• vom 26.09.2015, 11:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 28.09.2015, 10:22 Uhr

Wien-Wahl 2015

Wiener, aber keine Österreicher




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Von Matthias Winterer

  • Ein Viertel aller Wiener im wahlfähigen Alter ist von der Wien-Wahl ausgeschlossen.

Insgesamt ist die Zahl der Wahlberechtigten in zehn Bezirken rückläufig.Am stärksten in der Inneren Stadt, wo sie um 13,2 Prozent fiel. - © Moritz Ziegler

Insgesamt ist die Zahl der Wahlberechtigten in zehn Bezirken rückläufig.Am stärksten in der Inneren Stadt, wo sie um 13,2 Prozent fiel. © Moritz Ziegler

Wien wählt. Doch wird das Ergebnis der diesjährigen Gemeinderatswahl wirklich den politischen Willen der Wiener widerspiegeln? Dies ist zu bezweifeln, denn in der Bundeshauptstadt herrscht ein großes demokratiepolitisches Defizit: 25 Prozent aller Wienerinnen und Wiener im wahlfähigen Alter dürfen heuer kein Kreuzerl machen. So viele wie noch nie. Trotz Bevölkerungsexplosion ist die Zahl der Wahlberechtigten gegenwärtig sogar niedriger als Anfang der 1980er Jahre. Dabei darf man heute - im Unterschied zu damals - bereits ab 16 Jahren wählen.

"Rund 385.000 Wiener sind bei der diesjährigen Wien-Wahl ausgeschlossen", sagt Ramon Bauer vom Institut für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. "Dies erklärt sich vor allem durch internationale Migration." Seit den 1990er-Jahren wuchs Wien hauptsächlich durch Zuwanderung. Einem Großteil der neuen Bürger ist es jedoch nicht möglich, politisch mitzuentscheiden - denn ohne Staatsbürgerschaft kann in Österreich auf Landesebene nicht gewählt werden.

Information

Ramon Bauer ist Universitätsassistent am Institut für Geographie (Universität Wien) und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Vienna Institute of Demography (Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital). Zu seinen Forschungsinteressen zählen urbane Diversität, Migration, räumliche Demographie und Datenvisualisierungen.


1971 durften nur vier Prozent aller Wiener nicht wählen
Bauer hat die Entwicklung der Wiener Wählerschaft im Verhältnis zur Bevölkerung seit 2002 analysiert. In diesem Zeitraum wuchs Wien um 14,4 Prozent, während die Zahl der Wahlberechtigten um lediglich 4,5 Prozent anstieg. "Betrachtet man die Entwicklung auf Bezirksebene, so fällt zunächst auf, dass die Schere zwischen Wahlberechtigten und Ausgegrenzten in allen 23 Wiener Gemeindebezirken weiter auseinanderging", sagt Bauer.

Der Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus ist am stärksten betroffen. Prozentuell sind hier die meisten Menschen von der politischen Mitsprache auf Landesebene ausgeschlossen - nämlich 40 Prozent. Auch in der Brigittenau, in Margareten, Ottakring, Leopoldstadt, Hernals und Favoriten beträgt die Rate der nicht Wahlberechtigten mehr als 30 Prozent.

In den reicheren Randbezirken Hietzing und Döbling ist die Kluft wesentlich kleiner. Hier war die Zuwanderung bedeutend geringer und so dürfen rund 80 Prozent der Einwohner wählen. Immer noch recht wenig, wenn man bedenkt, dass 1971 nur 4 Prozent aller Wiener kein Wahlrecht besaßen. Die wenigsten Menschen werden in Liesing - mit knapp 15 Prozent - ausgeschlossen.

Mehr Einwohner, weniger Wähler
Michael O. wohnt im urbanen Mariahilf. Er ist seit neun Jahren Wiener, hat hier studiert, arbeitet hier, zahlt hier Steuern. Als deutscher Staatbürger darf er hier aber nicht wählen. Lediglich auf Bezirksebene könnte er abstimmen. "Ich würde wohl den Grünen meine Stimme geben", sagt er. "Ich finde es fragwürdig, dass ich kein Recht habe mitzubestimmen. Wenn man schon so lange hier lebt, sollte man auch die politische Landschaft mitgestalten dürfen." So wie ihm geht es 7252 weiteren Mariahilfern. Der relativ kleine Bezirk liegt in etwa im Durchschnitt, also bei 25 Prozent nicht Wahlberechtigter - einem Viertel aller Wiener.

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Schlagwörter

Wien-Wahl 2015, Ramon Bauer

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-09-24 17:57:44
Letzte nderung am 2015-09-28 10:22:49



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