• vom 10.01.2017, 17:30 Uhr

Stadtpolitik

Update: 10.01.2017, 17:48 Uhr

Schloss Cobenzl

Das Erbe des Grafen Cobenzl




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Von Alexander Maurer

  • Zur Zwangsräumung des Schlosses Cobenzl: ein Blick auf die wechselhafte Geschichte des Berges.

Wie ein Märchenschloss präsentiert sich das Anwesen am Cobenzl. Die Stadt Wien hat Eigenbedarf angemeldet. - © Stanislav Jenis

Wie ein Märchenschloss präsentiert sich das Anwesen am Cobenzl. Die Stadt Wien hat Eigenbedarf angemeldet. © Stanislav Jenis



Wien. Das Schloss Cobenzl steht vor der Zwangsräumung. Das erklärte Umweltstadträtin Ulli Sima gegenüber der "Wiener Zeitung". Eigentlich habe das Areal nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs schon bis Ende des Vorjahrs geräumt sein sollen, jedoch habe man wegen der Weihnachtszeit ein Auge zugedrückt. Denn der bisherige Pächter, Olaf Auer, weigert sich beharrlich, nach 33 Jahren das Schloss Cobenzl aufzugeben, nachdem die Stadt Wien wegen Eigenbedarfs den Pachtvertrag mit ihm gekündigt hatte und nach einem jahrelangen Rechtsstreit schlussendlich der Räumungsklage der Gemeinde stattgegeben wurde.

So sich das Blatt nicht noch unerwartet wendet, wird also demnächst ein weiteres Kapitel geschlossen in der langen Geschichte eines der beliebtesten Wiener Ausflugsziele, das viel mehr als "nur ein Berg" ist.

Als der Cobenzl 1238 zum ersten Mal historisch erwähnt wurde, hätte den stolzen Berg noch niemand so genannt. Damals war er bei der Bevölkerung als "Reysenperge" bekannt und heißt heute auch noch offiziell Reisenberg. Der Name leitet sich entweder vom Reisig ab oder von der Bezeichnung "reisender Berg" und wäre in diesem Fall ein Hinweis darauf, dass häufig Erdreich vom Berg abrutscht.

Von christlicher in adelige Hand

Das Schlosshotel am Cobenzl verfiel nach dem Krieg und wurde 1966 abgerissen.

Das Schlosshotel am Cobenzl verfiel nach dem Krieg und wurde 1966 abgerissen.© unbekannt/gemeinfrei Das Schlosshotel am Cobenzl verfiel nach dem Krieg und wurde 1966 abgerissen.© unbekannt/gemeinfrei

Damals war bei dem rund eine Wegstunde vom mittelalterlichen Wien entfernt liegenden Berg auch noch lange nicht an ein Ausflugsziel oder Naherholungsgebiet zu denken. Vielmehr betrieb das Stift Zwettl auf den Hängen des Reisenbergs im 13. Jahrhundert Weinbau. Hundert Jahre später war aber schon von den Weingärten des Stifts Klosterneuburg die Rede. Im 17. Jahrhundert ging das Weingartengelände des Stifts Klosterneuburg nach einem langen Streit an den Jesuitenorden. Der Orden hatte ein Jahrhundert zuvor von Kaiser Rudolf II. das ausgestorbene Klarissenkloster in Grinzing zusammen mit dem Dorf- und Berggericht geschenkt bekommen. Die Jesuiten errichteten am Reisenberg erstmals zwei kleine Schlösschen, um ihre Ordensbrüder dorthin auf Sommerfrische zu schicken. Bis zur Auflösung des Jesuitenordens durch den Papst im Jahr 1773 blieb der Reisenberg in religiöser Hand.

Drei Jahre später trat der nunmehr berühmteste Besitzer des Reisenbergs auf den Plan. Graf Johann Philipp Cobenzl, Begleiter Josefs II. durch Frankreich, Staatskanzler, Außenminister und zwischen 1802 und 1805 österreichischer Gesandter in Frankreich. Er erwarb den zum Verkauf stehenden Besitz des ehemaligen Ordens, ließ die beiden Jesuitenhäuser zu einem großen Schloss umbauen und errichtete gleichzeitig eine Meierei sowie einen prachtvollen Garten.

In einem damals unüblichen Akt machte Graf Cobenzl seinen romantisch gelegenen Landwohnsitz der Öffentlichkeit zugänglich. Der Besuch des Juwels war aber nicht gratis, interessierte Bürger konnten Eintrittskarten in Cobenzls Stadtwohnung in Wien erwerben. Die Erlöse dienten wahrscheinlich auch zum Erhalt des Schlosses, da sie direkt in Cobenzls Tasche wanderten. Das zahlende Publikum wurde aber nicht enttäuscht: Wäldchen, seltene Pflanzen, kleine Tempel, chinesische Schirme, kleine Grotten, Springbrunnen, Käfige mit exotischen Tieren und prächtige und ausladende Blumenbeete machten den Ausflug zum Cobenzl für die damalige Bevölkerung allemal wert.

Cobenzl veranstaltete auf seinem Landsitz auch Konzerte, zu denen gelegentlich auch das Kaiserhaus geladen war. Auch viele namhafte Künstler zählten zu den Gästen des Grafen, unter ihnen Wolfgang Amadeus Mozart. Dieser war wohl mehr von der Umgebung als vom Landsitz angetan, wie er seinem Vater in einem Brief mehr als deutlich schrieb: "Das Häuschen ist nichts, aber die Gegend, der Wald, worin er eine Grotte gebaut, als wenn sie von Natur wäre, das ist prächtig und sehr angenehm."

"Wie in dem irdischen Paradiese"

Auch den preußischen Aufklärer Johann Georg Adam Forster ergriffen beim Anblick der Grotte laut seinen Aufzeichnungen "heilige Schauer". "Ganze Adern von Erz, von Edelstein und Kristallisation in ihren Wänden, ein langsam hindurchziehendes Wasser, ein Felsensitz und dunkle gemauerte Bogengänge", schwärmte er weiter. Auch Graf Karl Zinzendorf konnte sich in seinen Tagebucheinträgen nicht entscheiden, was ihm am besten gefiel: "In der Nähe des Teiches spielte Cobenzl mit den gezähmten Rehen wie mit Hunden. Gethier aller Art umgab uns wie in dem irdischen Paradiese", schrieb er.

Neben dem Schloss waren aber auch die bereits erwähnte Meierei und die angeschlossenen Kuhställe von großer Bedeutung, die laut Erzählungen sehr sauber und in tadellosem Zustand gehalten wurden. Die Meierei wurde zusätzlich durch eine eigene Wasserleitung mit Frischwasser versorgt. Milch, Käse und Schlagobers, die dort produziert wurden, brachte man zum Verkauf nach Wien. Gemeinsam mit dem öffentlich zugänglichen Ausflugsgebiet trug dies dazu bei, dass die Anlagen auf dem Reisenberg bei der Bevölkerung immer mehr bekannt und geschätzt wurden, bis die Wiener ihn nur noch "Cobenzl" nannten, wie sie es auch heute noch tun.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-10 17:35:08
Letzte ńnderung am 2017-01-10 17:48:58



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