• vom 08.01.2016, 17:23 Uhr

Stadtpolitik

Update: 11.01.2016, 11:47 Uhr

Sanierung

Relaunch für Wiens kulinarisches Herz




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Von Arian Faal

  • Der Naschmarkt in Mariahilf feiert sein 100. Jubiläum am jetzigen Standort mit einer Totalsanierung.

Die Marktsanierung kostete 15 Millionen Euro.

Die Marktsanierung kostete 15 Millionen Euro.© apa/Fohringer Die Marktsanierung kostete 15 Millionen Euro.© apa/Fohringer

Wien. "Zwei Mal Döner und einen Ayran bitte, Bruder", sagt Markus F. zum Standler, der ihn kennt und beim Anschneiden des Fleisches anlächelt. Am Naschmarkt herrscht trotz niedriger Temperaturen auch an diesem Jännertag reger Betrieb. Was viele Kunden wie Markus F. nicht wissen, ist, dass der Markt an diesem Standort heuer sein 100. Jubiläum feiert. "Es war ein schlechtes und ein gutes Jahr für Wien. Schlecht, weil 1916 der beliebte Kaiser Franz Joseph gestorben ist, und gut, weil wir hier den Standort zwischen Linker und Rechter Wienzeile als Markt etablieren konnten", erzählt Adelheid N. Der Vater der betagten Dame sei bei den Aufbauarbeiten des Marktes dabeigewesen, berichtet sie stolz.

Zum Jubiläum bekommt der in den letzten Jahren wegen zunehmender Gastronomie und Bettelei nicht unumstrittene Markt einen Relaunch. Jahrelang wurde gebohrt, gegraben und renoviert, nun folgt der letzte Feinschliff. Sämtliche Wasser- und Stromleitungen sind rundum erneuert worden. Die Kanalisation und der Regenwasserabfluss wurden instand gesetzt und mit der Pflasterung des Johanna-Bauer-Platzes soll das Viertel ein neues Flair bekommen.

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"Spiegel der Gesellschaft"
Heute zählt das Areal 123 Marktstände, 40 davon werden gastronomisch geführt. Pro Woche kommen mehr als 60.000 Menschen und machen ihn zu einem Besuchermagneten und Wiener Wahrzeichen. Rund 15 Millionen Euro wurden investiert, um den alten Markt ein neues Ansehen zu verpassen und ihn barrierefrei zu machen. 3,3 Millionen davon steuert der Bezirk Mariahilf bei. Seit der Umwidmung der Fläche 2009 (bis dahin verlief die Bezirksgrenze zwischen 4. und 6. Bezirk längs durch den Naschmarkt, dann wurde der komplette Markt zwecks Vereinfachung der Verwaltung dem 6. Bezirk zuerkannt) ist der Bezirksvorsteher des 6. Bezirks, Markus Rumelhart, komplett für den Erhalt der Infrastruktur des Marktes zuständig.

Den Vorwurf vieler Menschen, die meinen, der Naschmarkt sei nicht mehr das, was er früher einmal war, kann er nachvollziehen, aber er meint: "Der Naschmarkt ist ein Spiegel der Wiener Gesellschaft. Wenn alle Wienerinnen und Wiener ihr Obst und Gemüse am Naschmarkt kaufen würden, dann bekäme man dort auch nichts anderes."

Die Standler lieben den Markt, aber müssen vor allem ihr Geschäft betreiben und sich den geänderten Kundenwünschen anpassen. Zum Markt einkaufen kämen nun einmal viele, die besondere und exotische Zutaten oder einen speziellen Fisch bräuchten, wenn sie am Wochenende etwas Besonderes kochen wollen. Und nach dem Einkauf würden die Kunden dann auch das gastronomische Angebot gerne in Anspruch nehmen.

Auch den Eindruck, dass der Markt teurer, touristischer und kommerzieller geworden ist, will der Bezirkschef nicht gelten lassen. "In Wirklichkeit ist es so, dass die Gastronomie den Markt gerettet hat, und auch es gibt klare Regeln, dass nur ein Drittel der Stände für Gastro-Betriebe zugelassen sind. Dass der subjektive Eindruck beim Spazieren durch den Markt anders ist, kommt daher, dass auch nicht-gastronomische Stände gesetzlich die Erlaubnis haben, zur Verkostung ihrer Ware bis zu sechs sogenannte Verabreichungsplätze anzubieten", sagt Rumelhart.

Hinsichtlich der jahrelangen Umbauarbeiten lobt er das Durchhaltevermögen der Standler. Ein Umbau sei an sich immer eine schwierige Zeit mit weniger Umsatz. Daher hätten viele Stände die Zeit genutzt, um entweder selbst zu renovieren oder sich auf Produkte wie Trockenfrüchte spezialisiert, deren Ablagerung einfach ist. Schließlich müssten die Verkäufer überleben. Nun, wo der Umbau fast abgeschlossen ist, glaubt Rumelhart fest daran, dass auch das Warenangebot sich wieder breiter gestalten wird. Sogar das Problem der Bettelei sieht er als wesentlich beruhigt. Einen Seitenhieb ans Innenministerium kann er sich aber nicht verkneifen. "Wir haben nach wie vor zu wenige Polizisten im Bezirk."

1774 lag der Naschmarkt außerhalb der damaligen Stadtmauern im Bereich des Kärntnertores bei der heutigen Wiedner Hauptstraße. Angeboten wurden auf dem "Aschenmarkt" Waren, die man sonst nirgendwo bekam. Nach der Wende zum 20. Jahrhundert wurde schließlich Otto Wagners geplanter Prachtboulevard zum neuen Marktgebiet umfunktioniert. Nach dem Zweiten Weltkrieg drohte der Markt als "Schandfleck Wiens" zu verkommen. Spöttelnd nannten ihn die Wiener "Dreckiges Rattenloch". Erst 1992 kam dann die rettende Idee, ein Drittel der verbauten Flächte für Gastronomie zuzulassen. Seitdem gilt der Naschmarkt als eine der beliebtesten Märkte Wiens.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-01-08 17:29:08
Letzte ─nderung am 2016-01-11 11:47:04





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