• vom 03.08.2016, 19:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 03.08.2016, 20:37 Uhr

Integration

"Nur ein kleiner Teil schafft es in qualifizierten Beruf"




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Von Michael Ortner

  • Ausbildungen für Flüchtlinge sollen verkürzt werden, meint Ökonom Ludger Wößmann.



Wie viel weiß man über das Bildungsniveau von Flüchtlingen?

Bis jetzt eigentlich gar nichts. Das ist ein Stochern im Nebel. Wir können uns etwa das Bildungsniveau früherer Flüchtlingswellen anschauen. Aber aktuell wurde noch nichts systematisch erhoben, Zahlen dazu sind erst in Planung.

Information

Zur Person:

Ludger Wößmann leitet das ifo-Zentrum für Bildungsökonomik in München.

Wie sieht das Bildungssystem in Syrien aus?

Wir haben im Auftrag der OECD die beiden Schulleistungsstudien TIMSS und PISA aus den Jahren 2011 und 2012 miteinander vergleichbar gemacht. Im Vergleich zu deutschen Schülern war das Ergebnis in Syrien ernüchternd. Der Anteil an Schülern, die nicht über die niedrigste Kompetenzstufe eins (von sechs, Anmerk.) kommt - da geht es zum Beispiel um grundlegende Rechenarten - , liegt in Deutschland bei 16 Prozent. Das sind Schüler, die große Probleme haben, eine Ausbildungsstelle zu bekommen. In Syrien hingegen sind es 65 Prozent. Die Achtklässler in Syrien hinken dem unsrigen Schulsystem im Durchschnitt um vier bis fünf Jahre hinterher.

Was wissen sie über das Bildungsniveau von afghanischen Flüchtlingen?

Darüber weiß man wenig. Insgesamt ist das Schulniveau aber sehr niedrig. Laut Daten der Weltbank liegt der Anteil der Analphabeten unter den 15- bis 24-Jährigen bei den Männern bei 38 Prozent, bei den Frauen sogar bei 68 Prozent. Mädchen hatten unter dem Taliban-Regime kaum eine Chance, eine Schule zu besuchen.

Wie stehen die Chancen, dass die Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen?

In Deutschland schafft es nur ein kleiner Teil mit sehr gutem Bildungshintergrund in einen qualifizierten Beruf. Beim Großteil muss man davon ausgehen, dass sie nur in geringqualifizierten Berufsfeldern unterkommen. Die Nachfrage nach solchen Arbeitskräften geht aber zurück. Hinzu kommen Probleme beim Spracherwerb.

Welche Probleme sehen sie abseits der sprachlichen Hürde?

Die Art der Berufsausbildung, unser duales System aus Betrieb und Berufsschule, gibt es so kaum irgendwo auf der Welt. Flüchtlingen ist dies relativ unbekannt. Sie verdienen während der Lehre weniger, als wenn sie Hilfsarbeiterjobs annehmen würden. Obendrein wissen sie nicht, ob sie in zwei bis drei Jahren noch in Deutschland sind.

Wie könnte eine Qualifizierung ihrer Meinung nach aussehen?

Positiv ist, dass die Altersstruktur der Flüchtlinge sehr jung ist. Insofern kann man die Menschen nach- und weiterqualifizieren. Doch eine dreijährige Berufsausbildung mit einem hohen Theorieanteil ist eine zu große Hürde für viele Flüchtlinge. Wir müssen davon ausgehen, dass viele daran scheitern werden.

Laut Handwerkskammer München und Oberbayern haben 70 Prozent der Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und dem Irak, die vor zwei Jahren eine Lehre angefangen haben, sie bereits wieder abgebrochen. Deswegen spreche ich mich für teilqualifizierte Ausbildungsberufe aus. Damit meine ich, dass man den Fokus stärker auf die Praxis legt, etwa im Pflege- und Gesundheitsbereich oder im Handwerk. Ein modulares System wäre eine Möglichkeit. Dadurch wird die Ausbildung verkürzt und weitere Module können später aufgestockt werden.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-03 17:32:08
Letzte ─nderung am 2016-08-03 20:37:15



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