• vom 06.07.2017, 10:54 Uhr

Stadtpolitik

Update: 06.07.2017, 14:31 Uhr

Welterbe

Unesco setzt Wien auf die Rote Liste




  • Artikel
  • Kommentare (7)
  • Lesenswert (18)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZOnline, APA

  • Heumarktprojekt war ausschlaggebend, FPÖ und ÖVP fordern Vassilakous Rücktritt.

Das Rendering zeigt die Planung für die Neugestaltung des Wiener Heumarkt-Areals. - © APAweb/APA, Isay Weinfeld & Sebastian Murr

Das Rendering zeigt die Planung für die Neugestaltung des Wiener Heumarkt-Areals. © APAweb/APA, Isay Weinfeld & Sebastian Murr

Wien/Krakau.  Die Unesco hat das historische Zentrum Wiens auf die Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt. Das hat das Welterbekomitee am Donnerstag bei einer Sitzung in Krakau entschieden. Begründet wird die Entscheidung unter anderem damit, dass die Altstadt durch die "massive städtebauliche Entwicklung der letzten Jahre" ihren "außergewöhnlichen, universellen Wert" verliere, hieß es.

Nach Beanstandungen von Bauprojekten bei Wien Mitte und beim Hauptbahnhof seien die Höhe und Kubatur des Hochhausprojekts am Heumarkt ausschlaggebend für die Entscheidung gewesen. Neben dem Hotel Intercontinental - das ebenfalls neu gebaut wird - soll dort ein 66 Meter hoher Wohnturm errichtet werden. Außerdem seien die Stadtplanungsinstrumente zum Schutz des Welterbegebiets unzureichend, begründete die Unesco die Aufnahme in die Rote Liste.

Schaden für Kulturland Österreich

Weltkulturerbe in Österreich.

Weltkulturerbe in Österreich.© APAweb/APA Grafik Weltkulturerbe in Österreich.© APAweb/APA Grafik

"Die nun erfolgte Eintragung auf die Rote Liste schadet dem Kulturland Österreich, ist blamabel für die Stadt Wien und Österreich. Es zeigt die fehlende Wertschätzung für das selbst ausgewählte Welterbegebiet und auch das Unverständnis für die Bedeutung des Welterbes. Es geht beim Welterbestatus nicht um ein Tourismus-Ranking oder ein Etikett für die touristische Vermarktung, sondern um den langfristigen Erhalt einer außergewöhnlichen Stätte für die Menschheit, für zukünftige Generationen", sagte Gabriele Eschig, Generalsekretärin der österreichischen Unesco-Kommission.

Ein knappes Jahr Zeit

Österreich hat nun bis 1. Februar 2018 Zeit, dem Welterbekomitee ein Update über den Erhaltungszustand der Welterbestätte zu übermitteln. Sollte die Stadtregierung die erforderlichen Maßnahmen nicht umsetzen, droht als nächster Schritt die Aberkennung des Welterbestatus.

Um wieder von der Roten Liste zu kommen, müsste die Stadt Wien das Bauprojekt am Heumarkt so umplanen, dass die von der UNESCO vorgegebene Maximalhöhe von 43 Metern eingehalten wird. Zudem müsste die Stadt verbindliche Planungsinstrumente zum Schutz des Welterbes schaffen.

"Die UNESCO möchte kein Welterbegebiet verlieren, weshalb sie so lange an die Staaten appelliert und ihnen die Richtung weist", sagte Eschig. Eine Bewegung der Stadt Wien in die richtige Richtung erscheine ihr allerdings mittlerweile "sehr unwahrscheinlich".

Das 2001 als Welterbe aufgenommene "Historische Zentrum von Wien" umschließt die Innere Stadt sowie die Areale von Schloss Schwarzenberg, Schloss Belvedere und dem Kloster der Salesianerinnen am Rennweg. Es umfasst eine Kernzone von ca. 3,7 Quadratkilometern und eine Pufferzone von 4,6 Quadratkilometern, insgesamt also knapp zwei Prozent des Stadtgebiets.

FPÖ und ÖVP fordern Vassilakous Rücktritt 

Nachdem die UNESCO am Donnerstag die Wiener Innenstadt wie erwartet auf die Rote Liste der Weltkulturerbestätten gesetzt hat, gerät die Grüne Planungsstadträtin Maria Vassilakou einmal mehr ins Kreuzfeuer der Rathaus-Opposition. ÖVP und FPÖ forderten den Rücktritt der Ressortchefin. Kritik kam auch von den NEOS, vom City-Bezirkschef und dem Grünen Kultursprecher im Nationalrat.

FPÖ-Vizebürgermeister Johann Gudenus bezeichnete Vassilakou per Aussendung als "endgültig rücktrittsreif", nahm aber die gesamte Stadtregierung in die Pflicht: "Dass Wien nun auf die rote Liste gesetzt wurde und ohne Änderung der Heumarkt-Baupläne bis Februar 2018 den UNESCO-Status endgültig verlieren wird, hat allein Rot-Grün durch ihr kurzsichtiges Agieren in Bezug auf dieses Projekt zu verantworten." Der Dritte Nationalratspräsident Norbert Hofer (FPÖ) schloss sich der Rücktrittsforderung seiner Wiener Parteifreunde an.

Selbiges legte auch Wiens ÖVP-Chef Gernot Blümel der Stadträtin nahe. Denn Wien brauche endlich "Stadtplanung, die diesen Namen verdient und einer Weltstadt wie Wien auch würdig ist". Rot-Grün mache die Stadt zum "Katastrophengebiet", schlussfolgerte der Obmann der Schwarzen - denn im Rahmen der Welterbetagung sei vor allem über Kriegs- und Katastrophengebiete diskutiert worden: "So drohten unter anderem dem durch das Erdbeben von 2015 in Mitleidenschaft gezogene Tal von Kathmandu und der Festung und den Shalimar-Gärten von Lahore in Pakistan die Aufnahme in die Rote Liste."

Verärgert zeigten sich auch die NEOS, die einmal mehr ein Bürgervotum zum Weltkulturerbe forderten. "Der Weltkulturerbestatus ist zu wichtig, als dass seine Aberkennung nur das Ergebnis eines chaotischen Vorgehens von Rot-Grün am Heumarkt sein darf", konstatierte Klubobfrau Beate Meinl-Reisiniger. Die Pinken überlegen nun, im ersten Gemeinderat nach der Sommerpause eine Bausperre für das betreffende Areal zu beantragen. Diese solle aufrecht bleiben, "bis die Weltkulturerbefrage geklärt ist".

Vom Bezirksvorsteher der Innenstadt, Markus Figl (ÖVP), kam indes die Forderung an die Stadtregierung, "alle Schritte" zu unternehmen, um das Weltkulturerbe zu erhalten. Figl befürchtet außerdem, dass weiteren Hochhäusern mit der Aberkennung Tür und Tor geöffnet würden.

Scharfe Worte kamen zudem von grüner Seite. Wolfgang Zinggl, Grüner Kultursprecher im Nationalrat und seit jeher lautstarker parteiinterner Kritiker des Heumarkt-Projekts, stellte in einer Stellungnahme gar die Vermutung an, dass sich die Stadtregierung bewusst vom Weltkulturerbe verabschiede, um im Sinne von Investoren hinderliche Auflagen der UNESCO loszuwerden.

Die Planungssprecher von SPÖ und Grünen, Gerhard Kubik und Christoph Chorherr, bedauerten zwar in einer gemeinsamen Aussendung die UNESCO-Entscheidung. Gleichzeitig demonstrierte man aber durchaus Gelassenheit. "Wien wird immer Weltkulturerbe bleiben, dafür werden wir Sorge tragen", betonten die beiden Abgeordneten mit Verweis auf einen kürzlich erfolgten Gemeinderatsbeschluss, keine weiteren Hochhäuser in der City zu bauen. Die historische Bausubstanz sei wichtig und werde weiterhin erhalten.

Außerdem stünden derzeit 55 Welterbestätten auf der Roten Liste - darunter seit 1982 die Altstadt und die Stadtmauer von Jerusalem, seit 2010 die Kathedrale und das Kloster Gelati in Georgien oder seit 2012 die historische Hafenstadt von Liverpool. Dennoch besäßen alle Orte nach wie vor den Welterbestatus. Was den Heumarkt-Turm anbelangt, könne die Bauhöhe nicht das alleinige Qualitätsmerkmal für den Titel Weltkulturerbe sein. Kubik und Chorherr verwiesen einmal mehr auf die Vorteile des Vorhabens, u.a. auf die langfristige Absicherung des Eislaufvereins.

Werbung




7 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-06 10:55:03
Letzte ─nderung am 2017-07-06 14:31:25



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Neuordnung der Märkte
  2. Heimat großer Schmaucher
  3. Lebenslang für Kopfstiche
  4. Meisterschaft der Verkehrsakrobaten
  5. Heute hitzefrei für Pferde?
Meistkommentiert
  1. Wien hat ein Abgasproblem
  2. Wie grün sind die Öffis?
  3. "Alte Stinker müssen aus dem Verkehr gezogen werden"
  4. Lebenslang für Kopfstiche
  5. Proteste gegen Pächterwechsel bei jüdischem Buchgeschäft

Werbung



Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Werbung


Transition Base

Smartes Wagenvolk

Wohnraum muss nicht viel kosten: Der alte Zirkuswagen soll für kreative Zwecke genutzt werden. - © Puiu Wien. Über die Felder der im Nordosten Wiens liegenden Seestadt fegt ein eisiger Wind. Direkt neben der Satellitenstadt... weiter




Stadtentwicklung

Breitenseer Mauerfall

20161115Wien1 - © Driendl Architects Wien. Die Ziegelmauer ist wie ein Bollwerk. Auf einer Länge von einem halben Kilometer trennt sie den Stadtteil Breitensee vom übrigen Bezirk Penzing... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter





Innere Stadt

Noch kein Fort Knox

Älteste Kirche von Wien, die Ruprechtskirche, Schwedenplatz, Kohlmarkt, Dirndln auf der Kärntner Straße, Vivienne-Westwood-Shop in der Tuchlauben v.l.n.r. - © Ina Weber Wien. Ist man kein Anzugträger und wohnt dennoch im 1. Bezirk, kommt die Antwort auf die Frage nach dem Wohnort fast einem Geständnis gleich... weiter






Werbung