• vom 11.03.2015, 20:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 12.03.2015, 13:22 Uhr

Interview

"Menschen selber machen lassen"




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Von Saskia Blatakes

  • Die Commons-Bewegung hat eine andere Vorstellung von Öffentlichkeit, erklärt die Sozialwissenschafterin Brigitte Kratzwald.

Auf Ideen wie Begegnungsräume ohne Konsumzwang (zum Beispiel Reparaturcafés oder Leihläden) sind die Planer der Seestadt Aspern leider nicht gekommen, kritisiert Commons-Expertin Kratzwald.

Auf Ideen wie Begegnungsräume ohne Konsumzwang (zum Beispiel Reparaturcafés oder Leihläden) sind die Planer der Seestadt Aspern leider nicht gekommen, kritisiert Commons-Expertin Kratzwald.© apa/Hochmuth Auf Ideen wie Begegnungsräume ohne Konsumzwang (zum Beispiel Reparaturcafés oder Leihläden) sind die Planer der Seestadt Aspern leider nicht gekommen, kritisiert Commons-Expertin Kratzwald.© apa/Hochmuth

"Wiener Zeitung": Wien wächst rasant. Bis 2029 sollen hier neuen Berechnungen zufolge zwei Millionen Menschen leben, unter anderem in der Seestadt Aspern, einem der größten Bauvorhaben Europas. Wurden Ihrer Meinung nach bei der Planung alle Möglichkeiten genutzt oder wäre mehr drin gewesen in Sachen gemeinschaftliches Wohnen und Nutzung des öffentlichen Raumes?

Information

(sbl) Commons sind soziale Vereinbarungen über die Nutzung öffentlicher Güter. Grund und Boden sind damit ebenso gemeint wie Rohstoffe und Wasser, Wissen, Kunst und Kultur, das Gesundheits- oder Bildungssystem und nicht zuletztauch freie Software. Lange dominierte die Vorstellung, dass Gemeingüter
permanent von Übernutzung bedroht sind und damit Verteilungskämpfe drohen. Der Ökologe Garrett Hardin prägte dazu 1968 den Begriff der "Tragedy of the Commons" (Tragik der Allmende). Dieses Bild hat sich
gewandelt. Die Commons-Forscherin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom zeigte in "Governing the Commons", dass eine nachhaltige Bewirtschaftung
von Gemeingütern möglich und die Kooperation der betroffenen Bürger weit wichtiger ist, als staatliche Kontrolle oder Privatisierungen.

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Brigitte Kratzwald: Die Architekten und Stadtplaner haben sich zwar viele Gedanken gemacht, aber es ginge sicher noch mehr, wenn man die Menschen selbst machen ließe. Wenigstens die U-Bahn wurde früh genug gebaut. In Graz haben wir ja mit den Reininghausgründen ein ähnliches Projekt. Da gibt es noch nicht einmal eine Straßenbahn. Gerade im Sinne der Reduktion von Autoverkehr ist es wichtig mitzudenken, was für die Bewohner in fußläufiger Entfernung liegt. Ganz wichtig sind auch Begegnungsräume ohne Konsumzwang, wie Reparaturcafés oder Leihläden. Auf solche Ideen kommen die Planer leider nicht. Eine große Chance sehe ich in den Pionierinnen und Pionieren der "Vienna Transition Base", die aus der freien Experimentierfläche "Sprungbrett Aspern" entstanden ist. Seit drei Jahren wird dort herumgebastelt und Ideen zu einer positiven Stadt-Land-Beziehung werden weitergedacht. Ich hoffe, dass sie bleiben dürfen.

Was steckt hinter der Commons-Idee?

Öffentliches Eigentum entstand ja eigentlich erst im Zusammenhang mit der Herausbildung des Sozialstaats im 20. Jahrhundert. Verbunden damit war die Idee, dass der Staat die negativen Auswirkungen des Kapitalismus abfedert. Vieles, was früher als Gemeingut organisiert war, wurde jetzt dem Staat anvertraut. Aus Siedlungsgenossenschaften wurde sozialer Wohnbau. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass alle öffentlichen Güter der Regierung gehören, die damit machen kann, was sie will. Die Commons-Bewegung hat eine andere Vorstellung von Öffentlichkeit, die viel älter ist und alle stimmberechtigten Bürger und Bürgerinnen einschließt.

In Wien ist trotz neuer Gemeindebaupläne auch eine Tendenz zu Umwidmungen und Privatisierungen erkennbar. Was sind die Folgen?

Wenn der Staat selbst nach Kriterien der Effizienz funktionieren muss, kann er natürlich die negativen Auswirkungen des Kapitalismus nicht mehr abfedern. Wenn der Staat nicht mehr sicherstellen kann, dass Bildung oder Gesundheitsversorgung für alle zur Verfügung stehen, dann entsteht schnell die Vorstellung, Private könnten das besser, effizienter und treffsicherer. Die Folge ist natürlich, dass vieles teurer wird und die Versorgung leidet. Man muss sich nur einmal ansehen, wie viele Postämter geschlossen wurden, wie der öffentliche Nahverkehr im ländlichen Raum ausgedünnt wurde und wie die Mieten in die Höhe geschossen sind.

Gestiegene Mieten und auf wenige Jahre begrenzte Mietverträge sind für viele ein Problem. Sie beschäftigen sich auch mit neuen Eigentums- und Nutzungsformen von Immobilien. Welche Alternativen gibt es zum klassischen Kaufen oder Mieten?

Es gibt zurzeit in unserem Rechtssystem nur eine Eigentumsform, und zwar das ausschließende Privateigentum. Das heißt, was mir gehört, damit kann ich tun und lassen, was ich will. Ich kann Wohnraum horten, verkaufen oder verfallen lassen. Früher gab es viele Formen des Eigentums und in vielen Ländern der Erde gibt es die auch heute noch. Eigentum kann zum Beispiel durch die Nutzungsrechte anderer Menschen eingeschränkt werden. Wenn Menschen hier in Österreich versuchen, alternative Wohnprojekte zu verwirklichen, kommen sie oft darauf, dass diese Rechtsform des Eigentums dazu nicht geeignet ist.

Warum?

Weil sie den Menschen keine Unverkäuflichkeit garantieren kann. Trotzdem sind sie kreativ und nutzen das bestehende Eigentumsrecht, um das Gegenteil zu erreichen.

Wie funktioniert das?

Zum Beispiel mithilfe einer gemeinnützigen Stiftung, die ja in Österreich einen schlechten Ruf hat, weil man damit oft Steuerhinterziehung verbindet. Ich kann Grund in eine Stiftung einbringen und der einzige Zweck dieser Stiftung ist es, diesen Grund aus dem Immobilienmarkt rauszunehmen. Dann kann ich ihn für alternative Nutzung bereitstellen.

Gibt es Beispiele, wo dies bereits getan wird?

Es gibt zwei Modelle, die schon sehr weit gediehen sind. Eine Linzer Gruppe namens Habitat und eine Wiener Initiative namens Rasenna. Beiden geht es darum, herauszufinden, wie man Wohnungen und Häuser aus dem Spekulationsmarkt herausnehmen und verhindern kann, dass sie weiterverkauft werden.

Sie waren vor einigen Jahren selbst Mitbegründerin der Grazer Lebensmittelkooperative "Krautkoopf". Wie haben Sie das erlebt?

Zum ersten Infoabend kamen über vierzig Leute, das Interesse war enorm. Es folgten zähe Grundsatzdiskussionen. Wie weit dürfen die Produzenten entfernt sein? Sollen wir nur vegetarische Produkte einkaufen oder auch Fleisch? Kaufen wir nur Lebensmittel mit Bio-Siegel? Es sind dann leider einige weggeblieben, denen das vielleicht zu mühsam war. Ob es vielleicht besser funktioniert hätte, wenn wir nicht so lange debattiert und stattdessen gleich losgelegt haben, weiß ich nicht. Es hat dann aber trotzdem geklappt. Zehn bis fünfzehn Personen sind übrig geblieben.

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Dokument erstellt am 2015-03-11 17:35:07
Letzte ─nderung am 2015-03-12 13:22:36



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