• vom 04.11.2017, 08:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 04.11.2017, 18:14 Uhr

Lobautunnel

"Sie haben sich gedacht, es wird schon gutgehen"




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Von Solmaz Khorsand

  • Der Geologe Josef Lueger sagt Katastrophen voraus. Er begutachtet den Lobautunnel und weiß, was alles schiefgehen kann, wenn man nicht auf ihn hört.

Nicht nur Umweltschützer fürchten um die Naturoase Lobau, wenn einmal der Tunnel kommt. - © fotolia

Nicht nur Umweltschützer fürchten um die Naturoase Lobau, wenn einmal der Tunnel kommt. © fotolia

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Wien. Manche Menschen betrachten die Welt durch die rosarote Brille. Nicht Josef Lueger. Er sieht immer schwarz. Das ist sein Job. Der Geologe ist Gutachter. Mal soll er herausfinden, wie sich die Bohrungen ins Erdreich auf das Grundwasser auswirken, mal wie ein Gasrohr einfach so explodieren konnte.

Seine Expertise wurde bereits bei ÖBB-Projekten wie dem im Bau befindlichen Semmering Basistunnel oder dem mittlerweile fertigen Lainzer Tunnel zu Rate gezogen. Aktuell ist er im Auftrag der Umweltorganisation "Virus" mit dem Lobautunnel beschäftigt, jenen 8,2 Kilometer langen Herzstück der umstrittenen Wiener Nordostumfahrung (S1) zwischen dem Knoten Schwechat und Süßenbrunn. Seit September des Vorjahres prüft das Bundesverwaltungsgericht den positiven Umweltverträglichkeitsbescheid des Verkehrsministeriums für das Schnellstraßenprojekt unter dem Nationalpark. Am 8. November ist die Verhandlung dafür angesetzt.



Ein Tunnel unter einem Naturschutzgebiet hat enorme Konsequenzen für die Natur, findet Josef Lueger.

Ein Tunnel unter einem Naturschutzgebiet hat enorme Konsequenzen für die Natur, findet Josef Lueger.© Solmaz Khorsand Ein Tunnel unter einem Naturschutzgebiet hat enorme Konsequenzen für die Natur, findet Josef Lueger.© Solmaz Khorsand

Wiener Zeitung: In Ihrem Gutachten kritisieren Sie, dass die Asfinag bei der Planung des Lobautunnels den Grundwasserspiegel in ihren Modellen vernachlässigt. Was bedeutet das?


Josef Lueger: Die Projektbetreiber nehmen einen bestimmten Wasserstand als fixen Wert an. Das bedeutet, dass der Tunnel nach ihren Berechnungen keine Auswirkungen auf Grundwasser haben wird, komme was wolle. Dabei zeigen die Wasserpegel im Großenzersdorfer Altarm starke Schwankungen, und zwar bis zu über einen Meter.

Was kann im schlimmsten Fall passieren, wenn das ignoriert wird?

Im schlimmsten Fall könnte der Grundwasserspiegel absinken, wodurch Fauna und Flora in der Lobau Schaden nehmen würden.

Im Fall des Götschkatunnels in Oberösterreich ist genau das passiert, obwohl die Gutachter auch hier davor warnten. Die Brunnen oberhalb des Tunnels versiegten, der Bach trocknete aus, Wald und Wiesen verdorrten. Droht dasselbe Szenario auch der Lobau?

So schlimm sicher nicht. Im Götschkatunnel ist ihnen tatsächlich der Grundwasserspiegel abgesackt und das hätten sie früher wissen können. Den Projektbetreibern war das aber wurscht. Sie haben sich gedacht, es wird schon gutgehen. In den meisten Fällen geht es auch gut oder lässt sich reparieren aber nicht immer. Im Fall des Götschkatunnels leider nicht.

Verantwortliche Gutachter machten dafür im Gespräch mit der Wiener Zeitung das "System Umweltverträglichkeitsprüfung" verantwortlich. Die Informationen für diese Prüfung müssen vom Projektbetreiber zur Verfügung gestellt werden. Doch oft fehlen dabei wichtige Daten. Was machen Gutachter dann?

Sachverständige können schon sagen, dass sie mehr Unterlagen brauchen. In Ausnahmefällen machen sie das auch. Aber die Projektbetreiber sehen das nicht gerne, weil das einen Mehraufwand für sie bedeutet. Und viele Gutachter tun es nicht.

Können sie denn überhaupt begutachten, ohne alle Infos zu haben?

Können sie schon, aber da müsste unter dem Strich herauskommen, dass das Projekt so nicht bewilligungsfähig ist. Und das tun die Gutachter so gut wie nie.

Warum nicht?

Weil die meisten nicht unabhängig sind. Die Amtssachverständigen sind Beamte jener Behörden, die darüber entscheiden, ob das Projekt bewilligt wird oder nicht. Wenn diese Beamten zu lästig sind, machen sie in ihren Behörden keine Karriere. Solche Fälle kenne ich. Rein formal sind sie unabhängig. Daher könnten sie auch Gutachten schreiben, die sie für richtig halten. Doch sie tun es häufig nicht und versuchen ihr Gutachten so hinzubiegen, dass die politisch erwünschte Entscheidung rauskommt.

Wäre die Lösung, ausschließlich nicht-amtliche Sachverständige zu bestellen?

Die sind auch problematisch. Weil es sich in Österreich um eine kleine Clique von 15 bis 20 Büros handelt. Das sind größtenteils Haus- und Hofgutachter, von denen man weiß, was bei ihnen am Ende rauskommt. Manchmal beschäftigt das Bundesverwaltungsgericht sogar Gutachter, die nicht einmal eine Berufsberechtigung haben, man könnte auch sagen "Pfuscher".

Sie selbst sind auch ein nicht-amtlicher Sachverständiger.

Ich bin gerichtlich zertifizierter Sachverständiger, aber ich werde nicht von Behörden und Verwaltungsgerichten herangezogen, weil sie bei mir nie wissen, was rauskommt. Ich werde häufig von ordentlichen Gerichten bestellt, weil es da keine politische Komponente gibt. Manchmal fragen mich Gemeinden an, wenn es um politisch weniger spannende Dinge geht, wie zum Beispiel Deponien. Wenn man sich bei Politikern nicht so beliebt macht, kriegt man aber auch normale Aufträge eher selten.

Wurden Sie diesbezüglich schon einmal eingeschüchtert?

Ja, der behördlich bestellte UVP-Koordinator zum Semmering-Basistunnel hat mir mit Strafverfolgung gedroht, wenn ich die Befangenheit von Gutachtern thematisiere. Natürlich habe ich nichts verbrochen, aber es hat ihm halt nicht gepasst, dass ich Finger in die Wunde lege. Die Politiker drohen mir nicht, aber sie sagen mir schon offen, dass ich von den entsprechenden Gebietskörperschaften keine Aufträge kriege. Mir ist das egal, ich habe meine Kunden und ich bin 62 Jahre alt. In drei Jahren gehe ich in Pension. Aber für junge Gutachter ist dieser Zustand ein Problem. Sie dürfen nicht das Maul zu weit aufreißen.

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Dokument erstellt am 2017-11-03 17:23:11
Letzte Änderung am 2017-11-04 18:14:36



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