• vom 01.10.2014, 18:03 Uhr

Stadtpolitik

Update: 01.10.2014, 19:35 Uhr

Islam

"Es gibt keinen moderaten Islam"




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Von Solmaz Khorsand

  • Islamkritiker Hamed Abdel-Samad fordert, dass sich friedliche Muslime der "faschistoiden Kernbotschaft" des Islams stellen.

Salafisten bei einer Koran-Verteilungsaktion im Wuppertal. "Sie bieten Anerkennung und klare Strukturen", so Abdel-Samad. . - © dpa/Henning

Salafisten bei einer Koran-Verteilungsaktion im Wuppertal. "Sie bieten Anerkennung und klare Strukturen", so Abdel-Samad. . © dpa/Henning

Islamkritiker Abdel-Samad: "Der Islam hat einen Geburtsfehler. Er ist sehr früh in seiner Geschichtepolitisch erfolgreich geworden und hat bereits zu Lebzeiten des Propheten einen Staat gegründet."

Islamkritiker Abdel-Samad: "Der Islam hat einen Geburtsfehler. Er ist sehr früh in seiner Geschichtepolitisch erfolgreich geworden und hat bereits zu Lebzeiten des Propheten einen Staat gegründet."© Droemer Knaur Islamkritiker Abdel-Samad: "Der Islam hat einen Geburtsfehler. Er ist sehr früh in seiner Geschichtepolitisch erfolgreich geworden und hat bereits zu Lebzeiten des Propheten einen Staat gegründet."© Droemer Knaur

Wien. Hamed Abdel-Samad polarisiert. Für die einen ist der deutsch-ägyptische Islamwissenschafter ein mutiger Islamkritiker, der Dinge beim Namen nennt, für die anderen ein Scharfmacher, der rechten Kreisen mit seinen provokanten Thesen in die Hände spielt. 2013 wurde der streitbare Publizist nach einem Vortrag mit einer sogenannten Fatwa belegt, radikale Islamisten rufen zu seiner Ermordung auf. Seither steht er unter Personenschutz. In seinem aktuellen Buch "Der islamische Faschismus" argumentiert er, dass der Ur-Islam in seinem Kern einen faschistoiden Charakter hat. Heute, Donnerstag, diskutiert er bei den "Wiener Stadtgesprächen" zum Thema "Islam und Westen". Mit der "Wiener Zeitung" sprach Abdel-Samad vorab über die Mär eines moderaten Islams, verdächtige Glaubensgemeinschaften und warum er Europa verlassen will.

"Wiener Zeitung": In Ihrem Buch werfen Sie die These auf, dass der Islam in seinem Kern faschistisch sei und dass sich Muslime - ähnlich wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vom Nationalsozialismus - auch vom Islam emanzipieren müssten. Wie soll diese Emanzipation aussehen?

Information

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 in Kairo als
Sohn eines Imams, trat er 1991 der Muslimbruderschaft bei, von der er sich drei Jahre später abwendete. Heute ist der bekannte Islamkritiker Mitglied der Deutschen Islamkonferenz.

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Hamed Abdel-Samad: Der Islam hat einen Geburtsfehler. Er ist sehr früh in seiner Geschichte politisch erfolgreich geworden und hat bereits zu Lebzeiten des Propheten einen Staat gegründet. Das hat keine andere Religion geschaffen. Der Islam ist von Anfang an politisch geworden. Und dabei vermischt sich Politik, Wirtschaft, Kriege und Gewalt mit der Religion. So wurde alles sakralisiert. Das ist das Ur-Problem. Nicht einzelne Passagen.

Also Muslime, die sich als Demokraten bezeichnen, müssten ihre Religion per se ablehnen?

Sie müssen sich von der juristisch-politischen Seite des Islams lösen, denn diese Seite trägt faschistoide Züge. Solange der Islam davon ausgeht, dass Gott der Gesetzgeber ist und seine Gesetze nicht verhandelbar und veränderbar sind, muss ich - wenn ich Demokrat bin - ablehnen, dass Gott der Gesetzgeber ist. Das Christentum und Judentum in Europa haben auch keine Demokratien gestaltet. Sie mussten politisch entmachtet werden, bevor sie unter dem Dach der Demokratie leben konnten. Man kann den Islam politisch entmachten und trotzdem Muslim bleiben.

Um bei Ihrer Parallele zum Faschismus zu bleiben: Sie sagen, den Faschismus besiegte man mit konsequenter Kriegsführung. Die faschistische Ideologie musste erst eine vernichtende militärische und moralische Niederlage erleiden, sodass Widerstand keinen Sinn ergab. Wie soll eine moralische Niederlage bei den Muslimen aussehen?

Das dauert, aber man muss anfangen. Die moralische Niederlage ist nur möglich, wenn man sagt, dass die Idee des politischen Islams, der Scharia und des Kalifats an sich, falsch sind und nicht die Umsetzung von Leuten wie IS und Boko Haram, die den Islam nur falsch umsetzen. Das ist eine gefährliche Formulierung.

Warum? Die Argumentation ist, dass sich diese Gruppen aus dem Koran günstige Passagen zusammenklauben, um so ihre Taten religiös zu legitimieren.

Das stimmt nicht und ist gefährlich. Zu sagen: "Die setzen das nur falsch um" bedeutet, dass es eine Möglichkeit gibt, den Islam richtig umzusetzen. Das ist eine Hintertür für den politischen Islam. Es braucht einen Bruch mit dieser Vorstellung, dass man aus dem Islam heraus Anweisungen für politisches Handeln beziehen kann. Die Geschichte lehrt uns, dass das unmöglich ist. Wann immer sich die Religion in die Politik einmischt, mündet das in politischen und wirtschaftlichen Katastrophen.

Inwiefern unterscheidet sich der Ex-Muslimbruder Hamed Abdel-Samad vom heutigen Islamkritiker Hamed Abdel-Samad? Beide sprechen von dem einen wahren Islam.

Nicht ich gehe davon aus, sondern die Texte des Korans und die islamische Geschichte sagen das. Dass es ein paar kluge Theologen gibt, die etwas Modernes und Säkulares im Islam sehen wollen, ist lobenswert und kreativ, aber es ist eigentlich eine Umgehung der Kernbotschaft des Islams. Die Kernbotschaft ist, dass die Menschen Gott dienen und seine Gesetze auf Erden vollenden sollen. Natürlich gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen einem Menschen im Irak oder in Syrien, der Ungläubigen den Kopf abschneidet, und einem Vater in Wien oder Berlin, der seine Tochter zwingt, ein Kopftuch zu tragen. Aber beide handeln aus dem Motiv heraus, sich Gottes Willen zu beugen, und ich habe als Mensch keine andere Wahl als Gottes Willen zu vollstrecken und da liegt das Problem.

Einen moderaten Islam gibt es Ihrer Meinung nach nicht?

Das ist eine Erfindung. Der Islam hat den Anspruch das Leben eines Muslims zu regulieren, von dem Moment an, wo er aufwacht, bis hin zum Moment, wo er zu Bett geht. Wenn man sagt, es gibt einen moderaten Islam, der auf den Dschihad, auf die Scharia, auf Geschlechterapartheid und die Durchregulierung des Alltags verzichtet, was bleibt dann vom Islam übrig? Es gibt moderate Muslime, aber keinen moderaten Islam. Sie sind dann nicht wegen des Islams, sondern trotz des Islams moderat.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2014-10-01 17:56:09
Letzte ─nderung am 2014-10-01 19:35:33



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