• vom 14.11.2017, 16:14 Uhr

Stadtpolitik

Update: 14.11.2017, 16:23 Uhr

Wiener Märkte

Der Wiener und sein Markt




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Ina Weber

  • Laut Umfrage sehen 87 Prozent der Wiener bei einem Rückgang der Märkte auch ein großes Stück Identität verloren - Neos Wien sehen Märkte in Gefahr und fordern mehr Gastro-Genehmigungen - Stadt verweist auf kommende Marktordnung.

Der Brunnenmarkt in Ottakring bietet Obst- und Gemüsestände sowie Gastronomie an.

Der Brunnenmarkt in Ottakring bietet Obst- und Gemüsestände sowie Gastronomie an.© Stanislav Jenis Der Brunnenmarkt in Ottakring bietet Obst- und Gemüsestände sowie Gastronomie an.© Stanislav Jenis

Wien. "Rettet die Wiener Märkte", lautet eine Kampagne der Neos Wien, die Klubvorsitzende Beate Meinl-Reisinger und Wirtschaftssprecher Markus Ornig am Dienstag präsentierten. Der Stadt Wien, insbesondere Stadträtin Ulli Sima (SPÖ), warfen sie vor, mit der im Sommer getroffenen temporären Maßnahme - bei Neuzulassung keine Gastronomie mehr - die Märkte zu gefährden. "Anstatt die Gastro-Sitzplatzbeschränkung für Handelsstände zu lockern, wurde neuen Marktständen diese gleich komplett gestrichen. Damit ist für viele ein wirtschaftlicher Betrieb nicht mehr möglich", so Ornig. Die Märkte seien ohnehin durch das geänderte Konsumverhalten der Bürger bedroht, so Meinl-Reisinger, die Nahversorgung stehe nicht mehr im Zentrum. Es gäbe nicht genügend Spielraum für die Standler darauf zu reagieren.

Neue Marktordnung bis Anfang 2018

26 Märkte gibt es in Wien - vom Karmelitermarkt im 2. Bezirk bis zum Brunnenmarkt in Ottakring. Sie bieten neben Gemüse- und Obstständen auch Gastronomie an. Damit sich die Märkte nicht in Gastromeilen verwandeln, hatte Sima im Sommer eine, wie sie sagte, temporäre Maßnahme getroffen: Die Gastro-Bewilligungen wurden gestrichen. Eine endgültige Lösung soll es mit einer Novelle der Wiener Marktordnung geben, die Anfang des kommenden Jahres präsentiert werden soll.

Man gehe nicht nur zum Markt, um Lebensmittel zu kaufen, sondern auch, um zu essen, zu trinken und zu tratschen, sagte Meinl-Reisinger. Wie wichtig den Wienern ihre Märkte sind, belegten die Neos anhand einer Umfrage mit 555 Befragten, die sie bei Peter Hajek Public Opinion Strategies in Auftrag gegeben hatten.

Die Ergebnisse sind für die Pinken eine Bestätigung ihrer Befürchtung: 87 Prozent der Befragten meinen, dass mit dem Rückgang der Märkte auch ein großes Stück Identität verloren gehen würde. 46 Prozent sind der Meinung, dass sich die Stadtregierung nicht ausreichend für die Wiener Märkte und Marktstandler einsetzt. Für mehr als die Hälfte ist zwar der Einkauf von Lebensmitteln der Hauptgrund für den Marktbesuch, 87 Prozent der Befragten stimmen aber zu, dass es an Marktständen auch weiterhin erlaubt sein soll, Essen und Trinken zu konsumieren. Und 67 Prozent der Befragten wünschen sich ein vielfältigeres Angebot.

Gefordert wird von den Pinken daher die Öffnungszeiten zu flexibilisieren. "Wer möchte, soll auch sonntags oder abends länger geöffnet haben können", so Ornig. Das könnte sogar laut Neos unabhängig von den bestehenden Regeln im Handelsbereich umgesetzt werden. Wobei man sowieso für die generelle Sonntagsöffnung sei, ergänzte Meinl-Reisinger.

Um die Nutzung gepachteter Standplätze als billige Lagerflächen hintanzuhalten, sollen diese künftig bei einem Betreiberwechsel innerhalb von sechs Monaten als Verkaufsfläche genutzt werden müssen, führte Ornig weiter aus.

Um all das zu ändern, müsste die Marktordnung modernisiert und die Gastro-Nebenrechte gelockert werden. Das Nebenrecht gab bisher Betreibern, die keine eigentliche Gastronomielizenz hatten, die Möglichkeit, direkt am Stand Kunden an bis zu acht Sitzplätzen zu bewirten. Anstatt zu lockern, ortete Meinl-Reisinger "eine Aktion scharf". Sie berichtete von einem Standinhaber, der zu 2000 Euro Strafe verdonnert worden sei, weil er an einem Samstag um drei Sitzplätze zu viel angeboten habe.

Lange Nacht der Märkte soll mehr Besucher anlocken

Eine weitere Idee sei, freie Flächen für Streetfood-Start-ups zur Verfügung zu stellen. Wechselnde Angebote würden mehr Besucher anlocken. Auch eine "Lange Nacht der Märkte" sollte es geben, um die Märkte zu öffnen. Unterstützung bekamen die Neos vom grünen Marktsprecher Rüdiger Maresch. Er sprach sich ebenfalls für eine Ausweitung der Verabreichungsplätze auf bis zu 15 aus und trat für großzügigere Öffnungszeiten ein. Allerdings sei für ihn der Sonntag tabu.

Maresch will darüber hinaus dem "Ablösewucher" bei Neuübernahmen Einhalt gebieten. Derzeit höre man von bis zu einer Million Euro für Bestlagen wie den Naschmarkt. Auch die Standgebühren seien unfair. "Am Naschmarkt zahlt man 7,88 Euro pro Quadratmeter, am Schwendermarkt, der nahe am Abgrund steht, 6,25 Euro. Das geht so nicht." Die Grünen wollen die von Sima angekündigte neue Marktordnung schnell unter Dach und Fach bringen. Sie habe bereits Vorschläge für Ende November angekündigt, so Maresch.

In Simas Büro hieß es kurz, dass das neue Regelwerk in Arbeit sei und im kommenden Jahr fertig werde. Abgeordneter Erich Valentin (SPÖ) warf den Neos vor, durch ihren "neoliberalen Traum" die Märkte zerstören und reine Fressmeilen aus ihnen machen zu wollen.





3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-14 16:20:06
Letzte ńnderung am 2017-11-14 16:23:37



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Fast so teuer wie der Hauptbahnhof
  2. "Der Wind ist rauer geworden"
  3. "Es ist noch nichts entschieden"
  4. Lange Mängelliste für das Krankenhaus Nord
  5. "Lasst uns eine Woche lang alle Gesetze brechen"
Meistkommentiert
  1. Grüne fordern Rückzug von Vassilakou
  2. (Noch) kein Mann des Volkes
  3. Vassilakou kontert Kritik
  4. Links gegen Rechts?
  5. Die Deals mit den Investoren

Werbung



Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Werbung


Transition Base

Smartes Wagenvolk

Wohnraum muss nicht viel kosten: Der alte Zirkuswagen soll für kreative Zwecke genutzt werden. - © Puiu Wien. Über die Felder der im Nordosten Wiens liegenden Seestadt fegt ein eisiger Wind. Direkt neben der Satellitenstadt... weiter




Stadtentwicklung

Breitenseer Mauerfall

20161115Wien1 - © Driendl Architects Wien. Die Ziegelmauer ist wie ein Bollwerk. Auf einer Länge von einem halben Kilometer trennt sie den Stadtteil Breitensee vom übrigen Bezirk Penzing... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter





Innere Stadt

Noch kein Fort Knox

Älteste Kirche von Wien, die Ruprechtskirche, Schwedenplatz, Kohlmarkt, Dirndln auf der Kärntner Straße, Vivienne-Westwood-Shop in der Tuchlauben v.l.n.r. - © Ina Weber Wien. Ist man kein Anzugträger und wohnt dennoch im 1. Bezirk, kommt die Antwort auf die Frage nach dem Wohnort fast einem Geständnis gleich... weiter






Werbung


Werbung