• vom 05.12.2016, 16:30 Uhr

Wien


Obdachlosigkeit

"Egal, ob du arm bist oder stinkst"




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Von Arian Faal

  • In der Adventzeit widmet sich die Caritas vor allem den obdachlosen Menschen in Wien.

Der Appell von Susanne Peter ist wie in jedem Jahr, dass die Bevölkerung großzügig spenden soll. - © Caritas

Der Appell von Susanne Peter ist wie in jedem Jahr, dass die Bevölkerung großzügig spenden soll. © Caritas


© Jenis © Jenis

Wien. Der Wind weht sehr heftig. Auf der Mariahilfer Straße herrscht Hochbetrieb. Klaus K. zieht an seinem Schal. Es ist bitterkalt an diesem Adventnachmittag und seine Füße frieren. "Immer, wenn es kalt wird, möchte ich am liebsten einen Winterschlaf machen", erzählt der ehemalige Installateur, der seit einigen Jahren auf der Straße lebt. Er schüttelt immer wieder den Kopf, wenn die Menschen vollbepackt mit vielen Tragtaschen an ihm vorbeihetzen. "Da denk ich mir immer, Kinder, euch geht es echt gut und ihr wisst nichts von meinen Nöten", sagt er und hält inne.

"Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben"

Information

  • Aktivitäten der Caritas im Advent
Pop-up-Store "Kauf eine Ziege"
Im neuen Pop-up-Store "Kauf eine Ziege" auf der Wiener Mariahilfer Straße 77 können Weihnachtsgeschenke mit sozialem Mehrwert gekauft werden. Das Sortiment umfasst u. a. Produkte der Caritas Aktion "Schenken mit Sinn", Produkte von magdas Design, Köstlichkeiten aus der Caritas Werkstatt "Am Himmel" oder Außergewöhnliches aus der Kreativwertstatt reStart.

Das Gruft-Winterpaket
Das Paket für Obdachlose besteht aus einem Schlafsack und einem warmen Essen. Die Streetworker der Caritas verteilen winter- und schneefeste Schlafsäcke und versuchen, mit den Betroffenen in Kontakt zu kommen. Ein Schlafsack und vertrauensvolle Worte bedeuten nicht nur Wärme, sondern ein Überleben in Würde. Und das wiederum soll Mut machen, den Schritt weg von der Straße zu wagen.

Gruft Punschstand
Der etwas andere Punschstand auf der Mariahilfer Straße 51 (U3-Station Neubaugasse) wird von ehemaligen Klienten der Gruft betrieben. Besonders viel Wert wird darauf gelegt, dass alle Produkte selbstgemacht sind und nichts aus dem Packerl kommt. Ausgeschenkt wird gegen freiwillige Spenden, mit denen die Gruft und somit die Obdachlosen der Stadt unterstützt werden.

15. November 2016 bis 3. Jänner 2017, jeweils Montag bis Samstag von 9 bis 21 Uhr

"youngCaritas"-Kunststücke
Die "youngCaritas" lädt zur Kunstausstellung zugunsten von Menschen in Not im Bildraum 07 in der Burggasse. Neben Arbeiten renommierter nationaler und internationaler KünstlerInnen werden auch die Werke des "Underground Artists" Ibrahim vorgestellt. Die "Underground Artists" sind eine Künstlergruppe der Gruft. Die Arbeiten können in vier verschiedenen Preisklassen (70 Euro, 150 Euro, 250 Euro und 350 Euro) erworben werden. Die gesamten Einnahmen der Ausstellung gehen in diesem Jahr an a_way, (Caritas Notschlafstelle für Jugendliche), an das Kunstprojekt "Underground Artists" und an Ibrahim selbst.

wien.youngcaritas.at/kunststuecke

Caritas Kältetelefon 01/480 45 53
Die Leitungen des Caritas-Kältetelefons sind rund um die Uhr besetzt. Je mehr diese Nummer genutzt wird, desto zuverlässiger können die Streetworker dort sein, wo sie gebraucht werden.
In medizinischen Notfällen gilt es nach wie vor, die Rettung unter der Notrufnummer 144 zu verständigen.

Caritas Spendenkonto
IBAN: AT163100000404050050 BIC: RZBAATWW

"Früher, ja früher." Klaus schweigt einige Sekunden, holt noch einmal tief Luft und setzt erneut an. "Früher war ich auch ein normaler Mensch, der in der Adventzeit Geschenke besorgte und diesen Irrsinn und diese Hetzerei der Konsum- und Stressgesellschaft mitmachte. Heute habe ich zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben", berichtet er. Der rund 50-jährige Mann ist auf dem Weg in die Gruft, um sich zu stärken. "Weihnachtskekse, ein Tee und etwas Kommunikation sind meine Weihnachtsgeschenke", unterstreicht er.

Klaus ist geistig fit und versucht, sein Leben so gut es geht zu meistern. "Wenn du einmal einen schwarzen Alltag hast, dann kann es ja eh nicht mehr schlimmer werden, also musst du alles locker nehmen und dankbar sein, dass es die Caritas und solche Dinge gibt", analysiert er.

Bevor er obdachlos wurde, hatte er eine Wohnung im 7. Bezirk, eine Freundin und einen Hund. "Dann kam das verflixte Jahr 2009 und alles ging den Bach hinunter. Aber, wie sagt mein Freund Kurti von der Otto-Bauer-Gasse immer so schön, reden wir nicht von der Scheiße, sondern freuen wir uns darüber, dass wir einigermaßen leben."

Wie Klaus K. geht es vielen Obdachlosen. Sie haben oft abrupt ihr Hab und Gut, ihr soziales Umfeld und ihre Wohnung verloren und viel erlebt, sind oft verwirrt und nur bedingt ansprechbar. Ihre "letzte Zufluchtsstätte", wie Kerstin Stimmer, eine der Betroffenen es nennt, ist die Gruft in der Barnabitengasse. "Dort bist du ein Mensch, egal, ob du arm bist oder stinkst", erzählt sie.

"Es geht dich niemand blöd an"

"Dort sind andere, die genauso fühlen wie du, und es geht dich niemand blöd an", fügt sie hinzu. Die leitende Sozialarbeiterin der Gruft, Susanne Peter, macht den Job seit 30 Jahren und sieht ihn nicht als Beruf, sondern als Berufung. Wichtig ist ihr, dass man grundsätzlich hin- und nicht wegschauen darf. "Solidarität und Toleranz sind wichtig und es sollte auch das Bewusstsein geschärft werden, dass es Obdachlose gibt und dass es jeden treffen kann", erklärt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Ich bin seit 30 Jahren in der Gruft und habe hier niemanden kennengelernt, der freiwillig auf der Straße leben möchte", ergänzt sie. Die Frage für viele der Ärmsten sei, ob sie sich Miete oder Strom leisten können. "Und dann ist es halt ein Trost, wenn sie wenigstens zu uns essen kommen können", sagt sie. Der Appell von Susanne Peter ist wie in jedem Jahr, dass die Bevölkerung bitte großzügig spenden soll. Weihnachtskekse, Chips und andere Knabbereien, Grundnahrungsmittel, Desinfektionsmittel, Decken, Winterschuhe, Unterwäsche, Hygieneartikel, Kaffee, Teebeutel, Rasierschaum und Papiertaschentücher sind jene Artikel, die am dringendsten benötigt werden.

"Nie mehr etwas mit dem ganzen Zeug zu tun haben"

Klaus K. und Kerstin Stimmer haben sich mittlerweile einen Kinderpunsch und Weihnachtskekse geholt und philosophieren über ihre Zukunft. "Wenn ich einmal aus diesem Teufelskreis rauskomme und wieder ein Leben hab wie die Leute, die jetzt auf der Mariahilfer Straße einkaufen, würde ich auch hier arbeiten und den Leuten helfen", sagt Klaus K.

"Das wäre nichts für mich", entgegnet Kerstin Stimmer. "Ich will, wenn ich das je schaffen sollte, nie wieder etwas mit dem ganzen Zeug zu tun haben", sagt sie und fragt nach Zigaretten. Dann lächeln sich beide an und sagen unisono, dass sie es sich, bis es so weit ist, in der Gruft gemütlich machen.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-05 15:11:09
Letzte ─nderung am 2016-12-05 16:28:31



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