• vom 15.12.2016, 17:10 Uhr

Wien

Update: 16.12.2016, 14:56 Uhr

Zwischennutzung

Die kreative Vorhut der Investoren




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Von Saskia Blatakes

  • In den ehemaligen Ställen der Trabrennbahn Krieau lebt der Mythos der Zwischennutzungspropheten.

Noch dieses Wochenende hat der Weihnachtsmarkt im Stall geöffnet. - © creau

Noch dieses Wochenende hat der Weihnachtsmarkt im Stall geöffnet. © creau

Wien. Zum Glück waren es keine Schweine. Angie Schmied und Lukas Böckle stehen in dem ehemaligen Stallgebäude und schnuppern. Im Internet haben sich die beiden Architekten und Masterminds der Zwischennutzungs-Agentur Nest schlau gemacht, wie sie den olfaktorischen Hinterlassenschaften ihres neuen Projekts "Creau" am besten begegnen. Hätten hier wirklich Schweine gehaust, wären die Ställe wohl ein für allemal verloren, denn gegen den beißenden Geruch der Allesfresser kommt keine noch so gründliche Renovierung an. Der Geruch der Pferde ist dagegen kaum noch wahrnehmbar, es riecht nach frischer Farbe, die Wände strahlen weiß. Studierende von der Universität der angewandten Kunst haben hier in den vergangenen Wochen gekärchert und gekalkt. Unbezahlt, versteht sich. Nur mit dem Versprechen, danach eine der Stallboxen vorübergehend als Atelier nutzen zu dürfen.

Zwischennutzung hat oft viel mit freiwilliger Selbstausbeutung zu tun. "Man kann sich viel anlesen, aber ausprobieren muss man es selbst", meint Angie Schmied lächelnd und Lukas Böckle nickt. Und mit dem Ausprobieren kennen sich die Creau-Macher und erfahrenen Zwischennutzer aus. Doch diesmal wollen sie es anders machen. Er leide noch an den "Nachwehen seines letzten Zwischennutzungs-Projekts Trust 111 in der Schönbrunner Straße", erzählt Lukas Böckle. Mehrere tausend Euro Strom- und Müllgebühren habe er als Betreiber aus eigener Tasche nachzahlen müssen, die Mieter seien dagegen einfach aus dem Schneider gewesen.

Seine neu gegründete Zwischennutzungsagentur soll ihm und seinem Team dabei als Schutz dienen, als "firewall" wie er es selbst nennt. Deshalb soll die "Creau", wie sein neues Projekt heißt, eine Genossenschaft sein. Jeder könne mitmachen. Noch ist es eher ein Luftschloss, das aus einem halbrenovierten Stallgebäude und ein paar Baucontainern besteht, in dem das Büro der Macher untergebracht ist. Sie teilen es sich mit einem Start-up. Doch in den ehemaligen Ställen soll schon bald ein neues künstlerisches und gastronomisches Zentrum entstehen. Handwerker und Künstler könnten hier werkeln, Designer ihre Produkte verkaufen, Ideen gibt es viele. Es fehlt nur eins: Kunden.

Weihachtsmarkt abseits von Massenware-Kitsch

Der Wintermarkt, den die Zwischennutzer nun an jedem Wochenende vor Weihnachten hier veranstalten, soll ein erster Test sein, ob sich genügend Wiener in die Krieau locken lassen. Die Anbindung ist gut, das Areal liegt direkt bei der U2-Station Stadion, doch das Gebiet rund um die traditionsreiche Trabrennbahn ist nicht mehr als ein weißer Fleck auf dem Stadtplan. Mit den üblichen überladenen Weihnachtsmärkten hat das hier nichts gemein. Alles sieht weiß aus und ziemlich unfertig. Die Ästhetik passt gut zum alternativen, rohen Konzept, das vor allem eins sein soll: echt und unverfälscht. Das Ziel: ein Gegenangebot zum meistens aus China stammenden Massenwaren-Kitsch der großen Wiener Weihnachtsmärkte. Bewusst hat man sich beispielsweise gegen die großen Marken und für eine kleine, lokale Brauerei entschieden. "Die Leute haben genug vom schnellen Konsum", hofft Lukas Böckle und erinnert sich, dass er seine Kindheit in der Werkstatt seines Großvaters verbracht hat. Nostalgie, die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und der Grund, warum er hier vor allem Handwerkern Raum bieten will. Doch bis demnächst der erste Tischler hier einzieht, muss noch einiges passieren. "Ich kann hier keine drei Phasen installieren", schimpft der Elektriker, den das Team heute kommen ließ, weil wieder einmal der Strom ausgefallen war. Noch ist alles im Werden, das "Kreative Dorf" existiert erst schemenhaft auf dem Papier. In einem kleinen Zimmer schuftet Schmuckdesignerin Claudia Kulhanek. Es ist eiskalt und düster, ihre kleine Kaffeemaschine hat sie selbst mitgebracht, aber ohne Strom muss sie auf ihre Koffeindosis verzichten. Sie hätte sie nötig, denn es ist noch viel zu tun bis sie hier in Kürze ihren Pop-up-Store mit Produkten Wiener Designer eröffnet. Auch Anbieter aus Salzburg und Budapest seien dabei.

Dinge für Individualisten, Design, das es nirgends sonst gibt. Kleines Budget, große Träume. Wenige Schritte, jenseits der Trabrennbahn ragen Kräne in die kalte Winterluft, bereit für ihren Einsatz. Mehrere hundert Wohnungen werden hier hochgezogen, hinter dem Projekt steht die Baufirma IC Projektentwicklung. Sie sind es auch, die der "Creau" Zwischennutzung gewährt, zum Betriebskostentarif.

Die topmotivierten Zwischennutzer aus der kreativen Szene sollen das Gebiet bekannter machen, beleben, erste Kunden anziehen. So viel wird klar im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" mit Florian Felder, Kreativdirektor und Pressesprecher der IC Projektentwicklung. Ein "reines Hipster-Bobo-Treffen" solle der Wintermarkt deshalb nicht sein, sondern bewusst Familien mit Kindern ansprechen. Denn die bilden auch die Mehrheit der neuen Mieter der Wohnhäuser an der Trabrennbahn. Als Vorbild für die Krieau der Zukunft nennt Felder zum Beispiel das Londoner "King’s Cross", dort gäbe es einen attraktiven Mix aus alten Industriegebäuden und Neubauten. Bis September 2018 läuft der Zwischennutzungs-Vertrag. Geht das Creau-Konzept auf, könne man sich vorstellen, den heutigen Nutzern das Gelände zu einem günstigen Mietpreis zu überlassen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-15 16:50:06
Letzte Änderung am 2016-12-16 14:56:43



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