• vom 23.11.2016, 21:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 24.11.2016, 08:49 Uhr

Interview

"Es drohen Armutsinseln"




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Von Saskia Blatakes

  • Soziologe Reinprecht erklärt, warum der soziale Wohnbau nicht mehr sozial ist.



"Der Arbeitsmarkt wurde zwar für Frauen und andere Gruppen geöffnet, aber zum Preis hoher Prekarität", erklärt Christoph Reinprecht.

"Der Arbeitsmarkt wurde zwar für Frauen und andere Gruppen geöffnet, aber zum Preis hoher Prekarität", erklärt Christoph Reinprecht.© Stanislav Jenis "Der Arbeitsmarkt wurde zwar für Frauen und andere Gruppen geöffnet, aber zum Preis hoher Prekarität", erklärt Christoph Reinprecht.© Stanislav Jenis

"Wiener Zeitung": Warum bezeichnen Sie Wien als post-sozial?

Christoph Reinprecht: Das Soziale hat sich im Lauf der Zeit ziemlich gewandelt. Ein Beispiel: geförderter Wohnbau. Im sozialdemokratischen Wien der Zwischenkriegszeit war der Gemeindebau ein Teil der Mobilisierung und stark mit der Idee vom sozialen Aufstieg verbunden. Da war das Soziale sehr eng verknüpft mit dem Wohlfahrtsstaat, dem austromarxistischen Wien, der Arbeiterbewegung. Ab 1945 bis in die Achtziger, also in der Blütezeit des Wohlfahrtskorporatismus, hat sich das dann sehr geändert. Das Soziale war ab den Achtzigern eher gleichgesetzt mit sozialer Mobilität, Chancengleichheit und dem sogenannten Fahrstuhleffekt nach oben. Wenn man sich die aktuelle Entwicklung ansieht, gibt es zwar noch viel öffentliche Förderung - gerade in Wien -, aber es gibt auch post-soziale Entwicklungen. Einen Teil der Zielbevölkerung, und zwar die sehr Armen, aber auch die sehr mobilen Bürger, erreichen diese Maßnahmen teilweise gar nicht mehr. Sie passen nicht in die Mainstream-Sicht des Staates.

Information

Christoph Reinprecht wurde 1957 in Linz geboren. Er arbeitete Anfang der 1980er Jahre im Bereich der sozialen Bildung im Amerlinghaus. Danach war er bis 1989 als Redakteur bei der KP-nahen Monatszeitschrift "Wiener Tagebuch" tätig. Anschließend studierte er Soziologie. 1994 promovierte er an der Universität Wien zum Doktor der Soziologie. Er ist spezialisiert auf Sozialstrukturen und soziale Ungleichheit. 2004 wurde er zum stellvertretenden Vorstand des Instituts für Soziologie der Universität Wien und ist Leiter der Forschungsplattform "Migration and Integration Research". Er ist assoziierter Wissenschaftler am "Centre de Recherche sur l’Habitat" in Paris.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein extremes Beispiel sind Flucht und Asyl. Diese Menschen brauchen eine Unterkunft und die Lösungen zielen tendenziell darauf ab, sie nicht in die gesamte Bevölkerung zu integrieren und sie dementsprechend zu behandeln, sondern sie in gesonderten Programmen unterzubringen. Man spricht in dem Kontext zum Beispiel immer von Unterbringung oder Beherbergung, aber nicht vom Wohnen. Im modernen Wohnbau sollen die Mieter ja immer zusammenkommen und partizipieren. Aber das schließt auch viele aus. Es gibt sozusagen eine Exklusion durch Inklusion. Und in Wien herrscht die generelle Tendenz, unsichtbar zu machen, was das Bild stört.

Die SPÖ verliert massiv Stimmen an die FPÖ. Ist die Stadt als Versorger bald Geschichte?

Ein gutes Beispiel ist die Seestadt Aspern mit ihrem Wahlergebnis (FPÖ 36 Prozent, SPÖ 34 Prozent, Grüne 15 Prozent, Anm.). Das ist dort schon alles sehr versorgend und gut ausgestattet. Aber die Vorstellung, wir machen was für die und die wählen uns dann, geht nicht auf. Wäre ja auch kurios.

In Wien steigt die Zahl der Menschen, die Mindestsicherung beziehen, rasant und sie werden durchschnittlich immer jünger. Viele schaffen den Einstieg ins Berufsleben nicht...

Genau die sind gemeint, wenn man vom Post-Sozialen spricht. Die Beteiligung am Arbeitsmarkt galt immer als klassische Form der sozialen Integration. Davon ist nämlich abhängig, ob man Ansprüche bei der Sozialversicherung hat oder beim geförderten Wohnbau. Wenn immer größere Gruppen da keinen Zugang mehr haben, muss man sich Gedanken machen, wie man die erreicht, damit sie nicht durchs Raster fallen. Noch ein Beispiel: Der alte Wohlfahrtsstaat hat auf das klassische Alleinverdiener-Modell aufgebaut. Der Arbeitsmarkt wurde zwar für Frauen und andere Gruppen geöffnet, aber zum Preis hoher Prekarität. Frauen sind zwar erwerbstätig, aber viele sind deshalb noch lange nicht finanziell unabhängig. Die klassische Basis ist erodiert. Es gibt aber keinen neuen Modus.

Was muss passieren?

Wenn die soziale Integration durch die Arbeit nicht mehr funktioniert, wird das Wohnen umso wichtiger. Irgendwo müssen die Menschen sein und etwas tun können. Der Trend geht in die Richtung, dass all jene, die vom Berufsleben ausgeschlossen sind, auch ansonsten ausgeschlossen sind.

Wien gilt trotzdem im internationalen Vergleich als soziale Stadt.

Wien hat ein hohes Maß an Versorgung und Wohlfahrtsstaatlichkeit, ganz klar. Aber Wien tut sich schwer, mit diesen neuen Formen der beruflichen Prekarität umzugehen. Ein anderes Beispiel sind mobile Menschen, die nur eine Zeit lang in Wien arbeiten. Auch die sind von vielen Angeboten ausgeschlossen. Man kann nicht immer sagen, wir sind die Besten im deutschsprachigen Raum, sondern man muss sich vernetzen und intensiv nachdenken, wie man mit diesen neuen Rahmenbedingungen umgeht. Es gibt zwar den sogenannten "Gemeindebau Neu", bei dem die Bewohner keine Eigenmittel aufbringen müssen. Aber auch da gibt es wieder Bedingungen, die ganze Gruppen ausschließen: Man muss zwei Jahre in Wien gemeldet sein. Man muss Österreicher sein oder zumindest EU-Ausländer.

Die Stadt fördert neuerdings für akuten Bedarf den temporären Wohnbau.

Die Frage ist, ob es da nur um sehr spezielle Gruppen geht. Das müssen wir abwarten. Mein Punkt ist: Aufgrund des Strukturwandels der Stadt gibt es sehr drastische Verschiebungen und da muss man sehr aufpassen, in einer Stadt, die sich auch immer als soziale Stadt verstanden hat. Die Definition einer sozialen Stadt lautet: stark reguliert, hohe öffentliche Zahlungen und vor allem inklusive aller. Das ist bei den post-sozialen Entwicklungen nicht mehr gegeben. Viele werden marginalisiert.

In vielen deutschen Städten wurden die Gemeindebauten längst verkauft. Dresden hat schon 2006 alle kommunalen Wohnungen verkauft, Berlin hat billig verkauft und kauft jetzt teilweise teuer zurück. In Wien war das bisher nie ein größeres Thema, ein Viertel aller Wohnungen sind im Besitz der Stadt. Wird das so bleiben?


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-23 19:08:05
Letzte Änderung am 2016-11-24 08:49:45



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