• vom 25.03.2017, 08:00 Uhr

Stadtpolitik


Heumarkt

Schon früher wurde hoch gebaut




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Von Christoph Chorherr

  • Gastkommentar: Planungssprecher Christoph Chorherr erklärt, warum die Grünen das Projekt am Heumarkt unterstützen.

Laut Chorherr würde dem Areal eine Erneuerung guttun.

Laut Chorherr würde dem Areal eine Erneuerung guttun.© PID/Christian Fürthner Laut Chorherr würde dem Areal eine Erneuerung guttun.© PID/Christian Fürthner

Wien. Reinhard Seiß hat vor ein paar Tagen an dieser Stelle sehr harte Kritik an den Planungen rund um das Projekt am Heumarkt im Allgemeinen und an grüner Stadtplanungspolitik im Speziellen geäußert. Warum unterstützen wir Grüne dieses Projekt? Um das zu beantworten, sei in aller Kürze die komplexe Geschichte dieses Projekts rekapituliert: Was Kritiker gerne übersehen (wollen), ist die derzeitige Situation am Heumarkt.

Es gibt ein Hotel aus den 1960er Jahren sowie das Areal des Eislaufvereins, das in seiner Gesamtheit weder technisch noch gestalterisch den heutigen Anforderungen entspricht. Wer von der U-Bahnstation Stadtpark zum Konzerthaus geht oder beim Eislaufverein einläuft, erkennt: Hier steht kein schützenswertes Ensemble, sondern ein in die Jahre gekommener, jeglicher stadträumlichen oder architektonischen Qualität entbehrender Stadtraum. Die Längsseite des Konzerthauses ist mit rostigem Metall und verwitternden Holzbalken abgesperrt. Dies ist seit Jahrzehnten ziemlich genau das Gegenteil von "Weltkulturerbe". Stadtplanerisch gesehen handelte es sich um einen bestehenden Hochhausstandort, dessen gebaute Form mit einer Höhe von rund 43 Metern unterhalb der baurechtlich zulässigen Höhe von maximal 51 Metern liegt.



Am Beginn jeder Planung steht der Anspruch, dass es nach einem Neubau deutlich besser sein muss als vorher; insbesondere aus jener Perspektive, welche die wichtigste ist: Jene der Fußgänger. Die Ausgangslage war sehr schwierig: Es galt den Eislaufverein mit seiner großen Freifläche langfristig abzusichern, dem Konzerthaus jene Bedeutung im Stadtraum zu geben, die ihm gebührt, sowie das Hotel Intercontinental zu erneuern und mit neuen Konferenzsälen auszustatten, um Wiens Stellung als eine der wichtigsten Konferenzstädte der Welt abzusichern. Im besten Fall sollten diese verschiedenen Nutzungen nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig unterstützen.

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Bestes Projekt ausgewählt
Es gibt kein anderes Wiener Großprojekt der letzten Jahrzehnte, das derart offen und transparent entwickelt wurde. Alle Verfahrensschritte, beginnend mit der städtebaulichen Analyse und dem kooperativen Verfahren, der daraus abgeleiteten städtebaulichen Zielsetzungen, über den internationalen Wettbewerb bis zum Ergebnis und dessen Überarbeitung wurden in Ausstellungen, Publikationen und Medien ausführlich dargestellt und kommuniziert. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, die vorliegenden Unterlagen zu studieren, wird zugeben müssen, dass alle Beteiligten intensiv darum gerungen haben, die beste Lösung zu finden.

Beim Studium der Projekte zeigt sich auch, dass der Vorwurf, die Stadt würde für die Finanzierung der Mehrwerte eine falsche städtebauliche Lösung in Kauf nehmen, nicht aufrechterhalten werden kann. Es gab auch verschiedenste Lösungen, die die bestehende Höhe nicht überragten. Eine internationale und in ihrer Kompetenz unbestrittene Fachjury, in der auch zwei von der Architektenkammer entsandten Juroren vertreten waren, war jedoch eindeutig der Meinung, dass aus den 24 eingereichten Projekten von herausragenden Architekten das ausgewählte Projekt von Isay Weinfeld unter Abwägung aller Aspekte schlussendlich die beste Lösung darstellte.

Da Stadtplanung in einer Demokratie ein diskursiver Prozess ist, wurde aber auch auf die öffentliche Kritik reagiert. Nach einer sogenannten Nachdenkpause wurde der Turm in seiner Höhe reduziert und schlanker gemacht und auch auf andere kritisierte Punkte, insbesondere im Bereich des öffentlichen Raumes wurde reagiert. Es gibt Befürchtungen, dass dieses Projekt der Auftakt zu weiteren Hochhäusern in der Ringstraßenzone sein könnte. Dafür werden zum Teil absurde Argumente angeführt, wie beispielsweise, der sogenannte Masterplan Glacis sähe sechs weitere Hochhausstandorte in der Inneren Stadt entlang des Ringes vor.

Das kann nur als bewusst versuchte Irreführung interpretiert werden, da dies aus dem Masterplan weder explizit noch konkludent gelesen werden kann. Wahr ist vielmehr, dass in der gesamten Inneren Stadt der Bebauungsplan, der die rechtliche Grundlage für Bauführungen darstellt, ausschließlich die Bauklassen 1-5 (maximale Gebäudehöhe 26m) vorsieht. Selbst dort, wo auf Basis früherer Bebauungspläne heute höhere Häuser stehen (z.B. Hochhaus in der Herrengasse, Ringturm, etc.). Um jedoch auch für die Zukunft unmissverständliche Klarheit zu schaffen, bereiten wir einen Beschluss des Wiener Gemeinderates vor, der Hochhausentwicklungen in der Inneren Stadt explizit ausschließen wird.

Aber das Weltkulturerbe... Es gab drei Kriterien, die der Inneren Stadt den Titel "Weltkulturerbe" eingebracht haben:

1) Die städtebaulichen und architektonischen Qualitäten des historischen Zentrums von Wien sind überragende Zeugnisse eines fortwährenden Wandels von Werten ("outstanding witness to a continuing interchange of values") während des 2. Jahrtausends.

2) Drei Hauptperioden europäischer Kultur und politischer Entwicklung - Mittelalter, Barock und Gründerzeit - werden in außergewöhnlicher Form durch das städtebauliche und architektonische Erbe des historischen Zentrums von Wien dargestellt.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-24 17:36:07
Letzte nderung am 2017-03-24 17:51:08



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