• vom 18.03.2017, 08:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 21.03.2017, 11:42 Uhr

Heumarkt

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Von Reinhard Seiß

  • Raumplanungsexperte Reinhard Seiß geht in Sachen Heumarkt mit Stadtpolitik und Projektbetreiber hart ins Gericht - und spiegelt damit eigenen Angaben zufolge die Stimmung der unabhängigen Architekten- und Planerszene wider. Ein Kommentar.

Belvedereblick mit Hotel Intercontinental und geplantem Turm nach dem Stand von 2016. - © Martin Kupf

Belvedereblick mit Hotel Intercontinental und geplantem Turm nach dem Stand von 2016. © Martin Kupf



Wien. "Das besondere Projekt" nennt Investor Michael Tojner seinen geplanten Luxuswohnturm in der Unesco-Weltkulturerbezone, am vom Wiener Eislaufverein gepachteten Gelände zwischen Stadtpark und Konzerthaus. Eine besondere Stellung kommt ihm bereits jetzt zu. Denn noch nie in der jüngeren Stadtentwicklungsgeschichte Wiens hat ein Bauvorhaben dermaßen hohe Wellen geschlagen, und das auch weit außerhalb der Fachszene. Davon zeugen nicht zuletzt die zahlreichen Einsprüche gegen die geplante Flächenwidmung während der vergangenen sechs Wochen ihrer öffentlichen Auflage.

Prominente Künstler dagegen
Nach jahrelangen Protesten von Anrainern, Stadtbildschützern, Architekten und Planern überschlagen sich die Ereignisse nun geradezu. Vor kurzem etwa wurde die Petition der IG Autoren an das Rathaus, die laufenden Planungen umgehend zu stoppen, von rund 500 Künstlern und Intellektuellen unterzeichnet - von Felix Mitterer, Peter Turrini und Josef Winkler über Lukas Resetarits, Josef Hader und Karl Markovics bis hin zu Ulrich Seidl, Erika Pluhar und Christian Ludwig Attersee.



Mit derart prominenten Persönlichkeiten im Rücken gewinnt man als Bürgermeister normalerweise eine Wahl. Nun hat die rot-grüne Stadtregierung sie gegen sich - doch damit nicht genug: Die Wiener Architektenkammer und die IG Kultur veranstalteten eigene Pressekonferenzen, um ihrer Kritik am Projekt und seinem fragwürdigen Zustandekommen Gehör zu verschaffen. Weitere Petitionen für die Erhaltung des Weltkulturerbes mit mittlerweile tausenden Unterstützern sind im Laufen - und am Samstag letzter Woche fand sogar eine Demonstration am Projektstandort statt.


Aus Deutschland und der Schweiz melden sich namhafte Architektur- und Planungsprofessoren zu Wort und fordern ein Überdenken des Projekts. Die wohl bekannteste Gegenstimme aus dem Ausland stammt von Startenor Placido Domingo, der als Präsident der internationalen Denkmalschutz-Organisation Europa Nostra vehement die Bewahrung des Unesco-geschützten Stadtbilds einschließlich des von Tojners Plänen betroffenen Innenstadtblicks vom Schloss Belvedere aus verlangt.

Dabei ist das geplante Hochhaus weder das schlechteste noch das höchste von all den Türmen, die in den letzten zwei Jahrzehnten in Wien hochgezogen wurden - und auch nicht das erste, das am Rand der Innenstadt deren Silhouette maßgeblich verändern würde.

Ebenso wenig kann behauptet werden, dass das Rathaus bei vorangegangenen Großprojekten professioneller, transparenter, behutsamer oder sozial gerechter agiert hätte. Seien es die Türme in der Donau City, in der Wienerberg City oder in Towntown, seien es die Hochhäuser am Donaukanal, in Wien Mitte oder in der Millennium City - das Strickmuster ist stets dasselbe: Ein Unternehmen der Bau-, Immobilien- oder Finanzwirtschaft tritt mit einer lukrativen Projektidee an die Stadt heran und erhält, zumal das Vorhaben den bestehenden städtebaulichen Rahmen bei Weitem sprengt, die dafür nötige Änderung im Flächenwidmungs- und Bebauungsplan.

Diese bedeutet in der Regel eine Vervielfachung der realisierbaren Nutzflächen und damit eine massive Bevorteilung gegenüber allen herkömmlichen Grundeigentümern und Bauwerbern - ja, oft auch noch eine Entwertung benachbarter Immobilien. Etwaigen Forderungen nach Abstrichen beim Bauvolumen wird, ohne seriösen Nachweis, entgegengehalten, dass sich das Projekt dann nicht mehr rechnen würde. Oder der Investor verlangt zunächst mehr, als er braucht, um dann konziliant nachgeben zu können.

Noch skandalöser als die urbanistische Qualität, die so vielerorts Platz gegriffen hat, noch empörender als das dreiste Gebaren der Entwickler dieser Projekte sind allerdings die politischen und planerischen Entstehungsgeschichten dahinter - und diese treten in vorliegendem Fall so konzentriert und gleichzeitig durchschaubar wie noch selten zu Tage. In der Fachwelt rumort es, weil die Stadtregierung nicht nur ihre ohnehin recht vagen Stadtplanungsvorgaben - sei es aus der Wiener Bauordnung, sei es aus dem Hochhauskonzept von 2002 - zur Rechtfertigung des Projekts sehr großzügig interpretiert, sondern dieses Mal auch klar gegen sie verstoßen hat.

So wurden die städtebaulichen Restriktionen, die sich aus dem Weltkulturerbe ergeben, im Planungsprozess schlichtweg ignoriert und hernach ein neues, diesmal "passendes" Hochhauskonzept sowie ein "Masterplan Glacis" entwickelt, die den Turm rückwirkend legitimieren sollten. Und die Opposition? Die sprang zwar zuletzt auf die Welle der Entrüstung auf, trug in den Jahren davor aber die maßgeblichen Entscheidungen mit: In der Stadtentwicklungskommission wurden die städtebaulichen Leitlinien für den Heumarkt-Turm auch von der ÖVP, das neue Hochhauskonzept auch von der FPÖ und der Masterplan Glacis überhaupt einstimmig abgesegnet.

Unesco-Provokation
Die Verantwortung aber liegt freilich bei der Stadtregierung, und diese empört - beginnend beim Bürgermeister höchstselbst - eine breite Öffentlichkeit vor allem dadurch, dass sie für ein relativ belangloses Immobilienprojekt den Entzug des Welterbestatus geradezu provoziert. Zwar stilisiert Michael Häupl das Investment des Risikokapitalanlegers Michael Tojner immer wieder zu einer Zukunftsfrage für Wien hoch und disqualifiziert das Etikett "Welterbe" als touristisch belanglos sowie stadtplanerisch hinderlich. Doch bezweckte die Unesco weder die Förderung des Fremdenverkehrs noch die Bedienung kurzfristiger Begehrlichkeiten lokaler Immobilientycoons. Sprich, das Rathaus sollte die Unterschutzstellung des historischen Zentrums nicht als Hilfsmittel zur Verfolgung wirtschaftlicher Ziele, sondern vielmehr als Schutz vor eigenen planungspolitischen Fehltritten sehen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-17 17:21:10
Letzte nderung am 2017-03-21 11:42:08



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