• vom 03.02.2015, 17:31 Uhr

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Update: 16.12.2015, 13:20 Uhr

Mobilität

Die große Neuordnung auf der Straße




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Von Bernd Vasari

  • Mit dem Stadtentwicklungsplan Step 2025 will die Stadtregierung das Auto endgültig an den Rand drängen.

Wer früher mit 18 Jahren nicht den Führerschein machte, hatte Erklärungsnot. - © Kirn Vintage Stock/Corbis

Wer früher mit 18 Jahren nicht den Führerschein machte, hatte Erklärungsnot. © Kirn Vintage Stock/Corbis

Wien. Jahrzehntelang war die Antwort auf mehr Verkehr der Ausbau von noch mehr Straßen. Der Grundsatz der Stadtplanung lautete: Fahrzeuge und Fahrwege werden aufeinander abgestimmt. Alles andere hat Nachrang. Dass man Wohngebiete und Erholungsräume diesem Grundsatz unterordnete, galt als selbstverständlich. Die auf Stelzen, quer durch die Stadt geführte Autobahn Tangente ist ein unverkennbarer Zeuge der damaligen Zeit. Einer Zeit, in der Stau, Umweltverschmutzung und hohe Kosten noch nicht in Verbindung mit dem Auto gebracht wurden. Stattdessen galt der Pkw als Symbol für den Wirtschaftsaufschwung. Wer im Alter von 18 Jahren nicht den Führerschein machte, stand in Erklärungsnot.

Die Nachwehen dieser Zeit sind auch heute noch zu spüren, wenn man etwa an die hitzigen Gefechte rund um die Verkehrsberuhigung auf der Mariahilfer Straße denkt. Viele Menschen wollen sich nach wie vor keine Stadt vorstellen, in der das Auto nur eine Nebenrolle spielt. Die Zahlen sprechen aber eine andere Sprache. So legen immer weniger Wiener ihre Wege mit dem Auto zurück. Auch die Kfz-Neuzulassungen (Motorräder miteinberechnet, Anm.) werden von Jahr zu Jahr weniger. 2014 sank die Anzahl um 1,8 Prozent gegenüber 2013 - bei einem jährlichen Bevölkerungswachstum von mehr als 25.000 Personen. Gleichzeitig boomen Öffis, Radfahren und Carsharing. 640.000 Jahreskartenbesitzer sind für die Wiener Linien ein noch nie dagewesener Rekordwert. Die beiden Carsharing-Anbieter Car2go und DriveNow sowie der städtische Fahrradverleih haben ordentliche Zuwachsraten.

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Verkehr durch Mobilität ausgetauscht
Am deutlichsten lässt sich die sinkende Bedeutung des Autos in den zahlreichen stadtplanerischen Konzepten und Diskussionen festmachen. Das Auto findet sich dort nur noch in der Unterkategorie des Begriffs motorisierter Individualverkehr wieder. Doch auch das Wort Verkehr hat längst an Strahlkraft verloren. Es wird immer öfters durch das Wort Mobilität ersetzt. Der neue Begriff, um den sich nun alles dreht, ist der Modal Split - die (Neu-)Verteilung des Verkehrs auf der Straße. Der Anteil des Autoverkehrs soll dabei reduziert werden.

Auch die Stadtregierung ist mittlerweile auf den Trend aufgesprungen. Mit dem Stadtentwicklungsplan - Step 2025 - geht man sogar einen Schritt weiter. Es sind sehr ambitionierte Ziele, die Rot und Grün hier in Zahlen gegossen haben. So sollen die Wiener im Jahr 2025 80 Prozent der Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, auf dem Rad oder zu Fuß zurücklegen. 20 Prozent würden dann nur noch auf den motorisierten Individualverkehr entfallen. Heute sind es noch 27 Prozent.

Die "Wiener Zeitung" hat mit den beiden Verkehrssprechern der regierenden Stadtparteien Gerhard Kubik (SPÖ) und Rüdiger Maresch (Grüne) gesprochen, wie die ambitionierten Ziele des Stadtentwicklungsplans erreicht werden sollen und welche Maßnahmen geplant sind.

"Wenn du keinen Führerschein hattest, dann warst du ein Lulu"
Gerhard Kubik ist so wie Rüdiger Maresch davon überzeugt, dass die Ziele des Step 2025 erreicht werden. Ihre Zugänge sind hingegen sehr unterschiedlich. Kubik will zwar genauso wie Maresch das Angebot verbessern - Öffis und Radwege ausbauen, Gehsteige breiter machen - allerdings soll den Bürgern nicht allzu viel zugemutet werden, sagt Kubik. Der Wandel "muss den Leuten in homöopathischen Dosen verabreicht werden. Mit der Brechstange wird es nicht funktionieren", so der rote Verkehrssprecher.

Als positives Beispiel nennt er die Prater Hauptallee, die man schrittweise vom motorisierten Verkehr befreit hat. "Man hat vor etwa 40 Jahren angefangen, die Allee teilweise und dann ganz zu sperren. Zwischendurch ist sie dann für Veranstaltungen immer wieder aufgemacht worden. Das hat man dann reduziert, genauso wie im Laufe der Jahre immer mehr Querungen weggenommen wurden. Heute ist sie komplett autofrei. Autos kann sich auf der Hauptallee niemand mehr vorstellen", erzählt Kubik. Eine andere Möglichkeit sei die Beibehaltung von Sperren nach Baustellen. "Ein Teil der Novaragasse im 2. Bezirk musste aufgrund des U-Bahn-Baus für fünf Jahre geschlossen werden. Nach den Bauarbeiten haben wir sie nicht mehr aufgemacht und niemand hat sich aufgeregt."

Um den motorisierten Pendlerverkehr einzudämmen, will Kubik das Angebot der Öffis erhöhen. Konkret wurde er dabei aber nicht. "Das muss man sich im Detail anschauen", so Kubik. Eine City-Maut lehnt der rote Verkehrssprecher ab. Er verweist auf die Volksbefragung, wo sich der Großteil der Befragten dagegen entschieden hatte. Generell seien für ihn restriktive Maßnahmen der falsche Weg, um den Modal Split zu ändern. Damit wachse nur der Unmut, sagt er.

Kubik kennt die Generation der Autofahrer, die so wie er, in den 1970er Jahren noch anders sozialisiert wurde. "Wenn du damals keinen Führerschein gemacht hast, dann warst du ein Lulu", erinnert er sich. Und heute soll der Autofahrer so schnell wie möglich verschwinden, schüttelt Kubik den Kopf. "Die Leute müssen selber draufkommen, dass es auch andere Fortbewegungsmöglichkeiten gibt."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2015-02-03 17:35:07
Letzte ─nderung am 2015-12-16 13:20:35



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