• vom 12.02.2016, 19:50 Uhr

Stadtpolitik

Update: 13.02.2016, 17:14 Uhr

Semmelweis-Areal

Verdacht auf Geldwäsche bei Immobilien-Deal der Stadt




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Von Bernd Vasari

  • Undurchsichtige Investoren, Eliteschule, Geheimdienste: Wusste die Stadt, an wen sie die Semmelweis-Pavillons verkaufte?

Einer der drei verkauften Pavillons. Auszüge aus Dokumenten aus Geheimdienstkreisen über Investor Richard Chandler. - © Luiza Puiu, WZ-Montage

Einer der drei verkauften Pavillons. Auszüge aus Dokumenten aus Geheimdienstkreisen über Investor Richard Chandler. © Luiza Puiu, WZ-Montage

Zwei Pavillons wurden renoviert (o.). Der dritte Pavillon verfällt (u.r.).

Zwei Pavillons wurden renoviert (o.). Der dritte Pavillon verfällt (u.r.).© Luiza Puiu Zwei Pavillons wurden renoviert (o.). Der dritte Pavillon verfällt (u.r.).© Luiza Puiu

Wien. Innerhalb weniger Tage war der Deal unter Dach und Fach. Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) flog sogar persönlich nach Singapur, um die Privatisierung des Währinger Semmelweisareals abzuwickeln. Zum Verkauf standen drei von sechs Pavillons. Hohe, denkmalgeschützte Gebäude, idyllisch eingebettet in einer großzügig angelegten Parkanlage. Über Jahrzehnte erblickten hier zigtausende Wiener die Welt. Eine Investorengruppe rund um den Immobilienentwickler Peter Nikolaus Lengersdorff und den neuseeländischen Milliardär Richard Chandler erwarben die Gebäude von der Stadt.

Vor mehr als drei Jahren wurde der Vertrag unterschrieben. Heute geht es um Bestechungs- und Spekulationsvorwürfe und es liegt nach Recherchen der "Wiener Zeitung" der Verdacht nahe, dass hier von russischen Oligarchen Schwarzgeld gewaschen wurde. Auch die Korruptionsstaatsanwaltschaft Zürich sowie europäische Geheimdienste und die CIA ermittelten.

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Zu ersten Ungereimtheiten kam es bereits bei der Vertragsunterzeichnung Anfang Sommer 2012. Die Investoren vereinbarten mit der Stadt, dass sie die Pavillons auf 15 Jahre an die neu gegründete Amadeus International School Vienna vermieten werden - eine private Elite-Musikschule mit Schulgebühren in Höhe von bis zu 43.000 Euro im Jahr. Dafür bekamen die Käufer die Immobilien um 14,2 Millionen Euro - unter dem tatsächlichen Wert, wie auch Sandro Forst, Büroleiter von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) der "Wiener Zeitung" bestätigte. Der Gutachter der Stadt, der den Kaufpreis ermittelte, erstand seinerseits ein zweistöckiges Zinshaus auf dem Areal um 500.000 Euro, ebenfalls weit unter dem tatsächlichen Wert. Alle Verträge liegen der "Wiener Zeitung" vor. Warum der sozialdemokratische Bürgermeister sich für eine Eliteschule einsetzte, bleibt ebenso offen wie die Frage, warum die Stadt eines ihrer Baujuwele billig an Investoren verkaufte und nicht selbst an die Schule vermietete.

Häupl informierte Öffentlichkeit aus Singapur
Unklar ist auch, warum die Stadt auf eine Ausschreibung verzichtete und das versprochene Bürgerbeteiligungsverfahren unter den Tisch fallen ließ. Gemeinsam mit Bezirk, Anrainern und Bürgerinitiativen sollte ursprünglich eine ideale Verwertung gefunden werden. Doch daraus wurde nichts. Die Öffentlichkeit erfuhr von dem Deal per Presseaussendung, die das Bürgermeisterbüro noch aus Singapur verschickte.

Für Häupl war der Deal mit den Investoren jedenfalls goldrichtig. "Wien wird damit seine musikalische Kernkompetenz steigern können", schwärmte er. Und: Die Schule sei ein Vorzeigeprojekt mit "Musikunterricht auf höchstem Niveau".

Die Idee für das Schulkonzept hatte Jürgen Kremb. Er war der Kopf der Amadeus-Schule, der auch bei der Pressekonferenz in Wien, etwa eine Woche nach der Singapur-Reise, als Vertreter des Projekts anwesend war. Kremb arbeitete jahrzehntelang als Spiegel-Korrespondent in Asien und wollte die Schule mithilfe seiner zahlreichen Kontakte zum Erfolg führen. Mit Singapurs führender öffentlicher Schule, der "Raffles Institution", plante er einen Schüleraustausch. Rund die Hälfte der Amadeus-Schüler sollte aus Asien kommen.

Unterbringen wollte man die Schüler in einem Internat auf dem Semmelweis-Areal. "Unser Ziel ist es, eine Brücke der Kulturen zwischen dem boomenden Asien und Europa zu schlagen und dem Faktor Kreativität mehr Raum zu geben", sagte Kremb damals. Geplant waren Stipendien für jene Schüler, die musikalisch begabt waren, aber nicht das nötige Kleingeld für die Schule hatten. Die Wiener Musikszene sollte mit der Amadeus-Schule ebenso belebt werden.

Neben der Raffles-Schule sollten auch mithilfe des neu gegründeten internationalen Schulnetzwerks Nobel Education Network (NEN) Schüler angelockt werden. Das Geld für NEN, das Anteile an der Amadeus-Schule hält und somit die Schule mitfinanziert, stammt von Richard Chandler. Häupl wusste davon, wie eine Pressemitteilung des Bürgermeisterbüros bestätigt. Doch wusste er auch, wer Chandler ist? War es Häupl egal, an wen die Stadt ihre Immobilien verkaufte und wer hinter dem "Vorzeigeprojekt" steht?

Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Investor Chandler
Einblick geben Dokumente aus europäischen Geheimdienstkreisen, die der "Wiener Zeitung" vorliegen. Auch die CIA ermittelte. In den Dokumenten wird Chandler Geldwäsche im großen Stil vorgeworfen. Es geht um Schwarzgeld von russischen Oligarchen. Ermittlungen der russischen Behörden gegen Chandler seien jedes Mal von oben gestoppt worden, heißt es. "Chandler ist von der russischen Polizei und den Aufsichtsbehörden praktisch unantastbar." Auch die Zürcher Staatsanwaltschaft war wegen des Verdachts auf Geldwäsche hinter ihm her. Er hat jedoch bald darauf die Schweiz verlassen. Die Verfahren wurden ergebnislos eingestellt.

Für Jürgen Kremb war der Deal mit den Investoren ein folgenschwerer Pakt. Kurz nach der Vertragsunterzeichnung und dem Erwerb der Pavillons von der Stadt Wien warfen sie ihn aus seinem eigenen Projekt. Man sei mit seiner Arbeit nicht zufrieden gewesen, sagt Lengersdorff. Jürgen Kremb erhebt den Vorwurf, dass die Investoren versucht hätten, ihn zu bestechen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-02-12 18:02:11
Letzte nderung am 2016-02-13 17:14:12



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