• vom 13.05.2016, 17:01 Uhr

Stadtpolitik

Update: 13.05.2016, 17:44 Uhr

Israelitische Kultusgemeinde

"Wo bleibt Wahlempfehlung der IKG?"




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Von Alexia Weiss

  • Ilja Sichrovsky, Sohn des ehemaligen FPÖ-Generalsekretärs, im Interview über die Bundespräsidentenwahl.



Antisemitismus und anti-muslimischer Rassismus lassen sich "in zehn Tagen beseitigen", ist Ilja Sichrovsky überzeugt.

Antisemitismus und anti-muslimischer Rassismus lassen sich "in zehn Tagen beseitigen", ist Ilja Sichrovsky überzeugt.© Stanislav Jenis Antisemitismus und anti-muslimischer Rassismus lassen sich "in zehn Tagen beseitigen", ist Ilja Sichrovsky überzeugt.© Stanislav Jenis

Wien. Seit mittlerweile sieben Jahren engagiert sich der Wiener Ilja Sichrovsky für den muslimisch-jüdischen Dialog. Das hat ihm in der Wiener jüdischen Gemeinde nicht nur Sympathien eingebracht. Doch mit Kritik dieser Art kennt er sich aus: Sein Vater ist der frühere FPÖ-Generalsekretär Peter Sichrovsky. Wir treffen einander im Café Hawelka, um über damals und heute zu sprechen, über die "Muslim Jewish Conference" (MJC), Antisemitismus und auch die anstehende Bundespräsidenten-Stichwahl. Als Michael Hawelka den Kaffee serviert, sagt er scherzend einen Satz, der nicht nur zum Wiener Kaffeehaus, sondern auch zum Melting Pot Wien passt: "Wo sagt der Moslem zum Juden ‚Frohe Weihnachten?‘ Im Wiener Kaffeehaus - und mir wär’s ehrlich gesagt recht, wenn das so bleibt."

"Wiener Zeitung":Als Sie ein Teenager waren, machte Ihr Vater als Jude in der FPÖ Karriere. Wie ging es Ihnen damit?

Information

Zur Person
Ilja Sichrovsky

geb. 1982 in Berlin, aufgewachsen in Wien, hier Matura und Studium der internationalen Entwicklung. 2009 Mitbegründer der Muslim Jewish Conference (MJC), deren Generalsekretär er ist.

www.mjconference.org

Ilja Sichrovsky: Da war das, was man zur mir gesagt hat, und das, was ich gespürt habe. Man hat sich Mühe gegeben, nett zu mir zu sein - aber ich habe die Ressentiments dennoch gespürt.

Ehrlich?

Ich habe gelitten. Man sieht dann auch sehr schnell, wer die wahren Freunde sind. Teil des Problems war auch, dass mein Vater nicht greifbar war für die Community. Er war weder oft in der Synagoge noch sonstwo in der Gemeinde. Also haben die Menschen mich gefragt und ich bin unfreiwillig in eine Art Pressesprecherrolle gerutscht. Irgendwann war mir das dann zu blöd. Ich bin dazu übergegangen zu sagen: "Da müssen Sie den Herrn Sichrovsky selber fragen."

Was denken Sie, wenn Sie hören, dass sich bei der Bundespräsidenten-Stichwahl am 22. Mai manche Mitglieder der jüdischen Gemeinde für den freiheitlichen Kandidaten Norbert Hofer entscheiden werden?

Mich würde interessieren, ob denen auch erklärt wird, sie wären ein Sicherheitsrisiko. Mir geht es ja nicht darum, ein Wahlverbot auszusprechen. In einer Demokratie muss man Andersdenkende nicht nur aushalten, man muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Mir geht es um Konsistenz und Rückgrat. Sollen sie wählen, wen sie wollen. Sollen sie über den tatsächlich teilweise problematischen Antisemitismus unter Muslimen sprechen. Aber sie sollen mir nicht ständig erzählen, dass ich mich vor den Muslimen im Allgemeinen fürchten soll, weil die ja mittlerweile gefährlicher wären als die Rechtsradikalen, wenn sich gleichzeitig die fremdenfeindlichen Übergriffe verdreifachen.

Auch heute gibt es mit David Lasar einen jüdischen Vertreter in der FPÖ, der nun auch von der Wiener Landespolitik in den Nationalrat aufsteigt. Warum möchte die FPÖ immer wieder Juden in ihren Reihen haben?

Also das war immer ein Punkt, wo ich meinem Vater zustimmen musste. Es ist nicht antisemitisch, in eine Partei mit Antisemiten einzutreten. Es ist allerdings antisemitisch, einem Juden verbieten zu wollen, in eine Partei mit Antisemiten einzutreten, nur weil er Jude ist. So skurril es auch klingt, ich muss sagen, da hatte er recht. Aber allgemein ist die FPÖ eine Partei, die nach den Gesetzen unseres Landes gemessen werden und - in den meisten Fällen - auszuhalten sein muss. Was allerdings nicht mehr auszuhalten sein muss, ist, ihre Funktionäre und Wähler als Idioten abzustempeln, während man selbst aus Unfähigkeit gegen sie verliert, unter anderem, weil man sie schlecht imitiert.

Sie selbst werden aber Alexander Van der Bellen wählen...

Ja. Man muss ihm das Kompliment machen, für etwas zu stehen und nicht schon wieder nur gegen die FPÖ. Das, wofür er steht, kann man mögen oder eben nicht. Aus diesem Grund spreche ich als Vertreter der MJC, mit Van der Bellen als Mitglied in unserem Ehrenkomitee, auch eine Wahlempfehlung für Van der Bellen aus. Eine solche hätte ich mir auch von der Führung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) gewünscht.

Warum?

Ich verstehe nicht, dass die IKG-Führung aktuell zum Thema Bundespräsidentschaftswahl offiziell kein Wort herausbringt - weder für noch gegen etwas. Man meldet sich permanent zum Thema Antisemitismus unter Muslimen zu Wort, sei es, um einen konkreten Fall anzuprangern oder einen Generalverdacht für alle Flüchtlinge zu formulieren. Da kann man doch jetzt nicht schweigen. Und man kann mir doch nicht meine ganze Jugend lang erklären, was ich aufgrund meiner familiären Nähe zur FPÖ in der Gemeinde alles nicht machen darf, weil ich ein Sicherheitsrisiko bin, und dann nicht einmal eine Wortmeldung abgeben nach dem Gewinn des ersten Wahlgangs durch Hofer. Dafür gibt es aus meiner Sicht nur zwei mögliche Gründe: Entweder die IKG-Führung ist überfordert oder, bedenklicher, man kalkuliert taktisch, um die FPÖ-Wähler in den eigenen Reihen nicht zu verstimmen. Vielleicht sieht man nach der letzten Israel-Reise Heinz-Christian Straches tatsächlich einen Partner gegen die vermeintliche Gefahr Islam.

Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, hat doch jüdische Jugendorganisationen für ihre Unterstützung Van der Bellens gelobt?

Das ist zwar recht fein, aber noch lange keine Wahlempfehlung der IKG. Ich will so eine Empfehlung aus dem Mund von Herrn Deutsch hören und hoffe wirklich sehr, dass er sich noch zu Wort meldet und einen historischen Fehler vermeidet.

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Dokument erstellt am 2016-05-13 17:05:06
Letzte ─nderung am 2016-05-13 17:44:59



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