oder, im Sommer, den Star Wars Day. Da posieren dann Luke und Lea vor dem Riesenrad, das dank der Lage auf dem Laaer Berg zu den besten Aussichtspunkten über Wien gehört. An schönen Tagen geht man auf eine Veilchenlimonade in den Gastgarten des Tivoli, dem Veranstaltungszentrum am Platz. Oder man genießt Wiener Küche im Heurigen "Zum Werkelmann", ein altes Wort für Drehorgelspieler. Dass sich der Böhmische nicht mehr rentiere, sei "ein Gerücht", findet Claudia Buchta-Geissler. Sie entstammt einer der anderen Schaustellerfamilien, deren Geschichte eng mit diesem Ort verknüpft ist.

Bis heute hütet die Familie Geissler Schätze wie die legendäre Raupenbahn oder eine Karussellorgel von 1913, die ein ganzes Orchester ersetzt. Claudia Buchta-Geissler ist nun selbst schon seit zwanzig Jahren im Geschäft, ein "Saisongeschäft". Im Winter sind die Buden zu. Da kann man etwas anderes machen, so wie Buchta-Geissler, die als Immobilienmaklerin tätig war. Im Sommer aber, findet sie, erblühe der Böhmische wieder. "Die letzten zwei Jahre geht es aufwärts. Natürlich wetterabhängig. Aber dieses Jahr war gut, ohne Superhitze, da kommen die Leute gern." Es war für sie nie eine Option, den Betrieb aufzugeben. Sie wohnt hinter der Schienenbahn, auf der antike Wägen an Gartenzwergen vorbei fahren, einen Spaziergang entfernt beginnt das Naturschutzgebiet Laaer Wald. "Ich meine, was gibt es Schöneres?" Einen Grund für den Aufschwung sieht sie darin, dass der Ort sich herumspricht. Viele Familien, auch mit Kindern, hätten "das gar nicht gekannt". Eine bessere öffentliche Verkehrsanbindung wäre allerdings zu wünschen. Und ein größerer Parkplatz. "Die Leute kommen am Wochenende, sehen, dass es voll ist, und fahren wieder heim."

Angefangen hat der Böhmische mit nur einer Gaststätte, eröffnet in den 1880er Jahren von Franz Bauer, ein Kantinenwirt der Wiener Ziegelwerke. Bereits ab 1740 war der Laaer Berg, so wie auch der Wiener Berg, für die Ziegelproduktion genutzt worden. Die meisten Arbeiter kamen aus Gebieten des heutigen Tschechiens, aus Böhmen und Mähren. Ihre knappe Freizeit verbrachten sie im Laaer Wald, wo sich bald weitere Gaststätten und Schausteller ansiedelten, und gaben dem Böhmischen Prater seinen Namen. Damals bildeten Menschen mit tschechischer Muttersprache die größte Minderheit Wiens. Christlichsoziale und deutschnationale Politiker warnten von einer angeblichen "Tschechisierung".

Der neue Vergnügungspark im Laaer Wald galt bürgerlichen Kreisen als gefährlicher, verruchter Ort. Heute gilt der Böhmische als Stück "echtes Wien". Naturlehrpfade führen vorbei und der Stadtwanderweg Sieben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-02 17:11:08
Letzte Änderung am 2016-11-04 16:03:42



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