• vom 06.12.2016, 17:52 Uhr

Wien

Update: 07.12.2016, 08:10 Uhr

Fleischerei

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Von Alexandra Laubner

  • Der Wiener Traditionsfleischer Trünkel sperrt nach 111 Jahren zu. Für zwei von neun Filialen wurden Nachfolger gefunden.

Nach vier Generationen Familienbetrieb ist es mit Trünkel im April 2017 vorbei.

Nach vier Generationen Familienbetrieb ist es mit Trünkel im April 2017 vorbei.© Arnold Burghardt Nach vier Generationen Familienbetrieb ist es mit Trünkel im April 2017 vorbei.© Arnold Burghardt

Wien. Es ist ein schwarzer Tag für die Wiener Fleischerbranche, ein weiterer. Das Gerücht, dass Trünkel die neun der ursprünglich 25 Filialen im April 2017 schließt, hat sich als wahr erwiesen.

"Es war selbstverständlich keine Entscheidung, die in den letzten Wochen getroffen wurde. Wir haben uns das sehr genau überlegt. Es ist eine sehr weitreichende Entscheidung, wenn man ein Unternehmen nach 111 Jahren zusperrt", sagt Geschäftsführer Hans Trünkel gegenüber der "Wiener Zeitung".

Den Druck, den die "Leopold Trünkel GmbH" die vergangenen Jahre ausgesetzt war, sei zu groß gewesen. "Deshalb mussten wir frühzeitig eine Entscheidung treffen. Wir haben es nicht an die große Glocke gehängt. Das wäre ja Selbstmord gewesen, wenn wir das gemacht hätten", erklärt Trünkel. Es war laut Hans Trünkel eine "unausweichliche unternehmerische Entscheidung", die er mit dem "erdrückenden Preiskampf in der Fleischwarenindustrie sowie der Vorausschau, die wenig positiv stimmt" erklärt er.

Ein Drittel des Umsatzes verloren

Das Wiener Traditionsunternehmen hat in den vergangenen fünf Jahren Verluste erwirtschaftet und ein Drittel seines Umsatzes verloren. "Würden wir nicht schließen, dann würde es zu einer Insolvenz kommen. Es ist ja nicht so, dass wir wegen Reichtum schließen", sagt Trünkel.

Zwei von neun Filialen werden von einem Mitbewerber übernommen und als Fleischereigeschäft weitergeführt. Für 25 Mitarbeitern an den beiden Standorten am Gersthofer Markt im 18. Bezirk und am Floridsdorfer Franz-Jonas-Platz ist die Zukunft gesichert. Für die weiteren sieben Standorte, wie jener am Viktor-Adler-Markt oder jener in der Schottentorpassage, gibt es aktuell keine Interessenten. "Wir haben versucht, die Filialen beim Mitbewerber unterzubringen, aber wir waren leider nicht erfolgreich. Das sieht man an dem nichtvorhandenen Interesse, wie schwierig es für die Branche ist", erörtert Trünkel.

Ende April 2017 schließen die Trünkel-Feinkostgeschäfte die Tore. Es könnte aber auch bereits im März sein. Das weiß Hans Trünkel nicht so genau. "Ich habe noch nie einen Betrieb zugesperrt. Jetzt geht alles den gewohnten Gang weiter. Wir beliefern weiterhin unsere Kunden in der Gastronomie wie auch im Handel. Alles läuft genauso weiter", so Trünkel.

Einen Sozialplan gibt es nicht

Nicht so für die 98 Mitarbeiter, die mit Jahresende zur Kündigung beim AMS angemeldet werden. Einen Sozialplan gibt es nicht. "Wir tun alles, was wir können. Aber wir schließen nicht wegen Reichtum. Die Möglichkeiten, die wir haben, sind äußerst beschränkt. Alle erhalten ihre Löhne und Gehälter, das Weihnachtsgeld sowie die Abfertigungsansprüche bezahlen wir zur Gänze aus", sagt Trünkel und meint weiter: "Das Schwierigste war es, es den Mitarbeiter zu sagen."

"Wir sperren zu", sagt ein Mitarbeiter in einer Filiale, der seit mehr als 20 Jahren im Unternehmen tätig ist. "Das ist mein halbes Leben", sagt er. "Können Sie sich vorstellen, wie wir uns gefühlt haben, als wir es vorigen Montag erfahren haben?" "Es ist schwer für uns. Es ist ein Schock", hakt eine andere Mitarbeitern ein, die bereits auf Jobsuche ist. "Ich möchte in kein Büro. Ich liebe den Kontakt mit den Leuten", sagt sie und bemerkt bereits in der Vergangenheitsform: "Wir waren ein gutes Team."

"Mehr als kritisch"

Aktuell gibt es in Wien 136 gewerbliche Fleischer. Vor 60 Jahren waren es 1386. Diese Zahl vergisst Erwin Fellner nicht. Denn damals - im August 1956 - hat der heutige Innungsmeister der Wiener Fleischer seinen Beruf als Fleischer begonnen. Fellner betreibt das Familienunternehmen in der Klosterneuburger Straße im 20. Bezirk in zweiter Generation. "Die Lage für die Fleischer ist mehr als kritisch. Die Supermärkte und große Handelsketten mit Pseudomarken, wo kein Fleischer, sondern Werbeagenturen dahinterstecken, sind unsere größten Konkurrenten", sagt Fellner.

Immer weniger Betriebe

Laut Fellner verliert die Branche kontinuierlich pro Jahr zehn bis 15 Prozent der Betriebe. Und mit Trünkel einer der ältesten Wiener Traditionsfleischer. "Wenige Einkäufer im Lebensmittelhandel bestimmen über 95 Prozent des Umsatzes in der Fleisch- und Wurstindustrie", meint auch Hans Trünkel. Die Fleischbranche hätte seit vier Jahren beim Lebensmittelhandel keine Preiserhöhung umsetzen können und die dringend notwendigen Spannen seien nicht mehr erzielbar.

Die aktuelle Betriebsgröße von Trünkel sei daher nicht ausreichend, um mit der Kostenstruktur der dominierenden, industriell agierenden und teilweise international tätigen Mitbewerber mithalten zu können. Laut Trünkel ist das Unternehmen "zu groß für die Nische und zu klein, um den Branchenführern Paroli bieten zu können".

Keine Chance auf Rettung

Zur Fortführung des Betriebes wären millionenschwere Investments nötig gewesen, die dafür erforderlichen Mittel konnten nicht erwirtschaftet werden. Die Chance auf eine Rettung sieht Hans Trünkel nicht. "Wir haben versucht, eine Lösung innerhalb der Branche zu finden, aber die Überkapazität ist sehr groß und niemand in Wien braucht eine zusätzliche Marke. Für ausländische Betriebe haben wir keine relevante Größe. Es war vor zwei Jahren kein Interesse da, jetzt wird es auch jetzt nicht vorhanden sein. Die Branche hat sich nicht verbessert", so Hans Trünkel, der gemeinsam mit Michael Trünkel das Unternehmen in vierter Generation führt. Bis April 2017 - dann wird der in 1905 in Wien gegründete Fleischerbetrieb Geschichte sein.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-06 17:56:05
Letzte ─nderung am 2016-12-07 08:10:49



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